Ep. 7 „Die leeren Schränke“ von Annie Ernaux

Shownotes

Kann man aus Klassenhass Literatur machen? „Die leeren Schränke" ist ein Schlüsseltext für das Gesamtwerk von Annie Ernaux. Es ist 1974 erschienen, als sie 34 Jahre alt war, und handelt von der Bildungsaufsteigerin Denise Lesur. Der Text zeigt schon früh die typische Verbindung von persönlicher Erinnerung und Kapitalismus-Kritik in Ernaux' Prosa. In ihrer Nobelpreisrede 2022 sagte sie, dass sie seit ihrem 22. Lebensjahr schreibt, „um meine Klasse zu rächen". Der autofiktionale Debütroman steht am Anfang ihrer Klassenliteratur.

In dieser Folge spreche ich mit der Sozialwissenschaftlerin und Redakteurin Lena Hezel, wie Erfahrungen und Situationen von Menschen aus der arbeitenden Klasse die Literatur verwandeln. Inwiefern steht die Abtreibung der Tochter dem Aufstiegswillen der Eltern entgegen? Was befeuert das Abgrenzungsbedürfnis eines Aufsteigers und was setzt Grenzen zur bürgerlichen Klasse? Macht Bildung arrogant? Welche Bedeutung hat der algerische Befreiungskrieg für Ernaux' Debütroman? Und wie bringt sie den Klassenbegriff von Pierre Bourdieu und Karl Marx zusammen?

Das Projekt wird ausschließlich mit Eigenmitteln bestritten, auch um dem bürgerlichen Kommerz ein klassenbewusstes Kulturverständnis von unten entgegenzusetzen. Es lebt von eurer Unterstützung und Solidarität. Teilt und kommentiert die Episode und folgt dem Instagram-Kanal: @klasseliteratur

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Transkript anzeigen

00:00:04: Hallo und herzlich willkommen bei Klasse Literatur, dem Literatur-Podcast mit Klassenperspektive.

00:00:18: Mein Name ist Mesut Bayraktar und in dieser Folge geht es um den wütenden Debüroman einer Autorin die viel zu spät in Deutschland entdeckt wurde – nämlich um die leeren Schränke von Ania Noh.

00:00:30: Zu Gast habe ich Lena Hessell!

00:00:32: Lena, bevor ich dich vorstelle und auf das Buch zu sprechen komme – dass wir heute besprechen werden – möchte ich teils in eigener Sache auf ein außerordentlich wichtiges und aktuelles Buch aufmerksam machen.

00:00:47: Nämlich Widerstand ist Liebe herausgegeben von Johanna Rote Eine teils literarische, teils dokumentarische Antologie über den Alltag der Palästina-Bewegung in Deutschland.

00:01:00: Die Herausgeberinnen sprechen im Vorwort von einer Zitat Waffe gegen die Vereinzelung.

00:01:06: In der Tat ist es liebevoll gemacht und von widerständigen Stimmen bewohnt.

00:01:12: Auch von mir ist eine Erzählung dabei.

00:01:14: Das Buch ist im jungen und vielversprechenden Lettadlinverlag erschienen.

00:01:19: Der Name geht auf Vladimir Tatliens visionäres Fluggerät zurück, dass er als Luftfahrrad für die breite Masse konzipierte und das utopische Streben nach menschlicher Freiheit und Mobilität symbolisiert.

00:01:33: Die Verlegerinnen betrachten den Verlag im besten Fall als ein Zitat Organisator des Alltagslebens wie Tatlin Den Künstler sah.

00:01:42: Das klingt sympathisch.

00:01:44: In diesem Sinne liebe Zuhörerinnen ist Widerstand ist Liebe gut aufgehoben.

00:01:51: Deswegen bestellt das Buch am besten gleich auf der Seite vom Lettatlin-Verlag oder beim Buchhändler in Eurer Stadt, die Palästina-Solidarität braucht ihre geschichtenden Schriftformen was damit auch uns zum Thema dieser Folge führt Lena nämlich weil ja auch Annie Arnault sich stets unmissverständlich zur Sache des palästinsischen Volks solidarisch erklärt hat, dass auch mehrfach dementsprechend gewisse Zensuren hierzulande erleben durfte.

00:02:23: Aber sich als Autorin für die Befreiung von Apartheid und Siedler-Kolonialismus in Palästina einsetzt.

00:02:29: So Lena!

00:02:30: Kommen wir jetzt wirklich zum Thema unserer Folge nämlich zu dir und Erno.

00:02:35: Und lasse mich doch erstmal einige Worte zu dir sagen und dich unserem Publikum vorstellen.

00:02:41: Lena stürzte Erziehungswissenschaftssoziologie und Kinder- und Jugendpsychiatrie, ist seit vielen Jahren in einem Zentrum für Mädchen und junge Frauen in Süddeutschland tätig.

00:02:53: Sie beschäftigt sich theoretisch, praktisch und biografisch mit Armut- und Klassenverhältnissen.

00:02:58: In den letzten Jahren erarbeitete sie beispielsweise eine ausführliche materialistische Kritik des Konzepts Klassismus und publizierte dazu auch mehrere Beiträge unter anderem für die Z-Zeitschrift Marxistische Erneuerung.

00:03:12: An dieser Stelle grüße ich an die Kolleginnen.

00:03:14: Praktisch arbeitete sie aber auch schwerpunktmäßig mit sogenannten schwer erreichbaren, geflüchteten jungen Frauen zu den Themen wie Geschlecht, Armut, Gesundheit und Flucht.

00:03:26: Hier leitete sie zuletzt ein Schräbwerkstattprojekt.

00:03:30: Lena ist aber auch außerdem Redaktionsmitglied im Literatur-Kollektiv kritisch lesen.

00:03:36: Auch an dieser Stelle Größe gehen raus an die Kolleginnen, dort hat sie unter anderem zu Anja Noh die Scham rezensiert und in dem letzten Jahr ein wirklich sehr lesenswertes Autobiographissel veröffentlicht nämlich über das Aufwachsen in prekären Verhältnissen als junger Mensch der früh seine Eltern verloren hat über versagene Hilfssysteme.

00:03:59: Also ich denke Lena, du bist genau die richtige Person für das vorliegende Buch.

00:04:04: Zum vorliegenden Buch nur um uns mal kurz da rein zu begeben!

00:04:10: Die Lehren-Schränke ist meiner Ansicht nach ein Schlüsseltext für Ernoos Gesamtwerk.

00:04:17: Es ist hier in den Jahren von der Hälfte von Ennis Lisour die in den neunzehntfünfziger Jahren in einer französischen Provinz aufwächst oder einen sozialen Aufstieg durch Bildung erfährt.

00:04:34: Insofern ist der Roman eine autobiografische Fiktion, was man bei den späteren Werken von Erno ja weniger kennt – aber darüber werden wir noch sprechen und zeigt schon früh das ernotypische Verbindung von persönlicher Erinnerungen- und Kapitalismuskritik in ihrer Prosa.

00:04:53: So behandelt das Buch zentrale Themen ihres späteren Werks, nämlich soziale Herkunft, Charme, Bildung weibliche Sexualität und Klassenunterschiede.

00:05:11: motivisch in dieses Buch hineingegangen sind Lena und dazu wäre es sicherlich hilfreich erst einmal zu erfahren, worum es eigentlich geht.

00:05:18: Kannst du das Buch erstmal oder vielmehr den Roman erst einmal zusammen fassen?

00:05:24: Ja gerne!

00:05:25: Also du hast es ja gerade auch schon erwähnt die Hauptprotagonistin ist Denise Lesour.

00:05:31: sie ist zum Zeitpunkt der Erzählung zwanzig Jahre alt Wir befinden uns im Jahr nineteenhundertsechzig und sie ist Literaturstudentin in Nordfrankreich.

00:05:44: Und die Rahmenhandlung ist folgende, und zwar steigen wir ein in einen Moment, indem Denise Lesour darauf wartet dass ihr Körper eine Abtreibung vollzieht, die von einer Engelmacherin eingeleitet wurde denn damals waren Schwangerschaftsabbrüche in Frankreich illegal.

00:06:03: Sie liegt da also und beginnt eigentlich einen inneren Monolog, indem sie darüber nachdenkt wie es zu dieser Situation kam.

00:06:14: Darüber spannt sich dann dieses Buch.

00:06:17: Sie denkt über ihre Kindheit nach, dann über ihre Jugend- und Studienzeit und beschreibt dabei ihr Leben in zwei Welten.

00:06:29: Zerrissenheit zwischen ihrem proletarischen Herkunftsmilieu, auch wenn ihre Eltern gewissermaßen einen Aufstieg geschafft haben.

00:06:38: Sie führen nämlich so einen kleinen ja gemischt wahren Laden mit angrenzender Kneipe, leben aber trotzdem in ganz bescheidenen Verhältnissen und die kann Denise Lesour auch nie ganz hinter sich lassen.

00:06:53: Ihre Eltern geben alles dafür, dass sie höhere Bildung anstreben kann und schicken Sie dann auf eine katholische Privatschule.

00:07:24: Sie äußert sich über deren Sprache, über ihr Verhalten.

00:07:28: Über ihre Körper zunehmend abwertend und gleichzeitig versucht sie im Bildungsbürgertum anzukommen schafft es aber auch nicht wirklich da ihre Klassenmarker sie immer weiter verraten und sie bemüht sich fortwährend ihr Herkunftsmilieu abzulegen.

00:07:49: Gleichzeitig kämpft sie immer wieder mit starken Schuldgefühlen ihren Eltern gegenüber.

00:07:54: Schämt sich auch dafür, dass ihr ihre Eltern hast und wird letztlich ungewollt schwanger von Marc, von einem Student aus dem Bildungsbürgertum der sie dann sofort verlässt als er von der Schwangerschaft erfährt.

00:08:09: Ja, so wir sehen direkt dieses Panorama aufgemacht.

00:08:12: und vor allen Dingen was ich wieder so typisch erno fand ist dass die Geschichte mitten in einer Krise ansetzt.

00:08:20: Also sie liegt da wie du sagst bei der Engelmacherin also im Grunde genommen kurz vor eine Abtreibung oder Sie hat schon stattgefunden das weiß man nicht so ganz genau und dann wird man katapultiert quasi in die Kindheit und Jugend ihrer Entwicklung und ihres Lebens also ihres heißt an der stelle tatsächlich von denis lesur.

00:08:43: das heißt es beginnt direkt mit einer sehr mit einem sehr dramatischen akt.

00:08:49: Du hast die eltern angesprochen du hast mark angesprochen da werden wir uns noch vertiefen.

00:08:55: ich möchte auf eine eine sache noch erst mal hinweisen Darüber noch mal mit dir sprechen.

00:08:59: Also in ihrer Nobelpreisrede von zwei tausend zwanzig hat die neunzehntundvierzig geborene erno ihr schreiben als ein akt der rache bezeichnet.

00:09:10: und Emanzipation das ist eine sehr starke rede dies auch sehr lesenswert die es auch gar nicht so lange findet man auch im internet.

00:09:19: aber im zentrum ihrer redestand dann Der Satz, den sie bereits im Alter von zweiundzwanzig Jahren in ihr Tagebuch geschrieben hatte.

00:09:27: Nämlich Zitat Ich werde schreiben um meine Klasse zu rächen.

00:09:34: Das beginnt ja sozusagen mit ihrem Debüt die leeren Schränke und damit dem vorliegenden Roman.

00:09:41: Lena an wen recht sie sich?

00:09:44: Und warum kannst du das etwas skizzieren und ausführen.

00:09:49: Ja Also ich würde sagen, es ist eine sehr umfassende Rache die sie da thematisiert.

00:09:55: Zum einen rächt sie sich am Bildungsbürgertum und an der Bourgeoisie und an deren Kultur Denn Sie macht mit ihrer Erzählung ja ihr Herkunftsmedio sichtbar – die Arbeiterklasse Und erzählt die Geschichten der einfachen Leute Die sonst in der Hochkultur nicht als erzählenswert scheinen Und damit erhebt sie eigentlich schon die Existenz ihrer Klasse zur Literatur und nutzt dafür eine Sprache und ein Medium der Klasse, die sie eigentlich ausgeschlossen hat.

00:10:27: Sie nutzt also die Instrumente der Bourgeoisie und allein darin steckt schon einen Akt von Provokationen und Rebellion eigentlich – und von Rache!

00:10:40: Und sie rächt sich auch an der Literatur selbst, weil sie holt Themen hervor.

00:10:46: Die ja eigentlich in die Bourgeoisie nicht passen.

00:10:49: Also sie spricht über die Kneipe, über den Krämerladen, über illegale Abtreibung, über Alkoholismus und nutzt dafür eine sehr derbe Sprache also alles was man nicht als Hochkultur bezeichnen würde und eignet sich damit eigentlich die Literatur an.

00:11:11: Ich würde aber auch sagen, dass es einen Teil gibt wo sie sich auch gewissermaßen an sich selbst trächt.

00:11:20: sie setziert auch ihre eigene Mitschuld eigentlich.

00:11:23: Also es geht auch ganz viel um eben Scham und Entfremdung, die Ablehnung ihrer eigenen Herkunft also wie ich vorher auch schon sagte Die Verachtung gegenüber ihren Eltern wird auch schonungslos dargestellt Und man kann das auch so lesen als geht sie damit zum Teil mit sich selbst ins Gericht und hat aber vielleicht eine Art von Wiedergutmachung oder Rehabilitation da drin, weil sie eben teilweise auch eine ganz liebevolle und anerkennende Perspektive auf ihre Eltern einnimmt.

00:11:59: Aber genau das alles geschieht mit den Werkzeugen der anderen Klasse also mit Sprache Bildung Literatur und ich würde sagen es ist ein ja sehr eindrucksvoller Akt der Rache.

00:12:10: Ja, in der Tat und vor allen Dingen mit dem vorliegenden Buch das ja verglichen mit ihren späteren Werken auch ein sehr lautes Buch ist.

00:12:19: Auch ein sehr radikales Buch ist nicht?

00:12:22: Also so sehr wütend!

00:12:23: Und dieses Bild der Rache... Das schreit ein nahezu an in den Büromahnen die leeren Schränke denn wer sich recht hat fühlt sich ungerecht behandelt.

00:12:36: Wer sich Recht hat Gewalt erlitten und lässt es nicht auf sich sitzen.

00:12:41: Und da schreibt sie sich im Grunde genommen quasi, die schreibt dagegen an.

00:12:46: irgendwie habe ich so wahrgenommen beim Lesen.

00:12:49: Was ihre Eltern betrifft werden wir uns wie gesagt schon noch ertiefen.

00:12:53: aber weil du es einfach angesprochen hast möchte ich dazu auch ganz kurz was sagen nämlich die Rache gegen ihre Eltern.

00:13:00: vielleicht mit einem Fragezeichen jetzt gesagt ist ja nicht so sehr eine Rache gegen die Eltern, die stellvertretend für die arbeitende Klasse stehen sondern eher für die Verlogenheit ihrer Eltern in gewisser Weise.

00:13:16: Mit ihrem kleinbürgerlichen Aufstieg die Arbeiterklasse von oben herab zu betrachten.

00:13:22: aber darüber werden wir noch sprechen.

00:13:24: nur ich fand das interessant wenn man da nochmal in diese feinmaschigen Unterschiede und Akzente sieht.

00:13:33: Enos erster Roman, da werden wir bei den feinmaschigen Akzenten zeugt ja auch von einem sociologisch scharfsinnigen Blick auf die Bedeutung von gesellschaftlichen Determinanten und Faktoren auf das eigene Leben und das Bewusstsein in den Nachkriegsjahren der Neunzehntfünfziger bis Mitte der neunzelneunzigziger Jahre.

00:13:53: Das ist übrigens auch so der Erzählzeitraum dieses Jahrzehnte plus noch paar Jahre Lena.

00:14:00: So vor dem Hintergrund, welches Verständnis von Klasse hat er nur?

00:14:04: Vor allen Dingen in ihrem Debüt.

00:14:05: Also jetzt nicht unbedingt im Korpus sondern eher so in dem Debüt... Kannst du da bestimmte Merkmale vielleicht mal hervorheben?

00:14:13: Ja also ihr Verständnissen von Kasse ist sehr präzise und es ist eine sehr gelebte Darstellung davon wie Klasse funktioniert Bei ihr, wenn man die Texte liest dann spürt man und hört man und riecht man die Klasse.

00:14:30: Also das ist wirklich so beschrieben dass es einem sehr sehr nah kommt beim Lesen Und man hat wirklich das Gefühl Es ist eine Verkörperung von Klasse.

00:14:43: also es geht auch viel um ja sprechen, essen, lachen, kleiden auch immer in Abgrenzung von ihrer Herkunftsklasse und dann zum Bildungsbürgertum wo sie sich später aufhält.

00:14:58: Aber Klasse beinhaltet bei ihr auch Humorverhaltensweisen Bewegungen wie Körper sich bewegen Und es ist eingeschrieben eigentlich in Fleisch und Blut und das gibt auch kein Entrinnen.

00:15:14: Und dazu habe ich auch eine Textstelle rausgesucht, die das finde ich sehr gut wiedergibt.

00:15:22: Und zwar heißt es hier Und sie wären glücklich.

00:15:46: Man muss viel nachdenken, lesen und lernen um nicht so zu denken vor allem als Kind wenn alles um einen herum schon fertig ist.

00:15:59: Daran zeigt sich schon, dass sie auch ein ökonomisches Verständnis hat.

00:16:03: Also jetzt in der Rückschau sozusagen kann sie schon sagen das er etwas mit Geld zu tun hat.

00:16:09: aber sie zeigt auch sehr schön wie es einfach nicht offensichtlich ist oder wie es verschleiert wird diese Verhältnisse für Sie als Kind oder Jugendliche.

00:16:18: Es wird's nicht deutlich woher das kommt und man merkt dass Scham auch ein sehr, sehr großes Thema ist und ein sehr starkes Klassenmerkmal.

00:16:31: Denn sie beginnt sich auch irgendwann für ihre Eltern zu schämen und verachtet sie auch für alles was Sie repräsentieren.

00:16:39: Und das entsteht eigentlich erst durch einen Blick von außen also als sie in die Schule kommt, als sie die Perspektive der Bursch-Versie einnimmt und ja eben mit anderen Augen auf ihr Herkunftsmilieu plickt Und dieser Blick, der durch die Bourgeoisie geschärft wurde, sage ich mal führt eben zur Verachtung.

00:17:02: Und Klasse erscheint gleichzeitig als eine wirklich unüberwindbare Grenze.

00:17:08: Sie bleibt immer dazwischen und gehört auch nirgends dazu und es gibt wie gesagt auch kein Entkommen.

00:17:15: Und ich finde aber total spannend auch bei ihr zu sehen, dass sie auch Klasse und Geschlecht gemeinsam denkt.

00:17:21: Weil Sie ist ja eine Frau aus der Arbeiterklasse und unterliegt damit ne doppelte Determination!

00:17:28: Also Ihre soziale Lage wird sowohl von den Klassenverhältnissen als auch von den Geschlechter-Verhältnisen bestimmt – und das zeigt sich sehr deutlich eben durch die ungewollte Schwangerschaft und die illegale Abtreibung.

00:17:43: Weil eine Frau aus der Bourgeoisie hätte vermutlich noch andere Optionen gehabt.

00:17:47: Sie hätte vielleicht ins Ausland gehen können oder Verbindungen gehabt zu Ärzten, Ärztinnen.

00:17:53: aber für sie ist das nicht möglich und es wird ganz klar dass eben Klasse auch über körper- und körperliche Autonomie bestimmen kann.

00:18:04: Und ja, zusammenfassend würde ich sagen Klasse ist bei er nur sowohl ein ökonomisches Verhältnis aber es wird auch sehr stark ausdifferenziert und fein vorgestellt dass das auch kulturelle psychologische körperliche Auswirkungen hat.

00:18:20: Das ist ein sehr gewaltvolles Verhältnis.

00:18:25: Und ja, es ist wie ein Brennglas auf eine einzelne Erfahrung.

00:18:30: Eine einzelne Geschichte die aber doch universell ist.

00:18:34: Ja voll!

00:18:36: Ich kann so viel mit dem anfangen was du gesagt hast auch in meiner Leseerfahrung weil das Tolle... also ich komme nicht einfach rüber hin weg dieses Buch zu loben.

00:18:49: Aber das tolle an diesem Debüt ist dass Arno nicht mit Wörtern spart.

00:18:55: Also in ihren späteren Arbeiten ist das ja auch so eine Kunst der Verknappung, die sie da immer wieder übt.

00:19:02: Auch sehr brillant muss man sagen, sehr auf den Punkt gebracht.

00:19:07: aber diese Strategie hat sie nicht in ihrem Debüt.

00:19:10: im Gegenteil es ist eher so als würde die Wörter aus ihr herausfluten und jedes Wort sitzt dabei auch.

00:19:17: Aber indem halt sie nicht so sparsam damit ist kommen diese Körperlichkeiten in denen sich Klasse dann ausdrückt, richtig zur Geltung.

00:19:28: Also du hast ja einige Beispiele genannt.

00:19:30: ich würde vor allen Dingen auch noch hinzufügen die Gerüche.

00:19:35: Man hat streckenweise den Eindruck dass der Text riecht das der Text nach der ein oder anderen Klasse rieht eben weil sie einfach das so rauslässt was sie da reflektiert.

00:19:46: und Ich finde an dieser Stelle hat man haben wir eigentlich schon sehr wichtigen Punkt getroffen, nämlich zum Klassenbegriff.

00:19:55: Erno verdeutlicht ja mit ihrem Roman das Klasse über und gerade durch Eigentums- und Einkommensverhältnisse sich in Körpern, Gesten geschmeckern umgangsformen Gerüchen und Erfahrungen manifestiert.

00:20:09: Der Alltag ist die Maskerade der bürgerlichen Klassengesellschaft also alles ist in einer Maske hinter dem sich quasi diese klassengesellschaftliche Gewalt dann verbirgt und die dann quasi obwaltet.

00:20:25: Das erinnert ja auch an den erweiterten Klassenbegriff des französischen Soziologen, ebenfalls mit proletarischem Herkunft und auch ernoßzeitgenossen Pierre Bourdieu der neunzehntdreißig bis zur Etausend Drei gelebt hat, der mit seiner umfassenden empirischen Analyse in seinem Buch Die feinen Unterschiede Das übrigens, das hat mich etwas überrascht, neunundsebzig erschienen ist.

00:20:49: Also ein ganzes Stück nach ihrem Debüt.

00:20:51: also es ist nicht so dass sie diese Theorie quasi von Bourdieu und dann in Literatur verwandelt sondern er nur war quasi an der Stelle ist dem vorausgegangen dieser theoretischen Arbeit nämlich wo dann Bourdieux diese klassengesellschaftlichen Hierarchien theoretisiert.

00:21:10: Und wenn wir von Klasse sprechen Denken wir auch unweigerlich immer an Karl Marx und den Maxismus.

00:21:16: Und während etwa die Klassen, vor allem in ihrer Stellung im materiellen Produktionsprozess und dem politisch-ökonomischen Zusammenhang untersucht und dabei fragt wer die Produktionsmittel besitzt und wer arbeiten muss um zu überleben hat Bourdieu die daraus folgenden Klassenunterschiede zwischen Lohnabhängigen und Kapitalisten, vor allem als Alltagserfahrung.

00:21:40: Und Gefühl von Zugehörigkeit oder du sagt es ist schon Scham analysiert also die sozialen Dimension quasi im Basalen und manchmal auch sehr langweiligem Alltag.

00:21:51: und dazu hat er den Kapitalbegriff Den man ja eher von Marx kennt und der ihn auch fundiert hat ausgedehnt, nämlich auf kulturelles Kapital, symbolisches Kapital Bildungskapital und so weiter.

00:22:06: Um eben diese Rangordnungen zu beleuchten.

00:22:11: Und deswegen muss man halt vielleicht an der Stelle auch um das einfachum diesen Text von Arno noch mal entsprechend zu verorten.

00:22:20: Muss man noch sagen dass insofern bei Bourdieu Institution des Staates wie Schule und Universität in den Vordergrund rücken, also kurz die Bildung und die Kultur.

00:22:34: In seiner Gesellschaftsanalyse eine viel größere Bedeutung haben als Arbeitsprozess- und Betriebsstruktur oder auch politisch ökonomische Auseinandersetzung.

00:22:44: Also Bourdieu betrachtet sozusagen diese... diese Orte als Anstalten zur Reproduktion und zum Erhalt der kapitalistischen Klassengesellschaft, in gewisser Weise ein Blick auf die Klassen in ihrer nichtpolitischen Rolle im gesellschaftlichen Mechanismus des Kapitalismus.

00:23:03: Und mit diesem Feld spielt sich dann auch die Literatur von Arno ab meiner Ansicht nach.

00:23:11: Es ist ja bei Arno nicht so dass sie irgendwie aus über Streiks schreibt oder irgendwie im Betrieb schreibt.

00:23:18: Es ist eher diese Alltagserfahrung und vielleicht mit diesem theoretischen Panorama-Lehner lass uns doch in den Roman reingehen, ja?

00:23:27: In dieser Story, in diese Geschichte.

00:23:29: Und beginnen wir doch mit den Eltern der Hauptfigur Denise Lisour.

00:23:33: Was machen sie und inwiefern sind Sie – du sagst es schon auch selbst Aufsteiger!

00:23:39: Also, genau die beiden Eltern betreiben eben eine Kombination aus Kneipe und Laden in einem Arbeiterviertel in einer nordfranzösischen Kleinstadt.

00:23:50: Und sie haben gewissermaßen schon einen Aufstieg aus noch prekäreren ärmeren Verhältnissen geschafft – und erfahren auch eine Art von Anerkennung unter den ArbeiterInnen.

00:24:02: Sie haben sich auf jeden Fall einen Namen gemacht.

00:24:04: Das merkt man oft im Umgang mit Kunden, Kundinnen oder Personen die in die Kneipe kommen.

00:24:11: Sie haben also eine Selbstständigkeit aufgebaut und die Familie lebt zwar in einfachen Verhältnissen sie erfahren aber keinen Mangel.

00:24:19: Also sie haben alles was sie zum Leben brauchen Und was vielleicht noch interessant ist, dass sie auch in dieser Kneipe-Ladenkombination leben.

00:24:29: Sie haben da eine kleine Wohnung oder angrenzend ein oder zwei Räume wo sie eben auch wohnen und wo dieses Kneipen- und Ladengeschehen immer präsent ist im Alltag der Familie.

00:24:45: Die Eltern arbeiten sehr hart, sind auch dadurch natürlich ökonomisch leicht aufgestiegen aber sind immer noch tief in der Welt der Arbeiterklasse verwurzelt.

00:24:57: Also sie teilen deren Sprache Kultur benehmen und haben ja keine oder wenig formale Bildung.

00:25:06: Und ja, wenden sich aber teilweise trotzdem ab von Kunden oder Kundinnen oder Menschen die in die Kneipe kommen.

00:25:13: Das merkt man an manchen Stellen.

00:25:15: da gibt es dann auch abwertende Kommentare Aber auch mehrfach Momente von Solidarität.

00:25:22: also die Mutter sucht auch immer wieder Kunden und Kundinnen auf, die nicht mehr selbst zum Laden kommen können.

00:25:28: Und bringt ihnen auch Dinge nach Hause weil sie irgendwie von Krankheit betroffen sind.

00:25:33: aber Sie geht dort auch die Schulden eintreiben.

00:25:38: Genau und für Denise ist das erst mal die ganz normale Welt ihrer Kindheit bis sie eben in die Schule kommt.

00:25:45: wie ich das vorher schon sagte und da habe Ich auch ein Zitat rausgesucht wo es auch um die Stellung ihrer Eltern geht Was macht dein Vater?

00:25:58: Er ist Kremor, klasse.

00:26:00: Da isst du bestimmt viele Bombons!

00:26:02: Ganz warm ganz weich.

00:26:03: damit rechnet man nicht.

00:26:05: Ich bin stolz und glücklich.

00:26:07: Dann plötzlich die dahergesagten Worte Die mir stundenlang im Kopf herumgehen Die machen werden dass ich mich schäme Und er hat eine Kneipe mit Betrunkenen Das es ja eklig Selbstschuld.

00:26:20: ich hätte den Mund halten sollen das hatte ich nicht gewusst in der Rue Clopard.

00:26:25: Wo ist das denn am Stadtrand?

00:26:27: Dann ist es also ein Tante-Emma-Laden.

00:26:31: Also wir merken im Verlauf ihrer Kindheit und Jugend immer häufiger, dass Denise ausgegrenzt wird weil ihre Eltern eben diese gesellschaftliche Stellung haben.

00:26:46: Und anfangs merkt man in den Erzählungen aus ihrer Kindheit aber viel stärker so eine Liebe und auch einen Stolz auf die Eltern.

00:26:53: Also sie fühlt sich bei den Eltern eigentlich sehr geborgen, bewundert sie auch und beschreibt sie als anständige Leute, als Wirtsleute und ist auch in den Verhältnissen glücklich.

00:27:06: Das wandelt sich eben im Lauf der Geschichte.

00:27:10: Es ist ja dann auch so dass die Eltern ja also in ihrem Aufstieg an soziale Grenzen stoßen.

00:27:18: Also irgendwie kommen sie nicht mehr weiter in ihren Bemühen und erhoffen sich ja deshalb gewissermaßen die Fortsetzung des sozialen Aufstiegs durch die Tochter, da mal vielleicht ein Ausschnitt der das sehr gut auf den Punkt bringt.

00:27:35: Da heißt es meine Herkunft liegt hinter mir ich bin eine arrogante Fremde.

00:27:41: Ich weiß viel mehr als Sie, also nämlich die Eltern und sie wollen mir Vorschriften machen.

00:27:47: In der Familie fragt man sich von wem ich den klugen Kopf habe, sucht unter Verwandtschaft vielleicht von der Großmutter?

00:27:53: Sie hatte Aussicht auf ein Stipendium, hatte schon mit elf ihren Volksschulabschluss aber letztlich läuft es immer auf Einziehen

00:28:01: aus.".

00:28:02: Ich kann nur deshalb Abitur machen, weil meine Eltern mit dem Laden und der Kneipe Geld verdienen.

00:28:08: Nur deshalb kann ich weiter zur Schule gehen vielleicht sogar zu Universität.

00:28:12: Mein Vater strahlt.

00:28:14: Wären wir einfache Arbeiter könnten wir uns das nicht leisten dann müsste sie längst Geld nach Hause bringen.

00:28:21: Meine Mutter denkt strategischer Hauptsache Sie verdient später gutes Geld.

00:28:26: Bei Familienessen fühle ich mich als Ausnahme.

00:28:29: die Verantwortung lastet schwer auf mir Und später im Text heißt es dann, hält sich für sonst was.

00:28:42: Das sagt die Mutter mit gerektem Kinn.

00:28:44: in deinem Alter wusste ich wie man sich benimmt.

00:28:46: dabei war ich eine Arbeiterin.

00:28:48: sie spuckt erstickt an ihren Flüchen wird weinerlich.

00:28:52: Man muss dazu wissen an dieser Stelle dass die Eltern erfahren haben das sie schwanger geworden ist.

00:28:58: Jedenfalls setzt die Mutter dann fort, wir haben uns ein Bein ausgerissen für das Balk.

00:29:03: Wir hätten dich auch mit vierzehn zu Arbeit schicken können und das ist der Dank!

00:29:07: Sie treibt sich mit Jungs

00:29:08: rum.".

00:29:10: So ging es eine halbe Stunde.

00:29:12: ich sah sie an aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen zärte an ihrem Kittel, scheumte vor Wut – sie redete nicht mit mir sondern mit einer Denise, die sie sich aus den guten Noten im Aufsatzschreiben zusammengeschustert hatte.

00:29:26: Mit der Musterschülerin, die die mittlere Reife gemacht hatte und Abitur machen würde.

00:29:31: Sie konnte nicht mehr an sich halten – und da war er wieder!

00:29:34: Der alte Hass stärker denn je.

00:29:37: Ich bebte vor Hass aus anderen Gründen als früher, gründen, die mir in den Bauch fuhren.

00:29:43: Schiss!

00:29:43: Sie hatte einfach nur schiss wegen der tratschenden Kunden wegen meiner Noten.

00:29:48: Angst dass sie mich vergeblich auf die katholische Privatschule geschickt hatten, dass sie mich umsonst all die Dinge hatten lernen lassen.

00:29:58: Also dieser Wunsch, die Tochter setzt das Werk fort im Aufstieg.

00:30:05: und Lena inwiefern stehen die unerwartete Schwangerschaft und diese illegale Abtreibung der Tochter den Wünschen der Eltern entgegen?

00:30:16: Ja, vielleicht noch kurz eine Ergänzung an der Stelle die du gerade vorgelesen hast.

00:30:20: Da erfahren Sie nicht von der Schwangerschaft sondern dass sie mit einem Jungen gesehen wurde und das ist aber auch noch nicht ... es ist auch nicht der spätere Partner sondern ein Junge aus der Nachbarschaft.

00:30:34: Genau!

00:30:34: Die Eltern investieren ja alles in den Bildungsaufstieg ihrer Tochter.

00:30:40: Also sie rackern sich dafür ab, sie stehen dafür jeden Tag in der Kneipe und im Laden Und die Schwangerschaft bedeutet dann dementsprechend natürlich eine soziale Katastrophe.

00:30:59: Also da kommt viel zusammen, da kommt zum einen so ne sehr katholische Sexualmoral auch hinzu und das zieht sich auch durch den ganzen Text.

00:31:11: Das ist dort immer wieder ja sehr starke... Einschränkungen gibt und sehr starke moralische Richtlinien, an die man sich halten sollte.

00:31:20: Und das tut Denise nicht!

00:31:24: Und es hängt auch sehr viel zusammen mit dem gesellschaftlichen Ansehen und auch dem Ruf der Familie, weil da reicht das natürlich schon wenn sie nur gesehen wird mit einem Jungen aus der Nachbarschaft.

00:31:35: Das ist schon ein großer Skandal sein könnte.

00:31:37: man bekommt auch oft mit dass die Mutter tratscht mit anderen Kundinnen im Laden, dass sie dann sich auch wirklich so darüber auslassen wer wurde mit wem gesehen?

00:31:47: was haben die da wohl gemacht?

00:31:48: in welchem Keller war eine Frau mit irgendjemandem?

00:31:52: also das ist schon auch ein sehr.

00:31:56: Aber genau an dieser Stelle zeigt sich auch, dass eben der Körper von Denise eigentlich auch den sozialen Status der Eltern trägt.

00:32:05: Also dieser Aufstiegsgedanke ist auch wieder sehr stark mit ihrem Körper verbunden und auch hier wieder die Verschränkung von Klassen- und Geschlechterverhältnissen.

00:32:16: Ja ihr Körper verkörpert ihre Klasse!

00:32:19: Und der drohende Studienabbruch könnte katastrophale Folgen haben, also zum Beispiel entweder wer sie gezwungen den Vater des Kindes zu heiraten oder sie würde große Echtung erfahren.

00:32:37: Oder sie würde vielleicht auch den sozialen Status so weit verlieren dass sie sogar noch unter das Niveau der Eltern sinkt und natürlich während die ganzen Investitionen verloren, die die Eltern in sie ja gemacht haben.

00:32:51: Und auch die illegale Abtreibung ist eigentlich ein Klassenphänomen, weil wie ich es vorher auch schon gesagt habe – Ich glaube eine Frau aus der Bursch-Versie hätte ganz andere Möglichkeiten gehabt, diese Schwangerschaft zu beenden und heimlich zu beendet und sicher zu beenten.

00:33:10: Und gleichzeitig sehen wir auch, dass das eigentlich ein sehr trennendes Thema zwischen Denise und ihren Eltern ist.

00:33:17: Weil sie geht allein durch diese Situation.

00:33:21: Sie erzählt den Eltern nicht von der Schwangerschaft oder dieser extremen Situation.

00:33:27: Es ist eher so ein großes Schweigen und eine Isolation und er macht eine sehr große Distanz zwischen Denise- und ihrem Eltern sichtbar.

00:33:39: in dem Moment, weil es gibt eigentlich keine Sprache.

00:33:42: Aber das ist kein Gespräch möglich über dieses Thema ungewollte Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch.

00:33:49: Das ist einfach nicht denkbar.

00:33:52: Ja voll!

00:33:54: Dieses Zusammenspiel von auf der einen Seite.

00:33:58: die Eltern haben in sie investiert und diese Investition könnte ins Leere gehen, könnte keinen Ertrag abwerfen kombiniert mit dem Aspekt, das mit diesem in Anführungszeichen Tabu-Bruch.

00:34:14: Dass man mit Jungs abhängt, dass man schwanger ist und sogar vielleicht abtreiben möchte.

00:34:19: Dass das ja verbunden ist mit dieser gesellschaftlichen Echtung und auch diese Angst, die bereits erworbenen Pristischmerkmale.

00:34:34: zu verlieren.

00:34:36: Das gibt ja immer diese Szenen in der Kneipe, wo Leute beschrieben werden, denen es richtig dreckig geht und die werden ja immer stigmatisiert als Trinker oder jenes oder arme Menschen.

00:34:50: Man merkt an dieser Stelle so wie die Eltern Angst haben gesehen zu werden in den Augen der Bürgerlichen, weil – und das wissen sie durch ihren eigenen Aufstieg – diese Echtung gleichzeitig ihnen die Türen vor der Nase schließen würde.

00:35:11: Insofern spielt da auch sehr viel Angst mit rein.

00:35:17: Und eine skrupellose ökonomische Dynamik und Gewalt.

00:35:25: an der Stelle einen Schritt weiterzugehen.

00:35:28: Es ist ja so, dass ebenso wie die Eltern beginnt ihr auch Denis dann irgendwann sich von dem arbeitenden Milieu abzugrenzen also das sie vor allem durch die Kneipe und den Cremalerden der Eltern kennenlernt.

00:35:42: An einer Stelle heißt es auch ich bin froh hier zu sein, froh Denis Lesur zu sein.

00:35:48: Ich kann mir Denise Chedru nicht vorstellen da drin neben all den Flaschen den Pisspot zum Kontext mit ihrer Mutter bei ärmeren Menschen in dem Milieu, wo die Mutter denen halt bestimmte Waren bringt und wie du schon sagtest Schulden eintreibt.

00:36:05: Und dann sehen sie oh da geht es Leuten jetzt ziemlich dreckig ne?

00:36:08: Und nämlich der familie Chidro.

00:36:11: Das ist ja noch an einem sehr frühen Zeitpunkt ihrer Entwicklung also noch mehr Kind.

00:36:16: später wird sich eine Jugendliche durch die Schule gehen und noch eine Studentin.

00:36:20: Und Lena, welche Faktoren begleiten aber auch befeuern ihr Abgrenzungsbedürfnis zur arbeitenden Klasse?

00:36:29: Das ist ja irgendwie so eine aufsteigende Linie im Laufe des Textes.

00:36:37: Dass sich immer mehr verdichtet.

00:36:42: Ja total!

00:36:43: Also da ist auf jeden Fall ein einschneidender Moment, der Moment in dem sie eben auf diese katholische Privatschule kommt und dort immer wieder ja den Blick auf ihre bisherige Welt eigentlich durch die Augen der Mitschülerinnen, durch die Eugen der Lehrerinnen.

00:37:08: Und letztlich damit auch der Bourgeoisie sieht.

00:37:12: weil wenn Sie zum Beispiel Geschichten von zu Hause erzählt dann reagieren die Menschen um sie herum mit Erstaunen oder Ablehnung, vielleicht sogar Ekel und oft werden ihre Geschichten auch unterbrochen.

00:37:26: Also irgendwann realisiert sie dass diese Geschichten dort nicht gehört werden wollen Weil durch die Augen der Burj Vasi oder ihrer Mitschülerinnen, ja ist einfach ihr Herkunftsmilieu roh laut schmutzig unkultiviert und auch hier wird eben auch das Milieu aus dem sie kommt häufig über Gerüche, Körperlichkeit und Lärm beschrieben.

00:37:51: Und in genau solchen ausdrücken und begriffen, wie sie in der bürgerlichen Welt eigentlich als unkultiviert, unkontrolliert, vulgär, bedrohlich auch verstanden werden.

00:38:05: Ein Beispiel sind zum Beispiel die Beschreibungen der Männer- und auch der Männerkörper in der Kneipe.

00:38:11: also Sie sind immer sehr laut trinken, schwitzen, sind auch Lüstern.

00:38:22: Ja, das sind alles Momente wo sie eigentlich bemerkt dass sie sich abgrenzen muss um nicht mit denen sozusagen in einen Topf geworfen zu werden.

00:38:34: und auch da habe ich nochmal ein Zitat herausgesucht.

00:38:43: Ich habe nichts mehr mit ihnen zu tun!

00:38:45: Nichts mehr mit Ihnen gemeinsam.

00:38:47: also da geht es um Ihre Eltern.

00:38:49: Dabei war ich, bis ich sieben oder acht Jahre alt war – genau wie Sie!

00:38:54: Wie die Frauen, denen Kittelschürze einkaufen kommen und ihre Finger in den Kamombär stecken um zu prüfen ob er reif ist.

00:39:01: Ein unerzogenes Gör ein böses Mädchen.

00:39:04: Ich könnte mich hin hocken und ihn ins Gesicht pinkeln.

00:39:08: Nenis Lesour eine Kindheit inmitten von Qualm, Cautabag und Tomaten Die im Sommer trotz der heruntergelassenen Rollos verschimmeln.

00:39:17: Ein Katzenjunges, das glücklich die Augen aufschlägt und in die Welt plickt.

00:39:22: Alles zu seiner freien Verfügung!

00:39:24: Auch wenn mich das was ich als Kind liebte und bewunderte jetzt

00:39:28: anwidert.".

00:39:30: Und man sieht daran auch dass sie an manchen Stellen Personen sieht und dann ein mögliches Zukunftsszenario für sich daraus ableitet und ja immer dann auch die Angst Auf kommt, was wenn ich den Aufstieg nicht schaffe?

00:39:47: Dann werde ich so enten wie Sie.

00:39:49: Und ja auch die Eltern werden zunehmend eigentlich eine Negativ-Schaplone und sie grenzt sich zunehmbt von den Eltern ab.

00:40:01: Zunehmnd!

00:40:02: Ja das ist ein Wort dass man unterstreichen müsste an der Stelle, welches sich gerade im Zusammenhang mit den Männerkörpern in der Kneipel nochmal aufs krasseste verdeutlicht.

00:40:14: Und ich möchte das einfach nur an der Stelle nochmal ergänzen, weil es ist ja so dass der Text als innerer Monolog funktioniert und mit dem Entdecken ihrer Lust und dem Wachsen ihres auch erotischen Begehrens werden diese Bilder, diese teilweise auch Projektionen auf die Männerkörper in der Kneipe.

00:40:38: Auf dieser arbeitenden Körper immer Immer vulgärer.

00:40:45: Es gibt ja dann, später geht das ja soweit, dass sie sagt so ich paraphrasiere Ja die gucken mir eh die ganze Zeit nur hinterher und wollen eigentlich diese kleine Lesur mal irgendwie verführen oder mit in ihr Zimmer nehmen oder sowas.

00:40:59: Man merkt da auch, dass quasi im Gleichschritt mit ihrem Begehren Unendlichen, maßlosen Lust auch diese Negativschablone zu ihrer Herkunft dann auch hinhalten muss.

00:41:17: So nach dem Motto aber so werde ich es nicht treiben und das alles kulminiert ja auch im Grunde genommen in Bildung.

00:41:27: Du hast diese Privatschule genannt, die ja dann doch so eine Zäsur markiert.

00:41:33: und Bildung, die Denise eben durch dieses Mädchen-Gymnasium erfährt.

00:41:37: Aber vor allen Dingen auch die Literatur im Besonderen während ihrer ganzen Entwicklung ermöglicht ihr den sozialen Aufstieg in der bürgerlichen Gesellschaft.

00:41:47: Führt sie aber auch zugleich zu einer Entfremdung von Ihrer Familie?

00:41:52: Und von sich selbst!

00:41:54: ohne jedoch auch vollständig Teil der bürgerlichen Klasse zu werden.

00:41:58: Sie wird sozusagen innerlich leer, da wären wir beim Titel die leeren Schränke.

00:42:03: und ein Aspekt der Bildung ist folgender, der auch im Texte eindrücklich beschrieben wird.

00:42:10: Da heißt es nämlich zu entdecken dass alles um dich herum nicht echt ist das nur ein zufälliges Arrangement für das du nichts kannst?

00:42:21: sie sind primitiv Sie sind laut, ich habe nichts mit ihnen zu tun.

00:42:25: Die Wahrheit stand schwarz und weiß in den Büchern.

00:42:29: Sie war in meiner Reichweite.

00:42:31: Ich blickte von oben auf die Welt.

00:42:33: Ich hatte Mitleid mit allen, die beim Lesen solcher Bücher nur Bahnhof verstanden hätten.

00:42:37: Mir raubten sie – wie sollte es anders sein?

00:42:40: Den Atem!

00:42:41: Zwischen Bonsoiré, einer der Zeitschriften die meine Mutter las und sie mit ihrem Milchcafé vollkleckerte.

00:42:49: Und Kafka's Schloss liegen Welten das merke ich zum wiederholten Mal ständig diese Distanz zu meiner Herkunft.

00:42:55: Erbsendosen im Sonnenlicht Die Strahlen streicheln die knallgrünen Schoten Meine Mutter fährt mit dem Geschirrtuch Über die Stühle der alte Martin zittert so sehr, dass der Pastis aus seinem Glas schwappt.

00:43:10: Sie werden sich nie verändern – Welten dazwischen!

00:43:13: In diesen Sommerferien entdeckte ich endlich den Trick, den perfiden Weg aus allem herauszukommen, Dinge wissen von denen andere keine Ahnung haben, sich im Lernstoff vergraben in der Literatur vor allem in der Litratur um über den anderen zu schweben und es ihnen richtig zeigen.

00:43:30: Also ich finde ja tatsächlich Lena dass Denise Lesour auch eine Streberin ist.

00:43:35: Also wirklich so im negativen und vollen Sinn des Wortes, sie entdeckt quasi die Bildung als eine Strategie der Distinktion einer Strategie überlegenheit.

00:43:48: Sie sagt es ja so vergräbt sich in ihrem Lernstoff und deswegen macht sie das mit einer gewissen Freude einfach für die Hausaufgaben zu lernen die Menschen um ihr herum, sie mit Erstaunen ansehen und man den Eindruck hat was macht sich denn da eigentlich?

00:44:06: Was sie macht ist nicht die Bildung selbst sondern sie ahnt instinktiv.

00:44:13: Damit stehe ich über ihn.

00:44:16: das ist ja dieses Bild von der Schwäbe über den Ding.

00:44:19: Und da haben wir jetzt so ganz provokant gefragt auch Machtbildung arrogant.

00:44:25: Also ich würde sagen gewissermaßen Ja.

00:44:30: Einerseits nutzt sie die Bildung aber auch, um sich einen gewissen Stand in ihrer Klasse ja also in ihrer Schulklasse zu erarbeiten.

00:44:40: Weil dadurch erfährt sie Respekt und das ist auch der Weg den Sie wählt, um trotz Ihrer Herkunft von den anderen akzeptiert und bewundert zu werden.

00:44:51: Aber trotzdem Bildung nie neutral, weil es werden bestimmte Werte und auch eine Kultur der herrschenden Klasse vermittelt.

00:45:02: Und es schwingt immer mit so ein Gefühl von Überlegenheit, dass man eben die richtige Form von Wissen jetzt gefunden hat – von Sprache, von Geschmack, von Denken.

00:45:17: Wenn man dann natürlich eine Klassenaufsteigerin ist, geht damit unweigerlicher die Entwertung der eigenen Herkunft einher.

00:45:25: Also man kann dem gar nicht entkommen, sich dann davon abzugrenzen und auch die bisherige Lebenswelt eigentlich abzuwerten mit allem was dazugehört.

00:45:35: Und das ist auch an der Stelle eine Art von ja Ein Mechanismus von Selbstschutz Sich selbst dann davon Abzuheben und als etwas Besseres zu sehen Und eben ganz klar zu zeigen ich bin nicht mehr Teil dieser Klasse, weil wenn man es nicht selber macht dann tun's andere.

00:45:55: Also ist so dieser Schutzgedanke ich wende mich lieber selber ab und werte die anderen ab damit das andere nicht tun.

00:46:05: Und ich finde auch sehr interessant die Rolle von Literatur, die er nur dort beschreibt Weil sie eröffnet nämlich ganz neue Perspektiven für Denise also die Geschichten und Texte, die sie liest, die gewähren ihr Eintritt in ganz neue Welten.

00:46:24: Und führen aber auch dazu dass sie viel mehr versteht eigentlich von der Welt also vermeintlich zumindest im Sinne dieser Hochkultur als ihre Eltern.

00:46:36: Dann schaut sie wirklich abwertend auf die Beschränktheit ihrer Eltern herab schenkt ihr immer weiter Bücher und ist da ja auch sehr stolz drauf.

00:46:51: Und dann möchte ich noch mal eine Stelle zitieren, und zwar geht es darum dass die Mutter ihr neues Buch geschenkt hat.

00:47:02: Dann gehts weiter... Und gleichzeitig ein paar Sätze weiter unten.

00:47:19: Blöde Schlampe, ich schämte mich!

00:47:21: Also es fällt ihr dann auch gleich wieder auf sie zurück das sie so denkt sozusagen und Sie versucht sich ihre Eltern sofort zu stellen als wären sie genauso gebildet wie sie.

00:47:34: So sollten sie sich nicht bewegen einfach nur da sitzen, aufrecht ohne zu reden.

00:47:40: Sie können sich eh nicht ausdrücken und Ich würde ihn einflüstern was sie tun und sagen sollen und würde ihn alles beibringen, was ich weiß – Allgebrah, Geschichte, Englisch.

00:47:51: Dann wüssten sie genauso wie ich, genau so viel wie ich und wir könnten miteinander diskutieren ins Theater

00:47:57: gehen.".

00:48:00: Und noch ein paar Sätze weiter unten… weil ich jeden Morgen seinen Strahl durch die Wand höre, das Blättern im Nachttopf bis zum letzten Tropfen.

00:48:18: Dass meine Mutter sich krimazierend unter ihrem Rock kratzt, dass meine Eltern Franz Dimanche lesen – die Zeitung, die meine Lehrerin als Käseblatt bezeichnet -, dass sie einzigster und größer als wie

00:48:30: sagen.".

00:48:31: Also hier sieht man nochmal sehr deutlich diese Zerrissenheit, die sie auch irgendwie hat.

00:48:41: Ich finde aber gleichzeitig, dass er nur hier eigentlich sowas wie den doppelten Boden eingebaut hat.

00:48:47: Weil indem sie diesen Mechanismus entlarvt, setzt sich ja auch wieder selbst.

00:48:53: also sie reflektiert in dem Moment auch ihre eigene Arroganz in der Person von Denise.

00:48:59: Also es ist ziemlich genial

00:49:02: Ja voll!

00:49:05: Die Bildung hat an dieser Stelle eine funktionale Dimension.

00:49:09: und durch diese Art, wie sie das beschreibt sowohl nach Herkunft als auch der Milieu in dem sich dann später immer mehr bewegt.

00:49:19: Er scheint Bildung ja auch als ein Kampffeld ne?

00:49:22: Als Gefechtsplatz hat man den Eindruck.

00:49:24: Man muss sich ständig behaupten, man muss ständig die Elbung, man müssen ständig schießen oder man muss Schüsse abwehren.

00:49:30: und das erinnert mich auch an... Diese Unterscheidung von Pierre Bourdieu der legitim und illegitimen Bildung.

00:49:37: Also es ist so, dass die herrschende Klasse mit ihren Bildungsinstitutionen Schule und Universität formalisiert was Bildung isst also was legitime Bildung ist.

00:49:50: Beispiel wenn zum Wenn eine Mutter oder eine Frau viel Sorgearbeit leistet ja dann Er schafft sie damit Sie auch ganz viel wissen eine gewisse Form von Bildung im Umgang mit heranwachsenden Menschen oder auch vielleicht mit Mitmenschen, alte Menschen.

00:50:08: Auch vielleicht mit dem Partner und so weiter.

00:50:10: und so wird gar nicht erst zu sprechen von der patriarchalen Dimension aber sie schafft damit Wissen und Bildung in einer Praxis die nichts gesehen wird.

00:50:18: Aber diese Art von Bildungen wäre halt in dieser Unterscheidung eine illegitime Bildung Sie wäre nicht zertifiziert Sie wären nicht durch Abschlüsse Begründet.

00:50:26: Und diese Doppelbödigkeit zwischen Legitimer und Illegitimer, die du noch mal angesprochen hast, finde ich wird durch diese Analysekategorie nochmal sehr eindrücklich sichtbar.

00:50:37: Im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft ist Bildung ja in der Tat ein Trittbrett für einen ökonomischen Aufstieg des Individuums spätestens im Arbeitsmarkt.

00:50:47: Also alle Schülerinnen und Schüler, alle Studentinnen und Studenten wissen wenn sie ein Abschluss gemacht haben ist der Idealismus aus den Unis oder der Schulen weg weil dann geht es nur noch um den harten Kampf um einen Arbeitsplatz.

00:51:01: und davon können sehr viele Einliegen auch vor allem in meiner Generation und Jünger.

00:51:07: und Bildung mag zwar von der unterdrückten Klasse befreien Auch eine Denise Lesour befreit aber niemals in diesem bürgerlichen Kontext von der herrschenden Klasse selbst.

00:51:22: Und ich finde, diese Zweischneidigkeit erlebt ja Denise Lesou die leeren Schränke mit voller Wucht und wird auch gezeigt, Bildungserfolg in diesem Kontext führt in die Einsamkeit und Isolation den Individualismus im Grunde genommen.

00:51:42: Und das finde ich erlaubt, aber auch Bildung mal in einer anderen Version zu denken und in eine andere Version mal zu konzipieren.

00:51:49: Also es wirft die Frage muss Bildungen so stattfinden wie es stattfindet damit solche zerrissenen Biografien- und Lebenswege entstehen wie Denise Lesour?

00:52:02: oder könnte Bildung tatsächlich seinem humanistischen Ideal entsprechend der Selbstbestimmung, Selbstbefreiung und Autonomie des Menschen mit den Menschen.

00:52:12: Also frei von ökonomischen Zwängen, des Arbeitsmarktes und der Konkurrenz.

00:52:16: Aber das ist jetzt kein Thema, dass wir weiter ausführen?

00:52:21: Man sieht also ein Buch von Erno gerade diese Diskussion in einer sehr konsequenten Weise ermöglicht.

00:52:30: Denise durchläuft ja in ihrer Bewusstseinsentwicklung und Entfremdung mehrere Etappen.

00:52:36: Diese Kurve die quasi stetig steigt.

00:52:38: Nur einmal ist ein explizit politisches Ereignis von Bedeutung, nämlich der antikoloniale Befreiungskrieg in Algerien.

00:52:46: Von hier bis zu den französischen Kolonialen.

00:52:51: Der Roman spielt ja ungefähr um neunzehntundneinundsechzig und da heißt es auch an einer Stelle... Die Revolution hat nicht stattgefunden!

00:53:00: Was soll's?

00:53:02: Und ein paar Seiten vorher schreibt sie so, ach hoffentlich kommt die Revolution setzt man hier alles auf den Kopf, verändert quasi.

00:53:10: Man merkt auch so eine Pubertäre Ungestühmtheit die endlich ausbrechen will.

00:53:16: Lena wieder zu dir also... Ich weiß große Frage aber ich denke Ahno bringt das nicht ohne Grund ins Spiel ne?

00:53:24: Auch vielleicht für ihre eigene Politisierung Aber in gewisser Weise politisiert sie ja auch die Lesur.

00:53:29: Welche Rolle spielt der Algerienkrieg als historischer Hintergrund für Denise und auch für Ihre Widersprüche?

00:53:36: Also ich sehe darin eigentlich verschiedene Ebenen.

00:53:43: Wir wissen aus der Zeit, dass die französische Gesellschaft ja auch stark gespalten war und das vor allem so ein linkes intellektuelles universitäres Milieu, die allgerische Unabhängigkeitsbewegung stark unterstützt hat Aber eher auf einem theoretischen Niveau, würde ich sagen.

00:54:05: Also Sartre und de Beauvoir haben zum Beispiel zum Widerstand gegen den Krieg aufgerufen und haben die antikoloniale Bewegung in Frankreich unterstützt.

00:54:16: aber es gab auch weite Teile der Bevölkerung, die eben an französisch-algerien festgehalten haben.

00:54:22: Und hier zeigen sich auf jeden Fall Bruchlinien.

00:54:26: Die verlaufen nicht konsequent entlang von Klassengrenzen.

00:54:31: Wir bekommen auch ein paar Seiten vorher im Text einmal zu hören, wie die Kneipenbesucher sich zum Algerienkrieg äußern.

00:54:41: Und da sagt einer am Ende sind die Arbeiter immer die Gearsten ist doch klar jetzt wollen sie uns allen eine Waffe in die Hand drücken und darunter schicken ihr werdet schon sehen!

00:54:53: Und dann noch so was wie gibt uns noch einen Schnaps aus?

00:54:55: vielleicht es ist unser letzter jetzt nochmal frei paraphrasiert.

00:55:00: Aber wir sehen auf jeden Fall auch in dieser Frage Algerien kriegt die Klassenunterschiede.

00:55:09: Also, die Arbeiter fürchten sich davor an die Front zu müssen während die Intellektuellen von Freiheit philosophieren.

00:55:15: so ein bisschen überspitzt gesagt.

00:55:18: und ja man kann vielleicht auch eine Parallele ziehen zum Deniszustand.

00:55:25: also sie Ja, wenn wir an den Algerienkrieg denken dann geht's um Kolonialismus.

00:55:31: Es geht um Klassenherrschaft es geht um Anpassung und die Übermacht eines dominierenden Systems und die Abwertung des anderen.

00:55:42: Und ja dieser Satz ist ja eigentlich auch so was solls?

00:55:48: Ist ja das Ende.

00:55:49: also es ist irgendwie eine Art von Erschöpfung da drin zu hören oder vielleicht auch Desinteresse, aber ich denke eher so was wie eine Desillusionierung und vielleicht auch in dem Fall von Denise ne politische Heimatlosigkeit.

00:56:06: Also sie hat auch kein Kollektiv mit dem Sie sich irgendwie austauschen kann – nicht über politische Fragen weil wir an diesem Beispiel sehen dass die Besucher der Kneipe eine andere Einstellung haben als ihr Intellektuelles-Milieu dass sie auch dort nicht richtig reinpasst und ja, das sie einfach eine Art Hoffnungslosigkeit irgendwie auf Veränderungen in sich trägt.

00:56:34: Also es könnte auch den Spiegel ihrer eigenen Widersprüche sein an der Stelle?

00:56:39: Absolut!

00:56:39: Ich finde, fassbare Kulmination stattfindet.

00:56:44: und zu dem Politischen möchte ich noch hinzufügen.

00:56:46: Es ist ja nicht nur so, dass sie nicht sprechen kann darüber oder diese Gespräche hat in dem Milieu wo sie aufwächst sondern umgekehrt ist es ja so.

00:56:54: Ich glaube es ist mag jedenfalls eines dieser bourgeois Freunde später von denen sich dann erzählt Ja der hat immer so gerne über Politik geredet aber wenn er über Politik gesprochen hat habe ich nichts verstanden.

00:57:07: Also dass sich quasi auch das andere Milieu, die andere Klasse über Politik in einer Weise spricht mit der sie dann wiederum nichts anfangen kann.

00:57:16: Eben nicht über Revolutionen spricht oder überall diese Themen, die damit zusammenhängen und das fand ich dann auch um das nur zu ergänzen im Hinblick auf ihre politische Heimatlosigkeit.

00:57:27: Man muss an dieser Stelle auch wirklich Lob aussprechen an Erno gerade im Kontext der neuen Klassenliteratur die ja in den letzten Jahren viel aufsehen, für viele Aufsehen gesorgt hat.

00:57:40: Das nämlich bei Erno, nicht von mir aus alle Bücher aber auch die leeren Schränke.

00:57:47: ganz besonders.

00:57:48: es gibt in Ernos Büchern die Welt.

00:57:52: Die Welt!

00:57:53: Die Gegenwart existiert in ihren Geschichten und das ist immer so toll.

00:57:57: Es geht eben nicht nur um sie selbst sondern man merkt quasi durch den Sound durch die Kulisse in der ihre Kämpfe und ihre Zerrissenheit stattfindet, dass da noch was existiert.

00:58:11: Nämlich ein Algerienkrieg, nämlich Charles de Gaulle nehme ich diese Situation Frankreichs nach dem Zweiten Weltkriegen.

00:58:17: also es ist eine welthaltige Literatur, die sich ganz und gar nicht auf das autobiografische in einem luftleeren Raum beschränkt.

00:58:24: Das ist zum Beispiel meiner Ansicht nach etwas, was der heutigen zeitgenössischen Literatur und jenseits auch der Klasse Literatur selten bis gar nicht gelingt.

00:58:34: Da hat man immer den Eindruck, es geht nur um die Handlung ist transcendiert quasi über das ich hinaus auf den Leser aber dass quasi das Erzählte vor dem Hintergrund einer wirklich real existierenden und gewaltvollen Welt in der Kriege- und Völkermorde stattfinden platziert ist.

00:58:54: Das hat man selten bei Arno existiert.

00:58:57: ist zum Inhalt zu einer Frage, die sich ja wirklich aufdrängt.

00:59:06: Und bevor ich sie stelle möchte ich das mit einer Stelle versehen, die ich lese sehr am Anfang.

00:59:13: da schreibt und sagt Denise Lesour klar sehen zwischen zwei Krämpfen alles erzählen.

00:59:21: Sie ist gerade bei der Engelmacherin Seen ab wann alles den Bach runter ging.

00:59:27: Ich bin ja nicht mit dieser Wut zur Welt gekommen.

00:59:30: Ich habe sie nicht immer gehasst, meine Eltern die Kundschaft den Laden.

00:59:35: Die anderen, die Kultivierten, die Professoren, die erbaren Leute hasse ich mittlerweile auch!

00:59:41: Ich habe den Bauch voll von ihnen – ich kotze auf Sie, auf die Kultur, auf alles was ich gelernt habe.

00:59:47: Von allen Seiten gefickt.

00:59:49: Punkt, punkt, punkt.

00:59:51: Ja also so ist es quasi im Buch.

00:59:55: Lena ihr Freund Marc der das bildungsbürgerliche Milieuverkauf hat, verlässt sie sofort als Denise ihm von der Schwangerschaft erzählt.

01:00:04: Zu welcher Klasse gehört denn nun Denise Lesour?

01:00:07: Ja also äußerlich hat sie ja spätestens mit Beginn des Studiums eigentlich die Welt des Bildungsbürgertums komplett betreten.

01:00:18: Sie beherrscht dann auch zunehmend die Kurz- und Verhaltensweisen.

01:00:22: Und ja, dann auch irgendwann in der Art und Weise dass sie eigentlich kaum noch an auffällt und sich auch weniger anstrengen muss zwischen diesen Welten zu wechseln.

01:00:31: Also diese Entwicklung verfolgt die Leserin auch sehr.

01:00:36: genau das man quasi immer wieder merkt.

01:00:38: jetzt wird es einfacher für sie Jetzt hat sie diese beiden Sprachen perfektioniert Bildungsbürgertümlichen Welt äußerlich ankommen.

01:00:51: Aber der Moment der Schwangerschaft demaskiert natürlich alles, also in diesem Moment wird nämlich sehr klar das sie nicht zu dieser Welt gehört und dass die eine Frau aus der Arbeiterklasse ist und dass eben diese Bourgeoisie mag so ne ungewollte Schwangersschaft mit ihr als keine akzeptable Komplikationen seiner Biografie sieht.

01:01:13: Also er verschwindet direkt und ist auch nicht mehr gegenwärtig, als sie dann diese Entscheidung der Abtreibung trifft.

01:01:21: Zumindest kriegt man davon nichts mehr mit.

01:01:24: Und ja das zeigt eigentlich sehr brutal auf dass das Bildungsbürgertum in Krisenzeiten die eigenen Reihen schließt und das herausgestoßen wird wer nicht dazu gehört.

01:01:40: Sie ist aber gleichzeitig auch nicht mehr zu Hause in ihrem Herkunftsmilieu.

01:01:44: Also sie steht irgendwie zwischen den Klassen und es auch entfremdet eben von der Arbeiterklasse, aber doch immer noch mit ihr verbunden.

01:01:55: also im Französischen gibt's diesen Ausdruck transfüchte Klassklassenüberläuferin für diese Personen die eben zwischen diesen beiden Welten stehen wobei ich Ich würde glaube ich sagen, dass sie eher noch ein Teil der Arbeiterklasse ist.

01:02:14: Ja das ist wirklich eine sehr spannende Frage.

01:02:16: zu dir könnte man nochmal wirklich ne ganze Folge machen.

01:02:20: Lassen wir das so stehen?

01:02:22: Damit kann ich auch sehr gut arbeiten und ich hoffe auch unsere Zuhörerinnen und Zuhöhrern!

01:02:27: Und kommen wir doch zum Stil und zur Ästhetik.

01:02:30: jetzt im Schlussteil.

01:02:39: Man muss doch befinden, dass beide im je anderen Milieu falsch klingen.

01:02:44: In dem einen künstlich in dem anderen derb ist Der innere Monolog quasi die notwendige Konsequenz daraus Lena also dieses selbstgespräch weil man kann niemanden mehr ansprechen Weil es überall falsch klingt.

01:03:04: Also spricht man mit sich selbst, also schreibt man.

01:03:07: Vielleicht ist deswegen der Entschluss da zu schreiben weil man nicht mehr sprechen kann.

01:03:13: Was denkst du darüber?

01:03:15: Ja, es gibt ja diese zwei Sprachsysteme und auch wenn sie irgendwann perfektioniert hat zwischen diesen beiden Sprachsystemen hin- und herzugehen, ist sie doch irgendwie nirgends sicher!

01:03:31: Also es gibt immer die Gefahr, dass sie auffällt und das ihnen Fehler begeht.

01:03:36: Und ja dazu gibt es sehr viele prägnante Stellen im Buch.

01:03:42: und wenn man jetzt vielleicht auch mitdenken will, dass es einen autobiografischen Anteil gibt und dass Annie Erno auch zum Teil Denise Lesour ist dann ja bedeutet es auch, dass Sie als Autorin die beiden... Sprachen beherrscht.

01:04:01: Und das zeigt sich auch sehr deutlich daran, wie sie schreibt.

01:04:05: und diese Form des inneren Monologs ermöglicht es eben diese beiden Sprachen zu sprechen und zu verbinden ohne dafür irgendwie sanktioniert oder bestraft zu werden.

01:04:18: Das wegen würde ich sagen der Form.

01:04:21: Die Form schwiegelt hier auch den Inhalt.

01:04:23: Also es wird eine Verbindung geschaffen und Wege gefunden, diese beiden Welten zusammenzubringen mit der Sprache und mit der Art und Weise wie Annie Ernau schreibt.

01:04:37: Und da finde ich auch sehr schade, dass sich das Buch nicht in Französisch lesen kann.

01:04:41: Weil ich glaube es hat nochmal eine ganz andere Qualität wobei ich die Übersetzung schon auch sehr gut finde.

01:04:48: also diese Begrifflichkeiten aus der Arbeiterklasse und die Vergleiche zwischen diesen beiden Welten und den gängigen Ausdrücken ist wirklich sehr sehr eindrücklich.

01:04:59: Ja, in der Tat muss man an der Stelle auch einen Lob an die Übersetzerin Sonja Fink aussprechen.

01:05:04: Die ja in den letzten Jahren sehr eifrig die Werke der französischen Klassenliteratur insbesondere von Annie Arnaud für den Soekampferlag übersetzt.

01:05:17: Diese Geschichte, die Lehren schränke ist ja auch quasi eine Geschichte um den Erwerb der eigenen Sprache.

01:05:26: also ich finde Du hast das beschrieben als eine Verbindung, also der innere Monolog ist quasi die Verbindung von zwei Sprachwelten im Französischen.

01:05:37: Das muss man vielleicht hinzufügen.

01:05:38: Also ein Sprachsystem quasi die sozialen Dimension eines und desselben Sprachsystemes nämlich des französischen unterschiedlichen Dimensions so als würde sich der Klassenkampf in der Sprache fortschreiben fortsetzen.

01:05:52: ich finde ja tatsächlich es nicht unbedingt so sehr eine innere Verbindung, sondern im Laufe der Geschichte merkt man auch immer wieder das Denise Lesour.

01:06:01: Zunächst erstmal dieses Dieses distinguierte Französisch, dieses kultivierte Französe, was sie auch aus den Romanen kennt.

01:06:11: Dass die das erstmal bewundert und das schillert quasi bei ihr.

01:06:14: Und sie möchte im Grunde genommen gerne auch so sprechen wie ein Prust oder einen Balsack und wie Sie alle heißen oder das Milieu, dass sie später kennenlernt oder die Lehrerin, die dann quasi die Derbesprache ihrer Mutter oder so stigmatisiert.

01:06:27: Aber gerade im Zusammenhang mit der Abtreibung Mit ihrem entstandenen, mit ihrer Verachtung gegenüber der Verlogenheit.

01:06:35: Der bürgerlichen Klasse setzt sich davon wiederum ab.

01:06:39: Sie sagt so okay so will ich Ich kann nicht wie die sprechen das ist mir zu verlogen und außerdem akzeptieren sie mich ja eh nicht.

01:06:45: Und insofern Ja eine gewisse Form ästhetische Einsamkeit Die sich ausdrückt als Monolog Ist.

01:06:53: die Konsequenz aber Formulierungen selbst, also die Art und Weise wie sie Sprache da wiederum mobilisiert ist meiner Ansicht nach das Bemühen um eine neue Sprache.

01:07:07: Um einen um einen kreieren einer Sprache dass das rohe das sinnliche das materialistische aus der Arbeiterklasse mitnimmt.

01:07:15: ja ich bin von allen Seiten gefickt sagt Sie aber auf der anderen Seite die doch zu rettenden nützlichen Aspekte, vor allen Dingen Bildungsaspekte der bürgerlichen Sprache dann quasi verschmilzt damit.

01:07:35: Und das finde ich so stark!

01:07:36: Also es ist nicht so als würde sie da in ein Jagon zurückfallen... Das wäre ja auch eine Konsequenz.

01:07:41: Nee komm, ich bleibe jetzt einfach bei meinem Arbeiterinnen-Jagon?

01:07:45: Das macht sie ja nicht.

01:07:46: Aber sie sagt auch nicht Ja ich will nur noch gebildet daherkommen ganz glasieren und versteht mich keiner mehr sondern sie verschmilzt etwas.

01:07:53: und in diesem Schmelztiegel entsteht meiner Ansicht nach eine neue Literatur, die wir heute lesen können.

01:08:00: Nämlich das Werk von Erno, dass dann halt entsprechend auch seine Auszeichnung hat.

01:08:10: Kannst du nachvollziehen Lena was ich an der Stelle meine oder?

01:08:14: Absolut!

01:08:15: Also es würde auf jeden Fall Und mir kam da jetzt noch in den Kopf, dass sie auch an manchen Stellen sagt die Worte sind so leer.

01:08:24: diese Bildungsbürgertum Begrifflichkeiten fassen eigentlich nichts.

01:08:29: Also sie können keine Gefühle oder Gefühlsregungen ausdrücken, oder wirkliche Wut oder so.

01:08:37: Weil dann nimmt sie heran die Ausdrücke, die sie aus ihrer Familie kennt und auch die Schimpftiraden von ihren Eltern, die bei ihr eine Wirkung hinterlassen während dieser hochgestochenen bourgeoisen Ausdrück sind für sie irgendwie leer nicht kraftvoll genug.

01:08:56: Also das finde ich auch noch mehr sehr spannend und da würde ich total unterstreichen, was du sagst dass sie dann quasi auch irgendwie aus beiden Welten sich Begrifflichkeiten und Ausdrücke übernimmt und dann vielleicht in eine eigene Ausdrucksform überträgt.

01:09:13: Genau also es ist nicht dieses blinde Pseudoradikale, ich werfe alles auf den Schalterhaufen der Geschichte.

01:09:23: Sondern es ist eher okay, manche Formen sind noch nützlich und wenn ich sie mit einem Inhalt meiner Herkunft fülle dann sprengte ich sie so das neue Form entstehen.

01:09:33: Und deshalb hat der Text auch ganz bestimmte Merkmale finde ich.

01:09:37: er ist sehr direkte ist in einer gewissen Weise roh aber empathisch gesagt, nämlich als ein Rohmaterial im Werden.

01:09:45: Er ist auch sehr emotional muss man sagen.

01:09:47: also er ist jetzt nicht frei von Emotionen im Gegenteil.

01:09:50: Er hat einen unverkennbar wütenden Ton.

01:09:53: ab und an fließen vulgäre und auch alltagsprachliche Ausdrücke mit reiner siehst sich da nicht zu schade einfach mal zu sagen ficken scheiße oder pisspot.

01:10:04: es findet aber auch gleichzeitig ein sehr schneller Gedankenwechsel immer wieder statt ne?

01:10:08: Also es hat nicht so eine klar Archie tektonisch ausgearbeitete Linie, sondern es springt im Zickzack immer hin und her.

01:10:17: So dass uns halt auch die Dimension des Bewusstseins vor Augen geführt wird.

01:10:24: Es erinnert teilweise auch an die James Joyceische Schreibteknik des Erinnerungsflusses.

01:10:29: Statt einer linearen Handlung wird ihr quasi in einem Steam of Consciousness erzählt.

01:10:34: Und ich möchte an dieser Stelle dieses Buch auch nochmal in eine Nähe bringen.

01:10:40: zur neuen Klassenliteratur von heute.

01:10:43: Die neue Klassenliteratur beschäftigt sich mit sozialer Herkunft, Ungleichheit und den Erfahrungen von Menschen aus der Arbeiterklasse – Aus Sicht der durch Bildung aufgestilligenen Arbeiterkinder.

01:10:56: Das ist so mehr oder weniger Das Feld, in dem sie sich bewegt oder die Stimmen vor allen Dingen häufig zeigen.

01:11:03: Die Texte wie Bildung und sozialer Aufstieg zu Entfremdung, Scham oder Identitätskonflikten führen.

01:11:11: typisch sind autobiografische oder autofiktionale Erzählweisen sowie eine direkte und realistische Sprache.

01:11:18: mal so mal So also mit alldem denke ich sind wir bei ja nur auch Auch beim Text.

01:11:25: Aber es gibt ein aber meine Ansicht nach.

01:11:29: Man muss allerdings hinzufügen, dass Annie Arnault sich anders oder sich als Pionierin der neuen Klassenliteratur von vielen ihrer Epigonen in einem wesentlichen Punkt unterscheidet.

01:11:43: Ihr Klassenhass!

01:11:45: Ich finde ihre Texte zielen nicht auf eine... Liberale oder sonst wie geformte Chancengleichheit im Kapitalismus.

01:11:54: Sie sind nicht klassistisch in dem Sinne, es wird nicht von Diskriminierung gesprochen oder so was.

01:12:00: Bitte hört uns mal an!

01:12:02: Sondern sie zielen auf die sozialistische Überwindung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse.

01:12:08: Sie zeigt mit ihren Büchern eben vor allem mit die leeren Schränke dass die Versprechen des Liberalismus an Menschen aus der arbeitenden Klasse Eine Lüge der Herrschenden sind, um Arbeiterkinder mit bürgerlichen Gefühlen und bürgernischen Träumen zu zersetzen und zu spalten.

01:12:27: Ernos Literatur ist ein Wegruf für Antagonismus und Klassen-Solidarität von unten Und das ist meiner Ansicht nach ein sehr wichtiger Unterschied der auch diese Unversöhnlichkeit noch mal unterstreicht.

01:12:42: Man hat den Eindruck, sie wendet sich hier nicht an die Bürgerlichen.

01:12:45: Sie macht keinen Voyeurismus mit ihren eigenen Leuten, sondern zeigt ihnen im Grunde genommen ein riesengroßes Mittelfinger.

01:12:53: Da wären wir wieder bei diesem Motiv der Rache.

01:12:54: Sie recht sich an denen und sagt so in gewisser Weise hey ihr könnt mich lesen, ihr könnt es lassen ist mir scheißegal aber ihr seid es nicht, an die ich mich hier wende Und die Konklusio aus diesen Geschichten ist ja genau gerade das.

01:13:11: Wer diesen Weg geht, lässt sich ködern vom Liberalismus der uns nur eine Sackgasse bietet – nämlich die Sackgasse einer Einsamkeit eines Wut und in gewisser Weise auch einer Depression.

01:13:30: nicht mehr zu wissen wer man eigentlich ist und wohin man eigentlich gehört.

01:13:35: In diesem Sinne, Lena.

01:13:36: Zum Schluss möchte ich dir noch eine Frage stellen und dazu möchte ich auch nochmal kurz Bezug nehmen auf eine Anfangsstelle wo es heißt nichts über mich über meine Situation kein einziger Text der beschreibt was Ich durchmache Nichts was mir hilft das hier zu überstehen.

01:13:57: Zu jedem Anlass gibt es Gebete Geburt Hochzeit Tod.

01:14:01: Da sollte es auch Texte zu allen Themen geben, z.B.

01:14:05: zu einer zwanzigjährigen die bei der Engelmacherin war dazu was sie auf dem Weg rückweg denkt und in dem Moment als sie sich auf ihr Bett wirft.

01:14:15: das würde ich lesen immer wieder darüber schweigen die Bücher und Sie nennt vorher auch Namen wie Victor Hugo Pegui und andere.

01:14:24: Darüber schweigen die Bücher.

01:14:25: eine schöne Beschreibung der Sonde, eine Verklärung der Sonne.

01:14:29: Das klingt ja schon echt einer heftigen Provokation!

01:14:33: Also Lena welchen Unterschied würde es machen wenn die Büchern nicht über die Erfahrungen und Situationen von Menschen aus der arbeitenden Klasse schweige würden?

01:14:45: Ein großer Unterschied weil... Es ja immer noch so ist, was nicht erzählt wird existiert kulturell auch nicht.

01:14:54: Also es würde den Unterschied machen dass es eine Sichtbarkeit gibt und auch ne Würde irgendwie für die Geschichten die bisher nicht erzählt werden.

01:15:05: Und ich finde auch jetzt nochmal anknüpfend an das was du gesagt hast Es ist eine Chance für ein politisches Bewusstsein also für die Lesenden zu erkennen, dass die eigene Situation keine persönliche Schwäche ist sondern strukturell erzeugt.

01:15:25: Also es würde aufbrechen diese Individualisierung und Möglichkeiten eröffnen für ein kollektives Bewusstsein also das was Marx die Klasse an sich und die klasse für sich genannt hat.

01:15:40: und das Schweigen von Literatur Und Kultur über die Arbeiterklasse ist ja auch kein Zufall.

01:15:48: Es ist ja keine Geschmacksfrage, sondern es ist ein politisches Kalkül und ... Ja!

01:15:57: Es ist ein kulturelles Abbild einer Gesellschaft in der eben bestimmte Geschichten und damit auch bestimmte Leben für weniger erzählenswert gehalten werden.

01:16:11: Das verhindert Solidarität, das verhindern auch Zusammenhalt und verhinderten letztlich ein Klassenbewusstsein.

01:16:20: Und fördert eben die Vereinzelung und den Blick weg von den eigentlichen Ursachen.

01:16:26: Deswegen denke ich diese Geschichten müssen erzählt werden und sie müssen mit einer Wut auf Verhältnisse erzählt werden.

01:16:35: Ja, das ist ja ein tolles Abschlusswort Lena.

01:16:37: Ich glaube ich hatte bis in all meinen Folgen nicht so viele Zitate aus dem entsprechenden Buch gelesen wie in dieser Folge.

01:16:47: was für das Buch?

01:16:49: Für die Themen und für Anno spricht aber auch für dich Lena.

01:16:52: vielen Dank für dieses Gespräch.

01:16:54: Danke schön

01:17:00: Hi Leute!

01:17:01: Dieses Projekt lebt von eurer Unterstützung und eurer Solidarität.

01:17:05: Wenn euch die Folge gefallen hat like diesen Beitrag kommentiert ihn Teilt ihn und folgt diesem Podcast auf den euch bekannten sozialen Medien.

01:17:15: Wenn ihr etwas Geld übrig habt, dann spendet für dieses Projekt Infos.

01:17:19: wie ihr das tun könnt findet ihren Beschreibungstext denn dieses Projekt wird ausschließlich mit eigenen Mitteln beschritten.

01:17:26: Wir hören voneinander wenn es wieder heißt klasse Literatur der podcast mit Klassenperspektive.

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