Ep. 6 „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez
Shownotes
Ist Fiktion notwendig, um realistisch zu schreiben? Der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit" (1967) des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez erzählt den Aufstieg und Untergang der Familie Buendía im Dorf Macondo und verbindet reale Geschichte mit fantastischen, mythischen Ereignissen. In seiner Nobelpreisrede hob Márquez 1982 hervor, wie sehr der Kolonialismus und der Imperialismus Europas und Nordamerikas die Geschichte Lateinamerikas geprägt hat und dass deshalb der Westen Lateinamerika exotisiert und politisch bevormundet - bis heute.
In dieser Folge spreche ich mit der Sprachwissenschaftlerin und Autorin Svenja Hauerstein über die Einsamkeit beim Schreiben über koloniale und imperialistische Gewalt. Wie erzählt man eine Geschichte über mehrere Generationen? Warum entwickelt Márquez in einer Figur ein desillusioniertes Spiegelbild vom Heldenmythos des liberalen Revolutionärs Simón Bolívar? Was macht den magischen Realismus aus? Und welche Schnittmenge hat er mit Karl Marx' Kritik an bürgerlichen Fetischismen?
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Transkript anzeigen
00:00:04: Hallo und herzlich willkommen bei Klasse Literatur, dem Literatur-Podcast mit Klassenperspektive.
00:00:18: Mein Name ist Mesut Barakta und in dieser Folge geht es um einen Roman, worin die Sätze ebenso ungewöhnlich wie fesselnd klingen – nämlich um hundert Jahre Einsamkeit des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel Garcia Marquez.
00:00:32: Zu Gast habe ich Zvenja Hauerstein!
00:00:35: Hallo.
00:00:37: Svenja Hauerstein ist Sprachwissenschaftlerin und Autorin, sie hat in Stuttgart und Hamburg Lingoistik und Philosophie studiert und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum im Bereich historische Lingoistic.
00:00:52: Sie arbeitet außerdem als freie Lektorin ist Redakteurin beim Literaturkollektiv Nu, konfrontative Literatur also gewissermaßen eine Kollegin und ist seit den Jury des Konstantin Andok Literaturpreises.
00:01:07: Zvenja, bevor wir ins Gespräch kommen möchte ich kurz das Buch und das Thema des heutigen Podcasts skizzieren.
00:01:14: Der Roman Hundert Jahre Einsamkeit ist das bekannteste Werk von Gabriel Garcia Marquez der zwischen Der Roman erzählt den Aufstieg und Untergang der Familie Buendia im Dorf Makhondo, verbindet reale Geschichte mit fantastischen mythischen Ereignissen auf die wir ganz besonders zu sprechen kommen werden.
00:01:39: Besonders wegen dieses Werkes erhielt Marquez den Literatur-Nobelpreis, in seiner Nobelpreisrede mit dem Titel Die Einsamkeit Lateinamerikas hob Marqueser vor, wie sehr der Kolonialismus und der Impräalismus Europas und Nordamerikas die Geschichte Lateinamerikhas geprägt hat.
00:01:58: Und dass deshalb der Westen Latein Amerika oft missverstanden, exotisiert und politisch bevormundet hat.
00:02:06: Dabei sei die historische Realität Latein Amerikas so außergewöhnlich und gewaltsam das sie kaum mit europäischen Maßstämen erfasst werden kann.
00:02:15: Inzwischen gibt es sogar die Geschichte auch als Netflix-Serie.
00:02:20: Dabei hat sich Marquez sein Leben lang gegen eine Verfilmung seines Romans gewährt.
00:02:26: Zvenja, bevor wir in den Roman einsteigen lass uns doch erst einmal dieses Buch einordnen und die Eckpunkte definieren damit wir auch im Kontext über hundert Jahre Einsamkeit sprechen können.
00:02:40: kannst du zunächst erstmal zusammenfassen worum es in dem Roman eigentlich geht?
00:02:44: Es geht in Hundert Jahre Einsamkeit um ein fiktives Dorf, das heißt Makondo.
00:02:50: Das hattest du ja schon erwähnt.
00:02:52: Viele sehen auch Ähnlichkeiten zu der Heimat des Schriftstellers nämlich zur Stadt Arakataka in Kolumbien, in der Marquez aufgewachsen ist.
00:03:03: Es geht aber in dem Roman um die Geschichte dieses fiktiven Dorfs von seinen Anfängen bis zu seinem Untergang also bis zum Punkt an dem niemand mehr in dem Dorf lebt.
00:03:15: Die Geschichte wird dabei aus der Perspektive der Familie Buendia erzählt.
00:03:20: Das heißt, die Handlung verfolgt diese Familie über sechs Generationen durch die verschiedenen Abschnitte und Entwicklungen, die dabei eben auch das Dorf durchmacht.
00:03:30: Insofern ist das eine ganz schön lange Zeitspanne, die das Buch abdeckt – eben die Hundert Jahre wie schon der Titel verrät!
00:03:40: Der Ausgangspunkt ist dabei die Gründung der Stadt durch Jose Acadio Buendia, der mit seiner Frau
00:03:47: und
00:03:47: einigen anderen Familien auf der Suche nach einem Ort ist, an dem sie eben eine Stadt gründen können.
00:03:55: Über den Verlauf des Romans werden die Familienmitglieder mal... mehr, mal weniger detailliert in den Fokus genommen.
00:04:05: Es gibt aber total viele Stränge die in dem Buch verfolgt werden was ja schon auch diese.
00:04:13: Ja dass man das Buch anlegt über sechs Generationen führt ja dazu dass man da superviele Perspektiven In den Blick nehmen kann und dadurch ist es schwierig so ein bestimmten Plot oder eine bestimmte Handlung zu skizzieren.
00:04:30: Also eins wird ja vor allen Dingen deutlich, es handelt sich in gewisser Weise auch um ein Familienroman.
00:04:34: Um einen intergenerationellen Roman wie du sagtest der über mehrere Generationen, sechs Generation hinweg geht.
00:04:41: und doch ist dieser Roman ja auch eine große Farbe auf die Geschichte Lateinamerikas.
00:04:49: also immer wieder begegnet man in der Rezeption auf diese Hinweise dass der Roman wie eine symbolische Geschichtsschreibung lateiner Amerikas aufgebaut ist.
00:04:59: Das merkt man gleich zu Anfang des Textes.
00:05:02: Der Text beginnt mit einer ja, in gewisser Weise kolonialen Gründungsmitologie und ich möchte kurz ein Ausschnitt dazu lesen.
00:05:11: Viel Jahre später vor dem Erschießungskommando sollte Oberst Aureliano Buendia sich an jenen fernen Nachmittag erinnern als sein Vater ihn mitnahm das Eis kennenzulernen.
00:05:25: Makondo war damals ein Dorf von zwanzig Häusern aus Lehm und Falrohr am Ufer eines Flusses gebaut, dessen glasklares Wasser dahinschoss in einem Bett glatt polierter Steine.
00:05:38: Weiß?
00:05:38: Und riesig wie prähistorische Eier!
00:05:41: Die Welt war so neu dass viele Dinge noch keinen Namen hatten und wer von ihnen sprechen wollte musste mit dem Finger auf sie zeigen.
00:05:51: Das klingt ja wie in Garten Eden von der Legende um Adam und Eva, wo sie sprechen lernen.
00:05:56: Und erstmal auf die Dinge zeigen und ihr Namen dafür erfinden... ...und so beginnt halt auch diese Geschichte also quasi mit einer Rückblende, mit einer Rückerinnerung, einer sehr zentralen Figur, auf die wir noch kommen werden In eine Art Ja, vor historische Zeit ne?
00:06:14: Prähistorische Eier heißt es.
00:06:16: Da denkt man schon gleich an die Zeit der Dinosaurier und das ist in gewisser Weise auch grotesk.
00:06:22: von Anfang an Kannst du von diesem Gründungsakt des fiktiven Dors Makando bis zu seinem Niedergang ja mehr oder weniger die Parallelen zu den historischen Perioden Lateinamerikas skizzieren.
00:06:36: Ja, also man kann in dem Kontext Lateinamerika noch ein bisschen einschränken auf Kolumbien.
00:06:44: Dass einige Anhaltspunkte gibt dass eben dieses fiktive Dorf in Kolumbian liegt.
00:06:50: aber natürlich ist in Kolombien auch sind bestimmte Sachen so verlaufen, wie sie generell in Lateinamerika Entwicklungen zu der Zeit abzeichnen.
00:07:00: Es gibt zum Beispiel durch die Schilderung der Geographie und auch durch die biografischen Daten des Autors ist es relativ eindeutig, dass man ... Dass die Stadt innerhalb Kolumbiens liegt und dort in der Region, in der Nähe der karibischen Küste.
00:07:19: Am Anfang sind ja die Gründer auf der Suche nach einem Zugang zum Meer haben aber nach mehr als zwei Jahren die Suche aufgegeben und dann eben Makondo gegründet, um den Weg nicht wieder zurückgehen zu müssen.
00:07:34: Das heißt sie haben eigentlich ihr Vorhaben das Meer zu erreichen ja nicht erreicht.
00:07:42: Makondo ist von der Geografie her auch relativ isoliert und so wird es auch beschrieben.
00:07:48: An einer Stelle heißt es, im Süden lagen die von einem ewigen Pflanzenschleim überzogenen Sympfe sowie das weite Weltall des großen Moors.
00:07:58: Das große Moor verschwamm im Westen mit einer unübersehbaren Wasserfläche.
00:08:03: Nach Rosé Arcadio Buendias Berechnungen bestand die einzige Möglichkeit, mit der Zivilisation in Verbindung zu kommen – in der Nordroute.
00:08:16: Durch diese geografische Lage haben die Menschen in Marconno auch erst mal keinen Kontakt mit anderen Menschen.
00:08:24: Also sie sind erstmal relativ isoliert und den einzigen Kontakt von außen bekommen sie eben durch die Sinti und Roma, die da durchkommen weil das... Weil Marconnu auf ihrer üblichen Route liegt.
00:08:39: also Sie kommen eigentlich aus dem Wasser aus dem Sumpf Genau, das war damals in Kolumbien bei vielen Städten so.
00:08:49: Dass sie lange Zeit autonom geblieben sind und im Gegensatz auch zu anderen Städtenden in Lateinamerika die infrastrukturell eben stärker waren und schneller verbunden und ausgebaut wurden.
00:09:04: Waren gerade diese Städte da in der Küstenregion zur Karibischen Küste Also nicht direkt an der Küste, sondern ein bisschen mehr Land einwärts.
00:09:13: Lange Autonom dadurch dass eben auch das Gelände nicht so einfach zu durchqueren und zu besiedeln war.
00:09:21: also da gibt es viele Sümpfe, viele Berge Dichte Wälder Es gibt wenig Flaches leicht durchquerbares Terrain.
00:09:29: Genau das ist eben genau die Ausgangslage von Makondo.
00:09:35: Und dadurch hat sich eben auch Makondo in dem Buch, aber auch viele Städte in Kolumbien in der Region sehr unabhängig von der Hauptstadt Kolumbiens entwickelt und hatten dadurch aber auch Kontakt mit den Kulturen von außen nieder.
00:09:52: teilweise durchgekommen sind.
00:09:54: Der Jose Buendia, der Gründer der Stadt, der sucht ja auch diesen Kontakt zu den Sinti und Roma.
00:10:01: Dieser Kontakt befeuert seinen Neugier- und Erfindergeist.
00:10:05: Dadurch kommen neue Erfindungen in die Stadt, indem er sich mit Menschen austauscht.
00:10:13: Diese schlechte Anbindung an die Hauptstadt oder andere Städte erschwert eben auch den Handel.
00:10:19: Das war eigentlich nicht möglich im großen Haar ... Maßstab, Handel zu betreiben mit anderen Städten.
00:10:25: Dieser erste Abschnitt, wo quasi Makondo erst mal autonom sich entwickelt, wiegelt eben auch die Situation von Kolumbien wieder in der Zeit.
00:10:34: Denn in Kolumbin war es damals ein grundsätzliches Problem, dass nicht so viel in Infrastruktur investiert wurde und dadurch, dass schwerer war für viele Städte Handel zum Betreiben.
00:10:46: Das kann man so als die erste Phase zusammenfassen, die auch in dem Buch beschrieben wird.
00:10:51: Die zweite Phase würde ich dann darin verorten, dass es irgendwann Ursula, also der Frau von Jose Acadio Buendia gelingt eine Verbindung zu einer anderen Stadt herzustellen und diese andere Stadt hat wiederum ne Straße zur Hauptstadt.
00:11:14: Das heißt, so ist quasi dann eine indirekte Verbindung zur Hauptstadt gegeben und dadurch wird auch eben ein Richter von der Hauptstadt nach Makondo ins Sand.
00:11:25: Der dort bestimmte Vorschriften einführen soll.
00:11:31: zum Beispiel will er das alle Häuser in blau gestrichen werden und er soll quasi als Richter bei Streitigkeiten auch nach dem Recht der Hauptstadt entscheiden.
00:11:42: Und das führt dann eben zu einem Konflikt zwischen den Gründern der Stadt und dem Richter, bzw.
00:11:51: dem Gründer und auch den Menschen in der Stadt, die da leben weil sie eben keinen Grund drin sehen sich von der Hauptstatt kontrollieren zu lassen.
00:12:03: Sie setzen sich dagegen zur Wehr und setzen dann auch durch, dass der Richter zwar bleiben darf.
00:12:08: Aber das die Soldaten, die er mitgebracht hat, die wieder abziehen müssen... ...und dass sie keine Vorschriften über die Farbe der Häuser machen dürfen.
00:12:16: Also die Farber der Häuse ist natürlich ein bisschen banales Beispiel aber ich glaube es zeigt auch so'n bisschen die ja bis hin so die Willkür oder auch die Lächerlichkeit von solchen Vorschriften und eben auch dass die Vorschriffen aus der Hauptstadt sich nicht orientieren an der Lebensrealität von den Menschen in Makondo oder einer Stadt, die so ganz andere Bedingungen auch hat.
00:12:39: Und in dem Verhältnis wird dann eben auch der Gegensatz zwischen den konservativen und liberalen Kräften in Kolumbien deutlich.
00:12:47: Die konservative Kräfte sind eher der Hauptstadt zu geneigt und die liberalen kräfte wollen die Unabhängigkeit der unterschiedlichen Regionen eher nach einem föderalistischen Prinzip.
00:12:58: Und obwohl sich der Gründer zunächst eben durchgesetzt hat, wächst die konservative Hegemonie in der Hauptstadt weiter.
00:13:10: Und sein Sohn Aureliano Buendia führte dann Jahre später, da können wir dann glaube ich auch noch drauf zu sprechen ausgehend von einem Kampf gegen die Hegemonie und Gewalt der Konservativen in Marcondo.
00:13:23: Den Kampf gegen den Konservaten an und führt da eben auch einen Kampf für die Unabhängigkeit in dem größeren Maßstab.
00:13:31: Das wäre eben so diese zweite Phase der Unabhänigkeitskämpfe gegen die spanische Krone, gegen die Hauptstadt Genau, die eben auch in Makondo mitkriegt.
00:13:46: Eine dritte Phase oder eine dritte große Phase, die im Roman skizziert wird ist als Die United Fruit Company nach Makondo kommt und sich dort ansiedelt.
00:13:59: Es gibt dort ne Bananenplantage aufgebaut, die unter einer... Nordamerikanischen Herrschaft steht quasi.
00:14:12: Und durch eben das Heranwachsen dieser Bananenplantage zum größten und wichtigsten Arbeitgeber der Stadt nimmt die eben auch eine entsprechende Stellung in Makondo ein, und ändert eben auch ganz grundlegend das Leben der Menschen in der Stadt.
00:14:30: Es gibt einen Bahnhof also es fahren dann Züge durch Makondo ausgehend davon, dass Bananen transportiert werden müssen.
00:14:41: Dadurch passiert es eben auch, dass ganz viele Menschen von außen nach Makondo kommen und die Stadt floriert.
00:14:50: Es entsteht dann eine Straße wo Handel betrieben wird, wo man Produkte quasi aus anderen Städten auch aus dem Westen kaufen kann.
00:15:02: Und das ist ein ziemlicher Gegensatz zu den anderen Epochen, wo Makondo erst mal isoliert war und die Einwohner keinen Kontakt hatten zu der Welt nach draußen.
00:15:19: Trotz dieses Wohlstands erstmal werden aber die Arbeiter... auf der Bananenplantage sehr schlecht behandelt und ausgebeutet, sodass es dann irgendwann dazu kommt dass die Arbeiter auch für bessere Bedingungen streiken.
00:15:34: Und natürlich wird dieser Aufstand von einem der Buendias vorangetrieben nämlich von José Aureliano Segundo.
00:15:41: das ist der Ur-Enkel des Gründers José Arcadio Buendia.
00:15:48: Die Firma gibt vor Verhandlungen führen zu wollen ja auf Direktion zu diesem Streit zu diesem Streik und bestellt dann die Arbeiter auf den Marktplatz, wo sie alle niedergeschossen werden.
00:16:01: Und das geht tatsächlich auf ein reales Ereignis zurück.
00:16:05: Am sechsten Dezember, achtundzwanzig in Cienaga in Kolumbien erschießt die United Fruit Company dreitausend streikende Arbeiter.
00:16:14: also ist auch wirklich so.
00:16:16: Beziehungsweise lässt mit der Staatsgewalt die Arbeit quasi Niedermetzeln.
00:16:22: Genau richtig ja Ja, genau.
00:16:26: Und die Zahl stimmt auch überein.
00:16:27: also im Buch sagt der Aureliano sagt ja es waren wahrscheinlich so circa dreitausend und das ist auch bekannt und er überlebt auch als einziger dieses Massaker.
00:16:44: und im Anschluss verbreitet die Firma so erfolgreich falsche Information dass am Ende alle Bewohner sagen dass ja eigentlich gar nichts passiert wäre.
00:16:55: Also er wacht dann in so einem Leichenberg quasi und kommt zurück in die Stadt, will den Menschen erzählen was hier passiert ist?
00:17:04: Und fragt, was ist denn mit dem ganzen Leichen passiert?
00:17:07: Wo sind die hin?
00:17:08: Das waren bestimmt dreitausend... ...und die Leute sagen ihm, wovon redest du!
00:17:13: Hier ist doch gar nix passiert.
00:17:16: Genau und im Anschluss daran zieht eben auch diese United Fruit Company ab aus Marconno und es beginnt quasi die letzte große Phase in dem Roman, und zwar die des Verfalls.
00:17:29: Die Menschen verschwinden langsam aus der Stadt und der Dschungel holt sich dann irgendwann das Gebiet zurück.
00:17:34: Ja du hast jetzt in sehr langen Streifzügen quasi die vielfältigen Fäden mit denen dieser Roman gesponnen ist nachgezogen rekonstruiert wird so damit auch deutlich wie sehr Macondo, wie eine Miniatur der lateinamerikanischen Geschichte steht mit all diesen Phasen wie du sie nennst von der Entdeckung und der Kolonialzeit über die Unabhängigkeit.
00:18:04: Die Bürgerkriege den Imperalismus, den US-Einfluss und dann schließt sich auch irgendwie die kapitalistische Moderne für Lateinamerika bzw.
00:18:14: für Macondo nur Zerfall und schließlich ja dann doch nur Isolation übrig hat.
00:18:21: Also man merkt, dieser Roman von je nach Übersetzung fünfhundert Seiten ist nicht nur all das was wir bisher schon gesagt haben sondern er isst auch eine Sozialgeschichte auch eine Wirtschaftsgeschichte.
00:18:38: uns zeigt wie unterschiedliche Produktionstechniken und Produktionsverhältnisse soziale Lebenszusammenhänge und Beziehungen immer wieder umkrempeln.
00:18:50: Und dabei haben wir dieses Ensemble an Figuren, die damit irgendwie zurechtkommen ja auch müssen.
00:18:58: Bevor wir aber zu diesen Figuren kommen würde ich gerne an der Stelle noch auf eine Sache eingehen nämlich auf den Autor selbst.
00:19:07: Also Marques war ja auch ein überzeugter Sozialist und Anti-Imperialist, das hat er auch in seiner Nobelpreisrede sehr deutlich gemacht und ist die auch bekannterweise in enger Freundschaft mit dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro gewesen und hat nie seine Sympathien für die Kubanische Revolution zurückgehalten im Gegenteil.
00:19:31: Es stand immer solidarisch an der Seite des kubanischen Volkes und des sozialistischen Aufbaus, welchen Einfluss hat das auf seinen Schreiben?
00:19:41: Und wie drückt sich das in hundert Jahre Einsamkeit aus Svenja?
00:19:45: Kannst du da vielleicht die ein oder anderen Merkmale und Elemente so hervorheben, die diese ja auch Haltung in gewisser Weise deutlich machen sichtbar machen?
00:19:58: Ja, Marquez hat ja auch als Journalist gearbeitet und ist vor allem durch diese journalistische Arbeit auf der Welt viel rumgekommen.
00:20:07: Und Castro hat ihn dann gebeten in ein Buch über die kubanische Revolution zu schreiben Und wie du gesagt hast, haben sie sich dann eben angefreunet.
00:20:18: Genau das hat auch manche Schriftstellerkollegen nicht so gefallen beziehungsweise er hat da auch viel Kritik dafür bekommen tatsächlich.
00:20:26: Weil er politisch wurde oder weil er sich an die Seite von Castro gestellt hat?
00:20:31: Genau
00:20:31: also dass der sich so offen politisch bekannt hat.
00:20:37: Das hat vielen nicht gefallen.
00:20:39: Er war jedoch bis zum Schluss bekennender Sozialist Und das merkt man natürlich auch in seinem Schreiben.
00:20:45: Also trotz aller mystischen und magischen Momente, die ja in dem Roman vorkommen hat man gerade auch ganz gut gesehen dass eben da total viel Realgeschichte drinsteckt also ganz spezifisch auch die Entwicklung von Kolumbien.
00:21:06: Er greift ganz zentrale historische Entwicklungen auf und ist insofern auch materialistisch, als er aus der Perspektive von unten diese Geschichte erzählt.
00:21:19: Und die historische Entwicklung Kolumbiens begleitet.
00:21:25: Dabei ist ja vor allem auch der Kampf um Unabhängigkeit, also vor allem von der spanischen Krone.
00:21:31: Was dann in Marconno durch den Kampf gegen den konservativen Vertreter der Hauptstadt deutlich wird.
00:21:37: Total zentral und hier ist der Roman auch parteilig.
00:21:40: Also dadurch die Figuren wird da eben auch Stellung bezogen Dadurch dass der Aureliano durch quasi dieses Unrecht, dass sie das von den Konservativen ausgeht.
00:21:57: Dann eben auch anfängt gegen sie zu kämpfen.
00:22:00: also erhält so diese Einsicht in die Notwendigkeit durch ja durch diese Beobachtung.
00:22:10: Es gibt also eine Staatskritik Also eine Kritik an der Hegemonie eines konservativen Staates Sie auch ganz direkt ausgesprochen wird.
00:22:22: Und warum das so gut gelingt, ist eben auch weil die Figuren nicht als reine Träger von politischen Ideen eingeführt werden.
00:22:33: Also der Aureliano ist jetzt nicht von Anfang an hat nicht irgendwie das ihm in die Wiege gelegte Gerechtigkeitsgefühl und wird deswegen so ein Unabhängigkeitz kämpfen, sondern die Figur entwickeln sich ganz von selbst durch die Umstände zu diesen Trägern von bestimmten Ideen.
00:22:56: Im Grunde genommen sind es ja sehr egoistische Figuren auch, die durch ihre wirklich sehr eigeninteressengeleiteten Handlungen in Berührung kommen mit bestimmten historischen Aufgaben, die die Umstände ihnen fast schon diktieren ... Und sie im Grunde genommen, ja.
00:23:20: Die vollstrecken ohne jetzt dass Sie die primär beabsichtigen?
00:23:26: Genau
00:23:26: genau das ist eben finde ich auch sehr materiellistisch gedacht.
00:23:31: so ne also dass es quasi irgendwie nicht Ja das sind nicht irgendwie eine intrinsische Motivation von den Figuren Per se ist sondern dass sie eben da rein wachsen.
00:23:47: Deswegen ist es auch so diese Kritik am Start und an der Gewalt der konservativen Kräfte und der spanischen Krone, die ist deswegen auch so natürlich und so echt irgendwie weil sie nicht so aufgesetzt ist.
00:24:03: Und natürlich auch die Abhängigkeit von den westlichen Mächten also insbesondere Nordamerika wie ja durch ganze Geschichte mit der United Fruit Company deutlich wird, die ja auch ein reales Ereignis zurückgeht.
00:24:17: Also das ist natürlich auch einen Statement sowas in dem Roman dann zu verarbeiten.
00:24:26: und durch diese Kräfte kommen dann überhaupt es die Klassenunterschiede ins Spiel und Ja, die Entwicklung des Staates wird quasi unterbrochen von vom Kapitalismus von den westlichen Mächten und der Kapitalismus wird in die Stadt getragen, was ja dann auch die Ursache für ihren Untergang ist.
00:24:49: Ja dazu werden wir noch kommen.
00:24:52: Auch in meiner Wahrnehmung beim Lesen war es so das bestimmte... Merkmale in seiner Technik immer wieder zum Vorschein kam, sei es die Kritik an ausländischen Konzernen und der Herrschaft.
00:25:02: Sei ist die Gewalt der Herrschenden von der du gesprochen hast.
00:25:06: Die Unterdrückung der Arbeiterinnen und Arbeiter aber auch immer wieder diese Solidarität mit den Unterdrücken ja auch als Erzähler Hundert Jahre Einsamkeit ist ein antiimperillistischer Roman aus dem Geist der antikolonialen Befreiungskämpfe des zwanzigsten Jahrhunderts.
00:25:23: Und ich denke, das wird wirklich so von Seite zu Seite immer deutlicher, sodass man gerade spätestens mit dieser Stelle und um das Massaka-Mit der Bananenfabrik und der Plantage merkt, okay hier ist ab jetzt es ist eindeutig, ja?
00:25:42: Ab jetzt ist einteutig von welcher Perspektive hier geschrieben wird und mit welcher Parteiname die Realität in ihren Klassenschichtungen und Widersprüchen literarisch abgebildet wird.
00:25:58: Literarisch, das wäre oder ist das Stichwort um mal in den Roman zu steigen?
00:26:04: Und ja, die ein oder anderen Figuren zu besprechen, die er jetzt mehrmals gefallen sind.
00:26:11: Die Geschichte handelt ja auch vom Aufstieg und Untergang der Familie Boendia über mehrere Generationen hinweg, trotz dieser überlagerten Strukturen und auch Super-Strukturen die thematisiert werden.
00:26:23: Am Anfang steht der Gründer von Marcondo José Arcadio Buendia.
00:26:29: Svenja was macht ihn eigentlich aus?
00:26:32: Er ist der Patriarch der Buendianfamilie und er ist auch der Anführer der Gruppe, die auf der Suche ist nach einem Platz für eine Stadt.
00:26:41: Und damit repräsentiert er eben auch die Unabhängigkeit der alten Welt den Entdeckergeist und seine Wissbegierde, die steht eben auch für das Aufstreben der neuen Stadt oder es ist dafür verantwortlich, die sich noch etablieren muss.
00:26:59: Er freundet sich ja mit einem der Sinti und Roma an Nämlich mit dem Melchades.
00:27:06: Und ... Mit dem kommt der auch in einen ganz engen Austausch und diese Wissbegierde, die sie teilen, ist am Anfang erst mal quasi für den Aufstieg der Stadt verantwortlich.
00:27:25: Allerdings legt seine Wiss-Begierde irgendwann in Wahnsinn um.
00:27:29: Also er interessiert sich dann seit ... beginnt schon so ein bisschen für so mystische esoterische Sachen, das wird dann aber immer stärker und wird ja auch immer weniger praktisch nützlich sozusagen.
00:27:46: Genau er wird dann dadurch eben auch irgendwann verrückt.
00:27:49: also der Melchades fängt dann an auf Schriftrollen verschlüsselte Botschaften zu notieren und sie kriegen diese Botschaft nicht entschlüsselt.
00:28:02: Und das ist auch ein wesentlicher Grund, worüber er quasi dann auch den Verstand verliert.
00:28:11: Ja letztlich überlebt er den Wahnsinn auch nicht.
00:28:16: also er stirbt dann als Wahnsinniger unter dem Baum im Hof des Hauses.
00:28:24: Ja, es steht dir auch in gewisser Weise neben all dem was du schon gesagt hast für den Beginn des Zeitalters von Kolumbus also der Kolonialgeschichte und der entsprechenden kolonialen Gewalt die auch damit nach Lateinamerika kam.
00:28:42: Und dann ist ja neben ihm auch die Frau seine Frau Ursula Iguaran.
00:28:48: Welche Rolle hat sie in der Familiengeschichte?
00:28:51: Ursula ist das Rückgrat der Familie.
00:28:53: Sie ist die Matronin und ist auch eine richtige Powerfrau, also sie zieht ihre Kinder und auch die unehelichen Kinder ihrer Söhne groß.
00:29:03: Sie erwirtschaftet Geld durch den Verkauf von Backwarn sogar ziemlich gutes Geld, wodurch sie dann auch das Haus ausbauen und vergrößern.
00:29:13: Sie schmeißt den Haushalt und sie hält die Familie zusammen.
00:29:17: Sie hat doch immer einen Blick was in der Familie passiert.
00:29:21: Sie versucht die Moral- und auch den Standard der Familie aufrecht zu erhalten... ...und schafft im Gegensatz zu ihrem Mann schafft sie viel mehr Realwerte, sag ich mal.
00:29:38: Also sie ist im Prinzip für diese zentrale Stellung die die Familie Boendia auch in Makondo hat, ist sie hauptverantwortlich würde ich sagen Sie kann mit dem ganzen, der ganzen Mystik nicht soviel anfangen.
00:29:56: Sie hat kein Interesse an Esoterik also ihr Mann verbrät ja auch quasi die Mitgift, die sie quasi bekommen hat.
00:30:06: In dem verzweifelten Versuch Gold zu erschaffen und damit kann sie von Anfang an nichts anfangen.
00:30:19: also das heißt Sie ist eigentlich in der Familie im Gegensatz zu dem Vater ein bisschen der rationale Part während der Gründer der Jose Acadio da so ein bisschen mehr diesen Erfindergeist hat, der dann eben an irgendwann kippt.
00:30:40: Genau als ihr Mann dann stirbt, nimmt sie auch die Zügel in die Hand.
00:30:45: und was auch interessant ist tatsächlich wenn man sich mal diesen sehr komplizierten Stammbaum anschaut also den kann man sich danach googeln und sich einfach mal den anschauen.
00:30:59: Das macht einiges klarer, das kann man jetzt so wirklich schlecht skizzieren.
00:31:04: Und wenn man sich den mal anschaut merkt man dass Ursula fast die einzige Frau aus der Familie der Buendias ist, die Linie der Familie weiter führt.
00:31:14: also sie ist fast die Einzige die Kinder kriegt.
00:31:21: Alle anderen Frauen kommen quasi von außen, also die ihre Söhne der Aureliano und Akadio.
00:31:30: Die haben ja viele uneheliche Kinder und davon über sie geht dann quasi überhaupt die Blutlinie weiter.
00:31:40: aber die Frauen kommen immer von von Außen.
00:31:44: Ihre Tochter Amaranta ist kinderlos und auch einsam bis zum Schluss.
00:31:49: Ihre Urenkelin Remedius, die Schöne stirbt bevor sie Kinder kriegen kann ganz jung.
00:31:56: Und lediglich Renata Remedios also ihre Ur-Urenkeling kriegt ein Kind und ihre Urenkelin Amarantha Ursula.
00:32:07: Letztere zeugt das Kind aber mit ihrem Neffen.
00:32:11: Also, mit Ursula ist Uher-Uher-Uhrenkel.
00:32:15: Und ja ... als das letzte Kind ist quasi ein Produkt von Incest.
00:32:19: Das heißt bis auf Renata Remedius, die mit einem Mann der nicht aus der Familie kommt noch einen Kind zeugt, ist dann quasi das letzte kind von der Frau.
00:32:36: Der Buendias kommt ein Produkt von Incest und das überlebt ja dann letztendlich auch nicht, also da bricht die Linie ab.
00:32:43: Das heißt sie ist eigentlich so die mütterliche Kraft oder die Mutterschlechtin in der Familie.
00:32:52: Sie wird total alt, ist später zwar blind und kriegt nicht mehr so viel mit aber hat... Also das wird auch so gesagt Obwohl sie nicht mehr so viel sagt und blind ist, hat man das Gefühl, dass sie dadurch viel zusammenhält.
00:33:08: Und dass sie vielleicht doch noch mehr mitkriegt als man denkt.
00:33:12: Mit ihrem Tod beginnt dann tatsächlich auch der Zerfall der Familie.
00:33:20: Genau, so habe ich es wahrgenommen.
00:33:23: Vor allem hat mich beim Lesen immer wieder überrascht wie Ursula nach dem einen oder anderen Satz hervortritt.
00:33:30: Man fragt sich, Mensch, wie lang lebt Sie eigentlich?
00:33:33: Und ich glaube, das soll halt auch zeigen dass die Ursula als Figur in diesem Ensemble der Familie vor allem für die Kontinuität steht.
00:33:48: Für diese Stabilität also nicht so viel Abenteueratum oder Erfindertum oder die Neigung zu archämystischen... Experimenten wie der Ehrmann, sondern im Gegenteil des Rationale das Bodenständige.
00:34:04: Dass aber auch auf das Verlass ist, dass halt eine Kontinuität gewährleistet, aber darin auch immer wieder verbraucht wird.
00:34:13: Die weitere Figur, die habe ich schon beim ersten Ausschnitt erwähnt.
00:34:17: Welches ich gelesen hab und auch immer wieder hervorgehoben ist ja Oberst Aureliano Buendia meiner Ansicht nach eine sehr zentrale Figur.
00:34:26: Deswegen möchte ich noch einmal einen Ausschnitt hervorheben in der Mitte des Buches wo es auch dezidiert um ihn geht, dort heißt das.
00:34:35: Während der fast zwanzig Kriegsjahre war Oberst Arelliano Buendia oft zu Hause gewesen doch die Eile in der er stets erschien dem militärische Apparat der ihn überall hin begleitete Die Aura der Legende die seine Gegenwart vergoldete was selbst Ursula nicht unberührt ließ machten ihn schließlich zu einem Fremden.
00:34:56: Bei seinem letzten Aufenthalt in Makondo, als er sich für seine drei Konkubinen ein Haus nahm, hatte er nur dreimal die Zeit aufgebracht zu den Essenseinladungen sein eigenes zu kommen.
00:35:08: Remedios die Schöne und die mitten im Krieg geborenen Zwillinge kannten ihn kaum.
00:35:14: Amarantha konnte das Bild des Bruders der seine jungen Jahre damit verbracht hat goldfischieren zu schmieden nicht mit dem dysmytischen Kriegers vereinbaren, der zwischen sich und den Rest der Menschheit eine Distanz von drei Metern legte.
00:35:29: Als man aber von dem bevorstehenden Waffenstillstand erfuhren dachte er werde nun als menschliches Wesen wiederkehren.
00:35:36: endlich für das Herz des Seinen zurückgewonnen erwachten die so lange eingeschlafenen familiären Gefühle mit neuer Macht.
00:35:45: Ja diese Abschnitte Erinnern auch vielfach immer wieder an den südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfer Simon Bolivar.
00:35:56: Ohne, das muss man auch hinzufügen dass der Oberst diese historische herausragende Figur Boliva direkt verkörpert.
00:36:06: vielleicht einige Worte zu Simon Boliva für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer.
00:36:10: also Bolivar hat gelebt von die Jahre der bürgerlichen Revolution auch in Frankreich, Europa.
00:36:21: Er war liberaler Revolutionär und ein wenig solanischer Militär- und Staatsführer, der entscheidend zur Unabhängigkeit mehrer südamerikanischer Länder vom spanischen Kolonialherrschaft beitrug.
00:36:34: Er führte Befreiungsbewegungen in Gebieten des heutigen Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien an und wurde deshalb als El Libertador.
00:36:43: Also zu Deutsch der Befreier bekannt.
00:36:46: Für Lateinamerika war er wichtig weil er inspiriert von der französischen Revolution, die er damals auch in Europa gelebt hat und mit den Revolutionären auch in Kontakt stand zum Beispiel mit Lafayette Weil er eben die Idee eines unabhängigen oder unabhängiger geeinter Nationalstaaten förderte und damit die politische Entwicklung des Kontinents nachhaltig prägte.
00:37:12: Anders als vielleicht aber die liberalen Revolutionäre in Europa, die den Nationalstaat auch im nationalen Maßstab forderten muss man bei Bolivar sagen dass er auch vorhin Pan-amerikanisches für eine panamerikanische Idee stand, in der Lateinamerika ja im Grunde genommen ein großes Staatengebilde ist mit den Völkern als jeweilige Teile einer gemeinsamen Familie.
00:37:42: Zvenja zurück zum Oberst.
00:37:44: kannst du Gemeinsamkeiten und vor allem den Unterschied der beiden liberalen Revolutionäre darlegen?
00:37:49: was macht den Oberst aus gerade mit Blick auf den Ausschnitt den ich gelesen habe indem er Ja, ungemein überhöht wird fast zu einem übermenschlichen Kreatur.
00:38:02: Oberst Aureano Buendia macht wahrscheinlich die größte Entwicklung aller Familienmitglieder durch würde ich sagen.
00:38:10: Ich würde zuerst noch ein paar Sachen zu seiner Entwicklung sagen bevor ich auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede eingehe.
00:38:19: Er ist ja zunächst, nachdem sein Bruder Akadio das Dorf verlassen hat.
00:38:26: Er ist nämlich mit den Sinti und Roma weitergezogen.
00:38:30: Sein Bruder hat auch mit einer der Frauen einige Kinder gezeugt... ...und im Gegensatz zu seinem Bruder, der eben weggeht und die Familie verlässt,... der die Familie irgendwann ernährt, auch nach dem Tod seines Vaters in dem er kleine Fische aus Gold anfertigt und verkauft.
00:38:54: Er heiratet später eine der Töchter des Richters, die aus der Hauptstadt nach Makondo geschickt wurde.
00:39:00: Er versteht sich auch erst mal gut mit dem Richter und ist da quasi ein guter Gast, spielt mit ihm immer Schach und hat im Gegensatz zu seinem Vater keine Konflikte mit ihm.
00:39:09: also er akzeptiert gewissermaßen den Einfluss und die Hegemonie der Hauptstatt auf Makondo zunächst und heiratete sogar eine seiner Töchter, die jedoch dann sehr früh stirbt.
00:39:23: Danach hält er auch erstmal den Kontakt.
00:39:26: Doch als er eben mitbekommt, wie die Konservativen die Wahlen fälschen und eben auch ja da ihre Macht quasi auf Unrecht basiert quasi lehnt er sich auch gegen den Richter dann auf kommt dann zu der Überzeugung quasi für für die liberalen Kräfte zu kämpfen und organisiert auch einen bewaffneten Kampf gegen die konservativen Kräften.
00:39:54: Diesen Kampf gewinnt er zunächst in Makondo, zieht dann auf der Grundlage von diesem Erfolg mit seiner aufgemauten Armee weiter durch Kolumbien um für die Unabhängigkeit zu kämpfen.
00:40:08: Dadurch wird er ein angesehener Oberst ab da, dann wird er immer als Oberst Aureliano Buendia genannt im Buch und wird ein total anderer Mensch.
00:40:20: Er führt Kämpfe in ganz Kolumbien und zeugt, als er so durch die Welt zieht mit siebzehn unterschiedlichen Frauen und Kinder, die dann auch teilweise nach Makondo kommen und auf total skurrile Art und Weise sterben.
00:40:34: Zum Teil werden sie auch gejagt eben weil ihr Vater ja eben auch Irgendwann eine Person ist, die auf der Abschlussliste steht.
00:40:48: Und all seine achtzehn Kinder sterben ohne vorher selbst Kinder zu bekommen.
00:40:52: Das heißt lediglich der uneheliche Sohn von Jose Acadio, also sein Bruder, der damals weggegangen ist und dann später wiederkam führt die Blutlinie der Buendias weiter was irgendwie auch ziemlich absurd is.
00:41:09: Genau!
00:41:13: dann quasi diese Figur, die er später ist.
00:41:16: Also der Oberst Aureliano Buendia.
00:41:20: Ja da muss man natürlich schon an Simon Boliva denken.
00:41:23: also es gibt auch gewisse Überschneidungen.
00:41:26: beide haben erfolgreich für die kolumbianische Unabhängigkeit gekämpft.
00:41:31: Auch der Simon Bolivar war in Venezuela Ecuador und in Panama aktiv und hat eben gegen den Einfluss der spanischen Krone gekämpft.
00:41:41: Das ist ja auch eine Parallele zu Aurellano, der da durch die ganze Welt gezogen ist.
00:41:48: Bolivar wurde aber anders aus als Aureliano nach dem Kämpfen vor allem ein Politiker.
00:41:55: Er war der erste Präsident von Großkulumbien Und Aureliano hatte ja nie ne vergleichbare Position.
00:42:02: er war eher ein Oberst also eher militärisch aktiv und kehrt dann am Ende seiner Kämpfe in die Heimat Makondo zurück, um dort sein altes Leben wieder aufzunehmen.
00:42:14: Was nicht so wirklich gelingt.
00:42:18: Außerdem ist bei Aureliano nach all seinen Kämpfen auch eine Ernüchterung oder eine sehr tiefsitzende Ernüchterungen zu erkennen.
00:42:28: Er sagt nach seiner Rückkehr zum Beispiel... Der einzige Unterschied zwischen liberalen und konservativen ist, dass die Liberalen um fünf Uhr in die Messe gehen und die Konservatifen um acht.
00:42:41: Also, obwohl er eigentlich sein Leben dariskiert hat und auch sein Leben irgendwie gegeben hat für den Kampf... ...für die Unabhängigkeit.
00:42:48: Und für die liberalen Kräfte ist er von denen enttäuscht.
00:42:53: Am Ende gibt es zwei Parteien, die konservativen und die liberalen, die beide korrupt sind und ihre Macht ausnutzen also der herrschenden Klasse in die Hände fallen.
00:43:01: zum Schluss.
00:43:03: Die Liberalen machen genau das Gleiche als sie an der Macht sind, als sie konservativ.
00:43:08: Das ist der Grund warum er so ernüchtert ist.
00:43:12: Das ist vielleicht auch noch mal ein weiteres Merkmal dafür, dass für die Parteilichkeit und auch den politischen Hintergrund des Autors das eben da reinbringt.
00:43:30: Genau!
00:43:31: Er stirbt schlussendlich nicht auf dem Schlachtfeld sondern er stirbt eines natürlichen Todes Ein bisschen unwürdig.
00:43:39: Er geht zu der Cassane, die im Hinterruf steht des Hauses um sich dazu erleichtern und stirbt dabei und man findet ihn erst Tage später als der Familie auffällt.
00:43:54: Es riecht irgendwie komisch.
00:43:57: Genau also insofern er stirbt an der gleichen Stelle an der auch sein Vater gestorben ist Und er stirbt nicht als Nationalheld, sondern einsam und gesellschaftlich isoliert.
00:44:10: Völlig unerruhig!
00:44:12: Ja in der Tat finde ich auch dass der Obers sowas wie ein desillusionierte Spiegelbildes Boulevard Mythos ist.
00:44:21: während Boulevard für eine Vision und für eine liberale Utopie steht schafft es die Erzählung in der Figur des Oberst den Liberalismus und den Konservatismus, und die beiden entsprechenden Fraktionen im Zuge der bürgerlichen Revolution.
00:44:39: Und auch der entsprechenden Epoche bürgernlicher Revolution vollkommen restlos zu entlarven als inhaltsleer-und sinnlos also im Grunde genommen mit dem letzten Abschnitt des Lebens des Obers das ebenso sinnlos und inhaltsler war.
00:45:01: Vor allem war es auch einsam Und da wären wir ja eigentlich auch schon beim Titel.
00:45:06: Hundert Jahre Einsamkeit, das springt an ihr direkt ins Gesicht dieses Einsamkeiten.
00:45:11: Man fragt sich direkt was hat es damit aufsicht?
00:45:15: Svenja warum Einsamkeit?
00:45:18: Ja der Teacher ist Programm auch wenn sie zuweilen nicht immer offensichtlich ist denn es gibt ja auch eine Periode relativ am Anfang als die Familie Buendia ganz viel Besuch bekommt.
00:45:34: Da steht das Haus den anderen ja quasi offen und das kippt dann irgendwann, als eben Ursula immer älter wird und ihre Schwiegertoch der Fernanda in das Haus einzieht die eben durch ihre Religiosität und ihre Arroganz also sie kommt... Sie ist so ein bisschen erzogen wie eine Adlige, obwohl sie keine Adligen ist und hat deswegen so gewisse Ansprüche an das Leben.
00:46:06: Die das Leben ja aber nicht erfüllt weil sie nicht zur oberen Klasse quasi gehört.
00:46:16: Und die macht dann das Haus eben dicht also... quasi ihre Vorstellung von einem gesitteten und bürgerlichen Leben umzusetzen, wozu eben auch gehört dass man manche Menschen die dann irgendwie dreckige Hände haben das sie dann bei ihr nicht am Tisch essen dürfen.
00:46:35: Und dadurch entsteht eben auch so eine Einsamkeit in der Familie oder der Familie Buendia.
00:46:42: Das würde ich alles unter den Punkt der familiären Einsamkeit dieser sehr großen Familie stellen.
00:46:48: Es ist ja auch so, dass Tia schon erwähnt, obwohl der Aureliano so viele Kinder hat sterben alle total früh und von der Großfamilie bleiben am Ende nur zwei übrig.
00:47:01: das Haus zerfällt und die Familie Buendia geht mit dem Dorf zu Grunde.
00:47:07: Ja man gewinnt auch den Eindruck Diese Einsamkeit, das erbliche Schicksal der Familie abbildet.
00:47:15: Also dass quasi diese Einsamigkeit auch von Generation zu Generation vererbt wird wie ein Fluch, dem man nicht entkommen kann?
00:47:27: Ja genau!
00:47:30: Die Figuren sind auch sehr einsam teilweise.
00:47:34: Also Amaranta, das ist die Tochter von Ursula und Jose Acadio bleibt bis zum Schluss allein.
00:47:43: Sie ist erst unglücklich verliebt, findet dann aber später nie einen Mann.
00:47:52: Ursula,
00:47:54: die ja als Matronin alleine das Haus und Familie zusammenhalten muss wird später blind und dadurch eben auch isoliert von der Welt.
00:48:04: Fernanda hat sich gerade schon erwähnt, die schottet sich vom Dorf ab und lebt größtenteils auch ohne ihren Mann, der lieber mit seiner Geliebten zusammen ist weil sie so eine langweilerin quasi ist Für ihn Jose Acadio, der Gründer.
00:48:23: Der wird ja verrückt und lebt dann die letzten Jahre seines Lebens allein festgekettert unter einem Baum im Ruf.
00:48:31: Also die Figuren schaffen es irgendwie nicht nachhaltige Bindungen einzugehen Und sind auf sich selbst zurückgeworfen oder isolieren sich eben auch.
00:48:40: also auch zum Beispiel dann der letzte der letzte übrig gebliebene, der dann ganz zum Schluss die Schriftrollen von Melchades entschlüsselt.
00:48:51: Der sitzt da den ganzen Tag allein in der Kammer und arbeitet an der Entschlüsselung dieser Schriftollen Und das führt letztlich ja auch dazu dass sie Familie ausstirbt Genau!
00:49:04: Und natürlich die geografische Einsamkeit.
00:49:07: Makondo ist umgeben vom Wasser, vom Zunf und vom Dschungel größtenteils.
00:49:11: Und es wird zwar kurz durchbrochen während der Zeit dieser Bananenplantage, aber hat dann keine Dauer.
00:49:19: und insofern zeigt eben auch der Roman dass ja das Menschen in Einsamkeit und Isolation nicht bestehen können und auf das Miteinander die Gesellschaft angewiesen sind und dass Einsamkeiten im Endeffekt zum Untergang führt.
00:49:34: gesellschaftlich wie individuell.
00:49:36: Ja durchaus bei den Figuren wird das immer deutlich.
00:49:39: daran wie ich finde, dass die Einsamkeit nicht so unbedingt eine permanent da ist.
00:49:51: Man merkt okay das ist in gewisser Weise eine Determinante ja es bestimmt so mehr oder weniger die Lebenswege und Läufe der Figuren aber es ist nicht ausgemacht!
00:50:03: Und erst am Ende münden sie immerhin der Aus-Einsamkeit.
00:50:07: Also die Einsamkeit ist nicht etwas, was permanent da ist.
00:50:11: Sie sind nicht einsame Figuren aber sie werden einsam.
00:50:14: und dann fragt man sich natürlich auch beim Lesen immer wieder Na ja warum eigentlich?
00:50:19: Warum schaffen sie es nicht Beziehungen aufzubauen?
00:50:21: Warum sind sie beziehungsunfähig?
00:50:24: Auch der Aspekt mit der geografischen Einsamkeiten Makondos, er lässt sich hier auch übertragen auf Lateinamerika eben vor allen Dingen wenn man das zusammen denkt mit dieser Nobelpreisrede, dass nämlich diese kolonial und imprelistische Gewalt und diese Fremdbestimmung immer wieder zu einer Isolation Lateinamerikas führen.
00:50:48: Also quasi heute in der politischen Debatte sieht man es ja wieder wie der US-Präsident Donald Trump Tatsächlich kein Held daraus macht Lateinamerika als den Hinterhof des US-Imperialismus zu behandeln und dass in Latein Amerika nur was geht, wenn im Weißen Haus die Zustimmung dafür vorhanden ist.
00:51:16: Also es ist immer wieder die Gewalt, die zur Einsamkeit verdammt und verurteilt.
00:51:22: und eine Explosion der Gewalt erleben wir ja auch in dem Roman, an einer sehr wichtigen Stelle.
00:51:31: Nämlich wenn man sich die Frage stellt also was die Gründe denn sind dass dieses Dorf Markondo ja schließlich verfällt und ausgelöscht wird als hätte es nie existiert.
00:51:47: vielleicht ganz kurz auch da Svenja Was sind denn die Gründe, die Marquez in seinem Roman für diesen Verfall und diese Auslöschung Makondos hervorhebt?
00:52:03: Nach dem Abzug der United Fruit Company aus Makondo setzt ja so eine lange Regenzeit ein.
00:52:12: Also es regnet im Roman tatsächlich vier Jahre lang ununterbrochen in Makondo.
00:52:18: Dadurch sterben zum Beispiel die Tiere von Aureliano Segundo und er verarmt, obwohl er vorher im Wohlstand fast im Luxus gelebt hat.
00:52:27: Und auf diese Regenzeit folgt dann eine ganz lange Dürre.
00:52:32: Die Menschen in Makondu und auch die Buendias sind eben nicht dazu in der Lage... dieser der Natur zu trotzen.
00:52:39: Also nach dem Abzug quasi des Kapitalismus oder das großen kapitalistischen Unternehmens aus den Westen, aus der Stadt merkt man dass dieser vermeintliche Fortschritt dann nicht wirklich nachhaltig war und dass die Menschen ja sich... Ja, dass sie sich nicht weiterentwickelt haben unabhängig davon
00:53:05: Ja.
00:53:05: und auch, dass diese kapitalistische Modernisierung im Grunde genommen nicht im Nutzen und in der Verfügung der Menschen war die dort gelebt haben.
00:53:16: Im Gegenteil hat der Kapitalismus vor allem mit diesem Moment des der Bananenfabrik das ja in diesem Massaker mündet.
00:53:27: Mit einem real historischen Bezug auf im Roman, dass die kapitalistische Modernisierung in der Tat eher die Zerstörung von Leben zusammenhängen und der Natur ist.
00:53:46: Und sobald der Profit nicht mehr erwirtschaftet werden kann aus den Körpern, aus den Leibern, der Figuren zieht er wieder weg ... hervorgerufen hat einfach den Menschen, die dort weiterleben müssen und damit auskommen müssen.
00:54:08: Genau also das Bild ist natürlich der Kapitalismus kommt von außen bringt zunächst scheinbar Wohlstand und Fortschritt saugt aber der Umwelt- und den Menschen die Lebenskraft aus.
00:54:20: und als er mit ihnen fertig ist oder als da nichts mehr isst Während sie quasi wirft er sie weg und Sie werden sich selbst überlassen.
00:54:28: Dafür steht dann eben auch die Familie Buendia, also diese Entwicklung ist in der Familie zu sehen weil sie nach dieser Epoche keine neuen ... Entwicklungen mehr durchmachen.
00:54:42: Also die wühlen nur noch in alten Geschichten, beispielsweise in diesen Schriftrollen da und das Buch endet ja auch damit dass dann der vorletzte Nachkomme der Buendias diese Schrift Rollen entschlüsselt und darin dann die Prophezeiung über das Schicksal des Dorfs quasi erfährt.
00:55:03: Das heißt es steht eben auch für die Unfähigkeit der Anpassungen und für die fehlende Weiterentwicklung.
00:55:10: Ja, da drängt sich ja schon die Frage auf eben weil Marquez unzweideutig eine wichtige Bedeutung der Realgeschichte einräumt in seinem Roman.
00:55:27: Fragt man sich dann okay welches Geschichtsverständnis hat er vor allem im Kontext des Romans?
00:55:34: Also kannst du vielleicht noch naja die einen oder anderen Merkmale ervorheben wie Marquez in diesem Roman Geschichte, also als Realgeschichte reflektiert.
00:55:48: Geschichte spielt eine ganz wesentliche Rolle im Roman.
00:55:51: Das zeigt ja schon diese Generationenübergreifende Erzählung.
00:55:54: Also Geschichte bzw das Vergehen von Zeit wird in den Roman auch oft als zyklisch dargestellt.
00:56:03: Also Zeit ist natürlich auch zyclisch irgendwo und Das wird da immer in so einem größeren Maßstab aufgegriffen.
00:56:14: Die Familienmitglieder haben ja auch immer die gleichen oder ähnliche Namen wie ihre Vorfahren, auch ihre Faltensweisen wiederholen sich.
00:56:25: Bei den Namen kommt man irgendwann beim Lesen total durcheinander.
00:56:28: Welcher?
00:56:28: Rosé Akadio ist das jetzt eigentlich noch mal genau und aber das ist natürlich dann auch genau gewollt.
00:56:35: Also dass es diese Wiederholung ... diese ewige Wiederholung desgleichen, wo dann vielleicht hier und da mal ein kleiner Vortritt passiert.
00:56:44: Aber in dem Fall über die sechs Generationenübergreifend nicht so einen Vorschritt sondern zu einem Untergang quasi führt.
00:56:57: Auch die Geschichte des Dorfs ist ja ein Zyklus, also es fängt ja an mit der Gründung auf einem unbesiedelten Stück Erde in Erwildnis quasi bis zum Zerfall des Dorfes als sich die Natur wieder alles zurück holt.
00:57:13: Begriff Geschichte kommt auf total vielen Ebenen.
00:57:15: Oder die Dimensionengeschichte kommt auch total vielen Ebene zum Ausdruck, also Familiengeschichte, Geschichte einer Stadt, Geschichte eines Landes, Geschichte von Gesellschaft ... Auch diese Schriftrollen, die stehen ja auch irgendwie dafür.
00:57:32: Man hat da ... In dem Fall ist es eine Prophezeiung, aber die stehen vielleicht für Geschichtsschreibungen.
00:57:40: und Geschichtsschreibung enthält ja auch immer einen spekulativen und ideologischen Anteil.
00:57:45: Also wer schreibt überhaupt Geschichte, was ist überliefert?
00:57:49: Und was macht man aus dem das überliefert ist?
00:57:53: Wie viele Mythen und wie viele Zusätze sind auch darin enthalten, wie wir Geschichte wahrnehmen?
00:57:59: Diese Fragen wirft eben die Geschichte von Macondo in der Familie Buendia auf... ...und neben den ganzen realgeschichtlichen Bezügen Ja, ist es dann eben in dem Roman auch total einzigartig wie eben Realgeschichte mit Fiktion und Fantasie.
00:58:18: Also eben gerade dieser mystische Anteil auch, wie das passiert oder wie das verbunden wird?
00:58:28: Ja man gewinnt zunächst erstmal den Eindruck dass Marquez ein ziemlich pessimistisches Geschichtsverständnis hat also nach dem Motto alles geht Gleichförmigkeit in dieser Wiederholung dem Bach hinunter.
00:58:42: Und doch gibt es diese funkelnden Momente des Anderen sein können und ich finde, dass das sehr stark mit dem Titel zu tun hat.
00:58:53: also solange die Einsamkeit nicht überwunden wird bleibt die Geschichte zyklisch.
00:59:02: Überwindbarkeit, die drängt sich so dem Leser auf und die dringt sich den Leser vor allen Dingen auch im Stil auf in ästhetischer Hinsicht.
00:59:10: Auf die ich zum Abschluss gerne noch eingehen möchte, nämlich unter dem sehr bekannten Idiom magischer Realismus direkt einsteigen mit einer Stelle, die in magischer Weise geschrieben ist und irgendwie so eine Szene beschreibt.
00:59:33: Da geht es nämlich um Remedios, die Schöne, die gerade Wäsche aufhängt unter freiem Himmel.
00:59:43: Da lautet es wie folgt.
00:59:45: Sie hatten gerade damit begonnen, als Amaranta bemerkte das Remedios die Schöne bis zur Durchsichtigkeit erblasst war.
00:59:53: Geht's dir nicht gut?
00:59:54: fragte sie.
00:59:55: Remedio ist die Schöhne, die das Laken am anderen Ende hielt, lächelte mitleidig.
00:59:59: Ganz im Gegenteil sagte sie ich habe mich nie besser gefühlt.
01:00:04: Kaum hatte sie dies gesagt spürte Fernanda wie ein zarter leuchtender Wind ihr Das Laken aus der Handwand und es in seiner ganzen Breite entfaltete.
01:00:14: Amarantha verspürte ein geheimnisvolles Zittern in den Spitzen ihrer Unterrücke, versuchte sich am Laken festzuhalten um zu fallen – und genau in diesem Augenblick begann Remedios die Schöne aufzufahren.
01:00:27: Ursula, fast schon blind war als einzige Besonnen genug abwendbaren Windes zu erkennen.
01:00:35: Sie überließ die Laken dem Licht, sah Remedios die Schöne zum Abschied winken im blendenden Flügelschlag der Laken, die mit ihr aufstiegen, mit ihr die Luft der Käfer und Dahlien verließen, mit sie die Luft durchflogen, wo er vier Uhr Nachmittag endete und wo sich mit ihr für immer in den hohen Lüften verloren, wo auch die höchsten Vögel der Erinnerung sie nicht mehr erreichen
01:01:00: konnten.".
01:01:02: Und dann geht's so weiter.
01:01:04: Also es wird ja hier ganz offensichtlich auf eine Himmelfahrt hingewiesen, dass ein Mensch in Gestalt eines Engels aufsteigt und das ist das magische Moment, das aber gleichsam im Fortgang des Textes wie ein ganz normales hinzunehmendes zu akzeptierendes Ereignis Daher kommt und die Geschichte dann ohne darum jetzt großes Aufsehen zu machen, einfach weiter fortgeht.
01:01:45: Und das ist das Irre daran!
01:01:46: Und irgendwie muss man ja doch sich fragen und an den Kopf kratzen und sagen Ist das realistisch?
01:01:54: Svenja, wie hast du den Stil und die Sprache wahrgenommen?
01:01:56: Also sowohl jetzt zum Beispiel in der Passage, die ich hier vorgehoben habe aber auch in anderen Stellen.
01:02:01: Wie du zum Beispiel sagtest das es sehr lange geregnet hat und so was.
01:02:04: also Momente wo man selbst merkt intuitiv also irgendwas kann da nicht dran stimmen Aber der Erzähler tut so als wäre das als wär das stimmig.
01:02:13: Man kann sagen dass Marquez in seinem Roman eine Welt zeichnet In der eben diese in der Mythologie Magie quasi irgendwie glaubwürdig sind, also diese magischen und mythischen Momente wie das Aufsteigen von Remedios in den Himmel oder auch der vierjährige Regen im Makondo.
01:02:38: Oder die skurrilen Tode der siebzehn Söhne von Obers Aureano.
01:02:44: Oder dem verrückt gewordenen Jose Alcadio, der da einen Baum im Innenhof festgebunden ist fünf, sechs Jahre so lebt.
01:02:54: Also da gibt es ganz viele Beispiele die man noch aufzählen könnte aber diese Momente sind innerhalb des Buchs total glaubhaft und das ist das Entscheidende.
01:03:05: also man hat nicht das Gefühl dass da jetzt ein Einhorn über die Wiese spaziert oder dass da einen Drache aufsteigt.
01:03:12: Es ist kein Fantasy.
01:03:21: Und deshalb ist es auch, also innerhalb dieser Welt wenn man ihren Aufbau und ihre Voraussetzungen anerkennt.
01:03:28: realistisch würde ich sagen.
01:03:31: Natürlich kann man jetzt bei bestimmten Dingen sagen dass sie so auch in der Realität vorkommen oder ein Ding anknüpfen nie in die Realität vorkommen.
01:03:40: Also einen plötzlicher Tod im jungen Alter lange Regenzeiten die es ja in Kolumbien jedes Jahr gibt die vielleicht auch den Einwohnern in so einem Dorf mal vorkommen, als hätte es vier Jahre geregnet.
01:03:54: Obwohl's vielleicht nur acht Monate waren oder ein halbes Jahr... Aber ich würde sagen sie sind mehr als Übertreibungen realistischer Ereignisse.
01:04:05: also Sie gehören zu dieser Welt, die in hundert Jahre Einsamkeit aufgebaut wird Und die Sprache, das ist ja auch was es so ein bisschen ausmacht, ist eher unbeeindruckt und nüchtern.
01:04:18: Also einen Kontrast zu diesen abstrusen Ereignissen, ähm...die passieren.
01:04:25: Was eben auch dazu führt dass man als Leser die Grenzen der Realität infrage stellt.
01:04:30: Und innerhalb dieser aufgebauten Welt auch neu verortet.
01:04:36: Gleichzeitig ist sie sprach aber auch flockig und leicht!
01:04:39: Sie hat auch Witz.
01:04:40: Und sie weiß, dass sie eine Geschichte erzählt Und sie weiß auch, wie man Geschichten erzählt und wie man seine Leser gut unterhält.
01:04:50: Also
01:04:50: die Welt und ihre Realität wird quasi reimaginiert ist also mit ihr verbunden aber es doch nicht mit ihr identisch.
01:05:01: Das macht diese Doppelbödigkeit aus... Man könnte sagen, die Geschichte ist sich bewusst, dass sie eine Geschichte ist.
01:05:10: Und dadurch werden dann eben auch so schwere Themen wie Krieg, Inzest, Vereinsamung behandelt aber auch verhandelbar und der Mythos ist quasi das Medium durch ... dann die Geschichte übermittelt wird?
01:05:24: Ja, also der magische Realismus ist die zentrale Erzählform in hundert Jahre Einsamkeit.
01:05:31: Er verbindet realistische Darstellung der Welt mit übernatürlichen magischen Elementen, die ganz selbstverständlich in die Realität eingebaut sind.
01:05:39: Ich finde dieses Wort das du gerade benutzt hast reimaginieren sehr treffend an dieser Stelle.
01:05:48: ich möchte Die Gelingheit nutzen einige Merkmale des magischen Realismus zusammen zu tragen, auch für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer.
01:05:56: Dass nämlich der magische Realismus sich vor allen Dingen erst einmal darin auszeichnet, Realität und Magie als übernatürliches Phänomen zu verbinden.
01:06:08: Und diese Verbindung selbst wird aber nicht erklärt oder hinterfragt sondern ganz... als normal dargestellt, also wenn es keine Ahnung Tote sprechen oder wenn Menschen schweben oder in den Himmel aufsteigen und überhaupt Wunder im Alltag passieren.
01:06:19: Also Magie ist Teil der Realität und kein Gegensatz dazu.
01:06:24: Des Weiteren diese alltägliche Sprache wird auch für Außergewöhnliches benutzt.
01:06:35: Es wird unaufgeregt weitererzählt und weiter beschrieben.
01:06:40: Selbst unglaubliche Dinge werden in nüchternem sachlichen Stil erzählt.
01:06:44: Weiterhin ist es ja auch so, dass dieses mythische und gleichzeitig auch eine zeitlose Welt wiedergibt.
01:06:54: Also die Zeit verschwimmt ihr auch in gewisser Weise und dadurch wirkt die Handlung oft so außerhalb einer klaren historischen Zeit.
01:07:03: also das ist eher zyklisch statt linear wie halt bei einem Mythos oder einer Legende.
01:07:09: Zeit wird nicht streng logisch, sondern eher wiederholend erlebt.
01:07:13: Damit passiert auch was sehr aufregendes beim Lesen nämlich das Geschichte und Fiktion sich vermischen.
01:07:21: also reale historische Entwicklung von denen wir gerade auch schon einige benannt haben und auch analysiert haben werden mit fiktiven Ereignissen verbunden um halt auf ganz besondere Strukturmerkmale hinzuweisen und sie deutlich zu machen Gerade bei Lateinamerika-Darstellungen, also Stichwort Makondo, Kolumbien und Latein Amerika.
01:07:44: Das hatten wir ja vor allen Dingen auch in dieser Figur des Oberst in Beziehung zu Simone Bolivard.
01:07:51: Insofern ist es auch ein Symbolismus am Werk.
01:07:53: Also die Figuren haben symbolischen Charakter Die Orte haben symbolische Charakter Sie bedeuten meistens mehr als sie sind.
01:08:02: Und schließlich ist das so Ja, eine gewisse Akzeptanz des Wunderbaren eingeübt wird.
01:08:11: Also das vor allen Dingen... weil man hat ja als Leserinnen-Leser keine Möglichkeit auszuweichen außer das Buch zuzuschlagen.
01:08:19: und wenn man weiter liest geht man halt mit den Figuren die eben so unaufgeregt und nicht erstaunt über diese magischen Momente im Alltag sich weiterentwickeln.
01:08:37: Da muss man als Leserinnenleser einfach sagen, ja gut dann muss ich halt mitgehen und gewinne damit diese Akzeptanz.
01:08:44: Also es übernatürlich ist Teil dieser Art von Weltkonzeption und Weltordnung.
01:08:53: Ich möchte damit überleiten auf auch meine Schlussfrage.
01:08:57: also wir haben jetzt vor allem das magische Moment im magischen Realismus besprochen Aber es heißt ja auch Realismus, also was ist das realistische daran?
01:09:07: Auch jenseits der Bezugnahme auf realgeschichtliche oder real existierende Sachverhalte und Bedingungen.
01:09:15: Und ich musste da auch sehr stark an Karl Marx denken tatsächlich weil in dem das Magische ebenso nüchtern-und sachlich erzählt wird wie Faktisches und Realistisches.
01:09:27: Er scheint aber Glaube und Übernatürliches wie selbstverständlich.
01:09:31: Und das erinnert an den Fetischismusbegriff von Karl Marx in seinen Kapitalanalysen, Band eins bis drei also der Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus wo Marx halt mit Begriffen wie Warenfetisch Geldfetische Kapitalfetisch Zinsfetis objektive Bewusstseinsform im Kapitalismus beschreibt, also meint so viel wie wenn man halt in kapitalistischen Verhältnissen lebt gibt es bestimmte Gedankenformen die objektiv aus diesen Verhältnisse hervorgehen.
01:10:07: Beispiel wäre sowas wie auch Rassismus In Folge der Konkurrenzsituation Sowohl von Kapital und Lohnarbeit.
01:10:16: Aber wenn wir bei diesem fetisch Begriff mal bleiben ist das hier bei Marx dann so dass er sie beschreibt, etwa das gesellschaftliche Beziehungen als Beziehung von wahren erscheinen.
01:10:25: Also es wäre der Warenfetisch, das Geld vom Natur aus wertbesäße statt eine Funktion in gesellschaftlichen Verhältnissen zu haben.
01:10:34: Das wäre der Geldfetish.
01:10:35: Das Kapitalarbeite und Wertschaffe, das kennt man ja wenn man heute Nachrichten hört über die Börse oder die Wirtschaft.
01:10:43: Stattdass die vom Kapital ausgebeutete Arbeit wert schafft und auch arbeitet.
01:10:51: Also das ist bei Marx so der Kapitalfetisch.
01:10:54: oder um mit Blick auf die Börsen- und Finanzmärkte, dass halt durch den Zins Geld mehr Geld bringen.
01:11:02: So als würde diese Geld eine wundersame magische Fähigkeit aus sich selbst heraus durch Zinsen sich zu vermehren.
01:11:12: Obwohl ja der reale Produktionsprozess berücksichtigt werden müsste in den Lohnabhängige Beschäftigte, in der Summe die Arbeiterinnenklasse.
01:11:26: Die Dividende für die Aktionäre hervorbringt damit sie überhaupt ausgeschüttet werden können für ihre Portfolios.
01:11:34: also kurz um Svenja meine Frage wenn man diese Analyse diese Fetischanalyse von Marx in Beziehung setzt zu dem Magischen bei Marques in seiner Erzählweise wie Oder ist analog dazu bei Marquez auch dieser Moment, der das magische kritisch entlarvt?
01:11:58: Also dass was ich selbst zum Beispiel als das realistische Moment bezeichnen würde.
01:12:04: Wie das auch Marx macht in dem er halt den Kapitalismus analysiert und dann halt quasi uns kritisch zeigt ah okay du denkst so weil die Verhältnisse so sind aber das ist nicht die Wahrheit.
01:12:17: oder steht das Magische bei Marquez für was anderes?
01:12:21: Für sich.
01:12:23: Wie siehst du das, wie würdest du das einordnen?
01:12:26: Wie hast du es wahrgenommen?
01:12:29: Dadurch dass das Magisch als banal und das Banale als magisch beschrieben wird findet ja auch eine Verkehrung der realen Empfindungen statt.
01:12:41: sag ich mal.
01:12:43: also zum Beispiel ist an einer Stelle einfach die Sonne hervorkommt als die Sonne mit solcher Kraft hervorkam, dass die Helligkeit wie ein alter Kutter echtste.
01:12:55: Also das quasi so ... ja, dass so alltägliche Sachen dann auch überhöhlt werden.
01:13:02: Das ist der Kontrast dazu und deshalb würde ich schon sagen, dass dadurch das magische auch bisschen kritisch entlarvt wird bzw dass es eben nicht so ist wie beispielsweise im Fantasy-Genre, dass die Welt einen einfach zu einem Eskapismus in eine andere Welt mit eigener Logik einlädt.
01:13:28: Sondern das durch diese Verkehrung auch angeregt wird in der Realität infrage zu stellen wo ist vielleicht die Magie und was ist das Alltägliche?
01:13:43: Also
01:13:43: du würdest sagen, das Magische ist nicht gleichzusetzen mit Illusionismus.
01:13:48: Nein!
01:13:49: Ja also in der Tat... Der magische Realismus tarnt das Absode als Alltag und zwingt die Leser dazu selbst die Grotesskisten wunderviderspruchslos hinzunehmen.
01:14:00: Und ehrlich gesagt Das isst Ideologie-Kritik gegen die Seufzer der bedrängenden Kreatur um an dieser Stelle Marquez und Marx zusammenzuführen.
01:14:11: Genau, das Magische ist aber nicht der Fetisch.
01:14:14: Also das würde ich nicht sagen... Die Magie die ist schon vorhanden und die muss jetzt auch nicht als Illusion entlarvt werden.
01:14:32: Aber es ist durch diesen Widerspruch eben und diese Verkehrung, dass auch mondäne und alltägliche Dinge passieren.
01:14:42: Sprengen ja dann die magischen Momente auch erst recht den Rahmen und treten auch dadurch hervor.
01:14:48: also im Gegensatz zu diesen alltäklichen Dingen Und die magischen Momente im Buch, die sind ja auch oft Momente in denen es kritisch wird.
01:14:57: Also für eine Person, für die Gesellschaft oder für die Familie.
01:15:02: Also eigentlich Momente, die einen interessieren so wie das Beispiel mit Remedius, der da in den Himmel aufsteigt und die auch Lehrstellen hinterlassen weil man mit der Erklärung vielleicht auch nicht ganz zufrieden ist also
01:15:15: bzw.,
01:15:15: weil sie etwas auch erahnen lassen dass außerhalb der Welt in der Erzählung liegt Und das hat auch was Utopisches.
01:15:26: Das ist ein tolles Schlusswort, liebe Zuhörerinnen und Zuhürer!
01:15:28: Wir haben viel über Magisches aber auch viel über Realistisches gesprochen.
01:15:34: diesen herausragenden Roman solltet ihr lesen.
01:15:37: er ist eine ebenso herausragende Zugang zur Geschichte Lateinamerikas aber auch all den Gewaltkomplexen mit denen wir es heute zu tun haben.
01:15:47: in diesem Sinne Svenja vielen Dank für das Gespräch.
01:15:51: Danke Mesut, hat Spaß gemacht.
01:16:21: Wir hören voneinander, wenn es wieder heißt Klasse Literatur.
01:16:29: Der Podcast mit Klassenperspektive.
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