Alle Episoden

Ep. 16 „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth

Ep. 16 „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth

‧ 85m 1s

Wie schreibt man über Kleinbürger und Mitläufer? Der Roman „Jugend ohne Gott" (1937) von Ödön von Horváth ist stark von der politischen Situation des deutschen Faschismus geprägt. Er handelt von einem Geschichtslehrer, der vom Alltag in der Schule und der Gewaltbereitschaft der Schüler berichtet. Dabei rückt Horváth, wie in all seinen Werken, die Kleinbürger als schwankende Schicht zwischen der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse in den Vordergrund. Dadurch analysiert er Haltung, Moral und Psychologie des Kleinbürgers als entscheidende soziale Basis für den Faschismus.

In dieser Folge spreche ich mit der Autorin und Dramaturgin Hayat Erdoğan über die literarische Darstellung einer Schicht,...

Ep. 15 „Die Aula“ von Hermann Kant

Ep. 15 „Die Aula“ von Hermann Kant

‧ 93m 56s

Was können wir von der DDR-Literatur lernen? „Die Aula" von Hermann Kant erschien 1965 und gehört zu den bekanntesten Werken der DDR-Literatur. Im Mittelpunkt steht Robert Iswall, der sich bei der Vorbereitung einer Abschiedsrede an seine Studienzeit an einer Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) erinnert. Ein zentrales Thema ist, wie Menschen aus der Arbeiterklasse ihren Platz im Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft suchen und dabei das Bildungsmonopol der bürgerlichen Klasse umwälzen. Der autobiografische Hintergrund von Kant ist unverkennbar. Der Roman wurde zahlreich gelesen und in 15 Sprachen übersetzt.

In dieser Folge spreche ich mit dem Literaturkritiker Dean Wetzel über den Bildungsbegriff in der DDR...

Ep. 14 „Am laufenden Band“ von Joseph Ponthus

Ep. 14 „Am laufenden Band“ von Joseph Ponthus

‧ 78m 24s

Ist Arbeiterliteratur noch zeitgenössisch? Joseph Ponthus schildert in seinem Versroman „Am laufenden Band" (2019) seine Erfahrungen als Zeitarbeiter in Fischfabriken und Schlachthöfen in der Bretagne. Der Roman steht in der Tradition der Arbeiterliteratur und ist in freien Versen ohne festes Reimschema geschrieben. So erzeugt er einen poetischen Ausdruck für die Neoliberalisierung von Lohnarbeitsverhältnissen, für die Klassengegensätze und für die körperliche Arbeit heute. Ponthusʼ „Aufzeichnungen aus der Fabrik" stehen unverkennbar im Kontext der Gelbwesten-Bewegung

In dieser Folge spreche ich mit dem Journalisten Özgün Kaya über den 2021 verstorbenen Joseph Ponthus und sein großartiges Porträt über die Lohnabhängigen in der Lebensmittelindustrie.

Ep. 13 „Kunst und Proletariat“ von Clara Zetkin

Ep. 13 „Kunst und Proletariat“ von Clara Zetkin

‧ 74m 18s

Ist Kunst wirklich frei? Darüber denkt die Kommunistin und Politikerin Clara Zetkin in ihrem kurzen und erstaunlich aktuellen Text „Kunst und Proletariat" nach. Er erschien im Januar 1911 in der Frauenzeitschrift Die Gleichheit. Allein ideengeschichtlich ist der Text hochinteressant, weil Zetkin Marxismus, klassische deutsche Ästhetik und die Debatten der Moderne zusammenführt, ästhetische Probleme ebenso wie kulturpolitische Herausforderungen der Arbeiterbewegung im Kapitalismus reflektiert. Sie spricht gleichermaßen Arbeiter, Politiker und Künstler an.

In dieser Folge spreche ich mit der Malerin und Aktivistin Sophie Linde über künstlerische Entwicklungsmöglichkeiten durch den Klassenkampf von unten.

Ep. 12 „Flüchtlingsgespräche“ von Bertolt Brecht

Ep. 12 „Flüchtlingsgespräche“ von Bertolt Brecht

‧ 97m 52s

Wie kann Literatur in die Wirklichkeit eingreifen? „Flüchtlingsgespräche" von Bertolt Brecht entstand 1940--41 im Exil. Veröffentlicht wurde die Prosa erst 1961. Brecht hatte den Text immer wieder überarbeitet. Die Prosa über Flucht, Krieg, Antifaschismus und Klassenkampf vereint wesentliche Aspekte seiner Ästhetik. Schließlich endet mit diesem Jahr die urheberrechtliche Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod von Brecht am 14. August 1956. Sein Werk wird ab dem 1. Januar 2027 Gemeineigentum.

In dieser Folge spreche ich mit dem Autor und Politikwissenschaftler Ingar Solty über einen der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts und sein Literaturverständnis.

Ep. 11 „Die Mandarins von Paris“ von Simone de Beauvoir

Ep. 11 „Die Mandarins von Paris“ von Simone de Beauvoir

‧ 78m 33s

Liegt das Schicksal des linken Intellektuellen in seiner Handlungsunfähigkeit? „Die Mandarins von Paris" erschien 1954. Simone de Beauvoir schildert darin das Leben französischer Intellektueller nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris. Sie ringen am Vorabend des Kalten Kriegs mit der Frage, welche Rolle künftig Intellektuelle spielen können und sollen. So erinnern die Figuren zwar an Arthur Koestler, Jean-Paul Sartre, Albert Camus oder die Autorin selbst, dennoch ist das Buch keine verschlüsselte Biografie. Es ist eine literarische Auseinandersetzung mit einer intellektuellen Szene.

In dieser Folge spreche ich mit dem Autor Rick Lupert über ein Paradebeispiel für existenzialistische Literatur und ihre Grenzen.

Ep. 10 „Transit“ von Anna Seghers

Ep. 10 „Transit“ von Anna Seghers

‧ 84m 18s

Was ist ein antifaschistischer Roman? Im Werk von Anna Seghers nimmt „Transit" eine besondere Stellung ein. Der Exilroman spielt während des Zweiten Weltkriegs und erzählt die Geschichte eines namenlosen deutschen Flüchtlings in Frankreich. Seghers schrieb den Text 1942 im mexikanischen Exil. Er erschien 1944 zunächst auf Englisch und Spanisch, die deutsche Ausgabe folgte 1948. Der Roman wurde vielfach für das Theater adaptiert und von anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aufgegriffen. Zuletzt kam 2018 die gleichnamige Verfilmung mit Franz Rogowski in der Hauptrolle in die Kinos.

In dieser Folge spreche ich mit der Publizistin und Philosophin Günseli Yilmaz über die Kunst des...

Ep. 9 „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf

Ep. 9 „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf

‧ 89m 2s

Welche Literatur entsteht, wenn man die Trennung von Kunst und Arbeiterklasse überwindet? „Der geteilte Himmel" erschien 1963 und ist die erste umfangreiche Erzählung von Christa Wolf. In der DDR wurde der Roman positiv aufgenommen, weil er den Sozialismus grundsätzlich bejahte, gleichzeitig aber auch Probleme und Widersprüche offen ansprach. In der westdeutschen BRD konzentrierte sich die Kritik auf die psychologische Tiefe und den Stil, sodass man westlich der Elbe vom Inhalt abstrahierte. Heute wird der Roman fälschlicherweise auf den Bau der Berliner Mauer 1961 verkürzt.

In dieser Folge spreche ich mit der Sozialwissenschaftlerin und Redakteurin von kritisch-lesen Johanna Bröse über die...

Ep. 8 „Der Absturz“ von Édouard Louis

Ep. 8 „Der Absturz“ von Édouard Louis

‧ 77m 0s

Wie über jemanden schreiben, dessen Perspektive durch die eigene ersetzt wird? „Der Absturz" von Édouard Louis erschien 2025 in Frankreich und 2026 in deutscher Übersetzung. Darin porträtiert er das Leben und den Tod seines älteren Bruders. Laut Louis ist das Buch „der Abschluss eines Familienfreskos, das vor zehn Jahren begann". Auffällig ist diesmal, wie sehr Psychologie im Gegensatz zu Klassenanalyse in den Vordergrund rückt. Wie zuletzt ist auch dieser Text kurz und hat viele Absätze. Solche Texte würden nicht verlegt werden, doch Louis garantiert den verlegerischen Erfolg.

In dieser Folge spreche ich mit dem Journalisten und Autor Olivier David über...

Ep. 7 „Die leeren Schränke“ von Annie Ernaux

Ep. 7 „Die leeren Schränke“ von Annie Ernaux

‧ 77m 38s

Kann man aus Klassenhass Literatur machen? „Die leeren Schränke" ist ein Schlüsseltext für das Gesamtwerk von Annie Ernaux. Es ist 1974 erschienen, als sie 34 Jahre alt war, und handelt von der Bildungsaufsteigerin Denise Lesur. Der Text zeigt schon früh die typische Verbindung von persönlicher Erinnerung und Kapitalismus-Kritik in Ernaux' Prosa. In ihrer Nobelpreisrede 2022 sagte sie, dass sie seit ihrem 22. Lebensjahr schreibt, „um meine Klasse zu rächen". Der autofiktionale Debütroman steht am Anfang ihrer Klassenliteratur.

In dieser Folge spreche ich mit der Sozialwissenschaftlerin und Redakteurin Lena Hezel, wie Erfahrungen und Situationen von Menschen aus der arbeitenden Klasse die...