Ep. 8 „Der Absturz“ von Édouard Louis

Shownotes

Wie über jemanden schreiben, dessen Perspektive durch die eigene ersetzt wird? „Der Absturz" von Édouard Louis erschien 2025 in Frankreich und 2026 in deutscher Übersetzung. Darin porträtiert er das Leben und den Tod seines älteren Bruders. Laut Louis ist das Buch „der Abschluss eines Familienfreskos, das vor zehn Jahren begann". Auffällig ist diesmal, wie sehr Psychologie im Gegensatz zu Klassenanalyse in den Vordergrund rückt. Wie zuletzt ist auch dieser Text kurz und hat viele Absätze. Solche Texte würden nicht verlegt werden, doch Louis garantiert den verlegerischen Erfolg.

In dieser Folge spreche ich mit dem Journalisten und Autor Olivier David über den Nutzen und Wert von Louis' Büchern für die Arbeiterklasse. Warum existiert die Perspektive des Bruders nicht, obwohl Louis seinen Bruder verstehen will? Welche Rolle spielt der Alkohol für den Absturz des Bruders? Wieso setzt Louis auf „Techniken der Flucht", also auf den individuellen Ausweg in Form einer individualistischen Verwandlung? Und ist antifiktionales Schreiben wirklich realistisch?

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00:00:04: Hallo und herzlich willkommen bei Klasse Literatur, dem Literatur-Podcast mit Klassenperspektive.

00:00:17: Mein Name ist Mesut Berakter und in dieser Folge geht es um – wie is der New York Times ausdrückt?

00:00:23: Frankreichs größte literarische Sensation nämlich um Edouard Louis und sein Buch Der Absturz.

00:00:29: Zu Gast habe ich Olivier David.

00:00:31: Hi Olivier!

00:00:36: Olivier, zunächst erst mal ein paar Worte zu die um dich halt auch den Zuhörer in... vorzustellen.

00:00:41: Olivier ist Schriftsteller und Journalist.

00:00:43: in seinen Büchern, keine Aufstiegsgeschichte und von der namenlosen Menge beide sehr lesenswert, schreibt Olivier über Klassenverhältnisse, Armut- und psychische Gesundheit.

00:00:54: Dieses Jahr im Herbst erscheint von ihm die Textsammlung mit dem Titel Die Armen liefern die Leichen, Texte zu Krieg, Krise und Kultur im Lettadlin

00:01:04: Verlag.".

00:01:05: An dieser Stelle, Olivier erst einmal Gratulation zum Buchtitel!

00:01:10: Danke.

00:01:11: Bevor wir ins Gespräch steigen, würde ich das Buch und das Thema, das heute zur Debatte steht, mal vorstellen.

00:01:20: Der Absturz von Louis erschien in Frankreich im Jahr.

00:01:31: Darin porträtiert er das Leben und den Tod seines älteren Bruders.

00:01:35: Ähnlich wie in seinen anderen Büchern stellt er die Frage, wer letztlich für den Absturz bzw.

00:01:41: für den Untergang den Zusammenbruch oder gegebenfalls auch dem Tod verantwortlich ist?

00:01:46: Der Fokus liegt – wie in seinem vergangenen Bücheren wieder sehr stark in der eigenen Familiengeschichte Und beim Autor selbst.

00:01:54: Wie zuletzt ist auch dieser Text verhältnismäßig kurz und mit vielen Absätzen, auf das wir hier noch zu sprechen kommen werden?

00:02:02: Ich würde die These an dieser Stelle schon wagen dass solche Texte nicht verlegt werden würden wenn sie nicht von Louis kämen der inzwischen einen man muss es schon sagen verlegerischen Erfolg garantiert.

00:02:14: laut Louis ist der Abschluss eines Familienfreskos, das vor zehn Jahren mit seinem ersten Buch Das Ende von Eddie begonnen hat.

00:02:26: Auffällig, zumindest für mich sehr auffälligt, ist diesmal jedoch wie sehr Psychologie im Gegensatz zu Klassenanalyse im Vordergrund steht.

00:02:37: Aber so viel erst mal von meiner Seite.

00:02:39: Olivier lass uns doch erstmal die Eckpunkte definieren um den Text einzuordnen und zu schauen, welche Motive und Impulse hineingeflossen sind.

00:02:49: Und ich glaube dafür ist es vor allen Dingen nützlich erst einmal zusammenzufassen, worum es in der Absturz eigentlich

00:02:55: geht.".

00:02:56: Ja danke dir für die Einordnung.

00:02:58: erstmal!

00:02:59: Auf der Oberfläche geht's in der Absturz darum dass Louis die Nachricht von seiner Mutter bekommt das sein im thirty- achtjähriger Bruder verstorben.

00:03:11: Das deutete sich, das zeigt sich dann im Text schon so ein bisschen an.

00:03:16: Der lag immer wieder am Krankenhaus durch seinen Alkoholkonsum.

00:03:21: Kommt dann aber natürlich wie Tode in aller Regel kommen überraschend.

00:03:28: Louis also etwas mehr als die Hälfte des Textes ist Louis dann.

00:03:34: sozusagen springt er von... Er bekommt diese Nachricht.

00:03:38: der sagt seiner Mutter Ich muss, ich komme sofort vorbei.

00:03:44: Sie wohnt in einem nordfranzösischen Kleinstadt.

00:03:48: Er lebt in Paris und er sagt, sie kommen sofort vorbei, sucht sich einen Zug raus, setzt sich den Zug dazwischen und fährt zu dieser Familie.

00:04:00: Und dazwischen geht es schon retrospektiv sozusagen in seine, in die Vergangenheit des Bruders.

00:04:06: Aber man muss immer sagen bei diesem Buch vermittelt über subjektive Empfindungen und Erinnerung... ...und auch ganz viel Projektion von Louis selber.

00:04:16: Das ist ja sozusagen ein auto-fictionaler Text oder ganz eventuellen autosoziobiografischer Text.

00:04:22: also das heißt Edward... Louis behauptet schon ganz wesentlich, dass das was er da sagt.

00:04:28: Natürlich mit literarischen Finessen und so weiter versehen aber doch im Wesentlichen sich so oder ähnlich zugetragen hat.

00:04:37: Jedenfalls sind es dann immer wieder Erinnerungen an damals.

00:04:43: Dann befragt er eben auch weil er die letzten Neun Jahre schon nicht mehr und davor aber auch schon die letzten neun Jahre vor seinem Tod nicht mehr gesehen seinen Bruder, aber davor auch schon eigentlich über Jahre keinen Kontakt mehr gehabt.

00:04:59: Befragt der ehemalige Freundin, befragt aus seiner Mutter nach dem Leben und nach ihrer Beziehung zu dem Bruder und Sohn.

00:05:09: Und so funktioniert eben das Buch.

00:05:11: also irgendwann kommt er dann da an, dann essen sie gemeinsam mit ... mit der Familie in einem Restaurant.

00:05:20: Die Sachen müssen geklärt werden, wo soll er beerdigt werden?

00:05:23: und so weiter.

00:05:24: Irgendwann geht's auch?

00:05:24: Ich glaube wir kommen da sicher noch drauf zu sprechen... ...um die Frage der Bestattung,... ...wo er so sehr schmerzhaft irgendwie erzählt.

00:05:41: Wie er sich da vorstellen kann zu verteidigen, nämlich am besten gar nicht.

00:05:46: Genau und am Ende sozusagen sind es immer wieder so überlegen das Buch ist in so sechzehn Fakten eingeteilt ist vielleicht auch noch mal interessant zu erfahren.

00:05:53: Das was Louis Fakton nennt ich würde sagen ein höhes subjektive Rahmungen auch sehr lose angeordnet im Sinne von.

00:06:04: Man müsste sich große Mühe geben, um zu kontextualisieren was eigentlich in diesen einzelnen Fakten drinsteht.

00:06:13: Mit einem Fakt verbinde ich irgendwie irgendwas Prägnantes aber das meist verwandte Wort bei Louis ist vielleicht.

00:06:22: Ich habe es irgendwann angefangen zu unterstreichen.

00:06:24: ... annähernd hundert Mal, manchmal fünfmal pro Seite.

00:06:29: Vielleicht war es aber auch so und so.

00:06:31: Vielleicht vielleicht vielleicht ne?

00:06:33: So ähm genau also ich würde diese wir würden vielleicht noch mal darüber diskutieren können... ... was er für Fakten hält oder warum er diesen äh... ... elisarschen Griff benutzt um Dinger als Fakte darzustellen.

00:06:45: Genau aber so ist erstmal.

00:06:46: die Ramung sind ähm... ...sechzehn Fakton und dazwischen gibt's immer so Zwischenbemerkungen bevor es weitergeht und so ne?

00:06:53: Und das ist natürlich so.

00:06:55: postmoderne, poststrukturalistische Eingriffe in den Text die die ganze Zeit die Gemachtheit des Textes reflektieren eigentlich.

00:07:04: Es gibt eine Stelle da sagt er In einer früheren Fassung stand dies und das noch drin aber ich habe zugunsten von diesen Gedanken hab' ich mich entschieden dass und so also der Text wird sozusagen anscheinend im Anführungszeichen transparent aufgearbeitet wie er sich sozusagen organisch bewegt.

00:07:24: Ich glaube, Louis versteht ihn auch nicht so als Monolith oder als geschlossenen Text sondern also als Positionsmarkierung wo er jetzt steht.

00:07:35: Ja vielen Dank.

00:07:36: in der Tat ich bin dir dankbar dass du vor allem diesen Aspekt der Projektion und der subjektiv gefärbten Tatsachenbehauptung hervorgehoben hast.

00:07:50: wir werden auf sie auf jeden Fall zu sprechen kommen und vor allen Dingen auch was das mit dem Bild des Bruders, den Porträtesbruders macht.

00:08:00: Bevor wir aber quasi ins Werk gehen noch so die klassische methodische Trennung zum Autor selbst.

00:08:08: also Eduard Louis schreibt in seinen Büchern ja entweder über sich oder über Menschen aus seiner Familie Ob sein Vater, seine Mutter oder Edi Belguel.

00:08:26: Ich hoffe ich habe es richtig ausgesprochen.

00:08:28: das ist sein bürgerlicher Name der für seine Kindheit und Jugend steht wie als wäre das eine andere Person.

00:08:35: all diese Figuren Stehen nach seinem Verständnis stellvertretend Für die Arbeiterklasse.

00:08:41: zumindest wird Die arbeiterklasse immer verbunden mit diesen Namen und diesen Figuren Und entsprechend halt auch werden Allgemeinbehauptungen oder Verallgemeinerung durchgeführt.

00:08:55: So auch seinen verstorbener Bruder in der Absturz.

00:08:59: Olivier, du kennst dich mit seinem Werk ja auch durchaus gut aus.

00:09:04: Kannst Du in dieser Gemengelage grob skizzieren wie in diesem Bild zu bleiben Familienfresco?

00:09:13: Die Arbeiterklasse durch die Darstellungen von Eduard Louis auftritt und überhaupt wahrgenommen wird.

00:09:22: Also wenn man denkt sozusagen, dass die Figuren, die Louis vor allen Dingen sozusagen über seine Familie vermittelt erzählt... Wenn man denkt das es sozusagen eine fachgerechte Darstellung der Arbeiteklasse wäre dann wär's ganz schön schlecht bestellt um uns.

00:09:36: Das muss man voraussagen.

00:09:39: Warum sage ich das?

00:09:41: Erstmal sozusagen ist Louis, ich glaube, im Jahr zwölfund vierzehn gestartet mit das Ende von Eddie.

00:09:46: Wo er genau durchs gerade auf seinen Namen angespielt, wo er eben seinen Namen wechselt und zu einem anderen wird.

00:09:53: Das Buch handelt von seiner Kindheit, seiner Jugendarmut, Gewalt, Homophobie, Engel.

00:09:59: Reaktionäre Muster und reaktionär Person auch einfach in seinem Umfeld.

00:10:08: Insgesamt gibt es schon sozusagen, also... ...gibt's schon so ein bisschen Differenzierung in dem wir das... Also erstmal sozusagen beschreibt er ja ganz viel Engel.

00:10:17: Er beschreibt Alkoholismus, er beschreibt wirklich wahnsinnige Präkarität und gleichzeitig... Zeichnet er schon auch ein schwieriges Bild von seinen Familienmitgliedern, unter denen er aber natürlich sehr gelitten hat.

00:10:36: Wer nicht reflektiert, Louis Lies, der könnte ... darauf hereinfallen zu denken, sozusagen der Mensch... ...der in Armut lebt und auf dem Nordfranzischen Land lebt.

00:10:48: Der prügelt sich gerne oder wenn er sich nicht prügelt so wie seinen Vater ja zum Beispiel immer gesagt hat er will die Gewalt die er selber erlebt hat nicht weitergeben.

00:10:59: dann steckt Gewalt in der Sprache Steckgewalt in den Mobbing was sie gegenseitig aneinander ausüben.

00:11:05: So das heißt Man kann schon zum Teil sagen, irgendwie Louis rechnet mit Mitglied seiner Familie ab.

00:11:13: So würde ich auch dieses Buch verstehen der Absturz.

00:11:21: Es ist aber auch mehr als eine Abrechnung, dazu kommen wir bestimmt noch.

00:11:24: Ich glaube er versucht dann schon sozusagen im Laufe seiner, keine Ahnung ob es neun Bücher sind oder zehn... ...im Laufe deiner Bücher die sich alle wesentlich irgendwie um seine Familie drehen und um ihn immer noch viel wesentlicher als um seine Familien hier.

00:11:38: Die Familie ist sozusagen immer so einzelne Protagonisten in seiner Familie sind immer so das... ... das Absprungbrett, um eigentlich die ganze Zeit von sich zu erzählen.

00:11:45: Eigentlich erzählt er gar nicht nur von sich oder von denen sondern eigentlich immer von Verhältnissen... ...die er zu den Personen hat.

00:11:53: und im Laufe der Werke fällt mir schon auf,... ...dass er die anfängt so teilweise so besser darzustellen.

00:11:58: also zwei seiner Bücher zum Beispiel Die Freiheit einer Frau Und Monique bricht aus, seine Mutter heißt Monique.

00:12:07: Die versuchen sozusagen so eine weibliche Emanzipation zu erzählen wie sie das versuchen.

00:12:13: auch darüber können wir noch sprechen.

00:12:15: die Mutter trennt sich irgendwann von dem Vater zieht in die Stadt und das erste Buch also die Freiheit einer Frau verkauft einem das schon als individualisierende ein bisschen Nicht als Aufstieg, also schon irgendwie so als soziale Mobilität.

00:12:35: Vor allen Dingen als individualisierenden Moment.

00:12:38: und das ist bei so beschreibt Louis sicher auch selber in der Anleitung ein anderer zu sein.

00:12:44: Da beschreibt er ganz schillernds und auch ganz total drastisch und total explizit was er alles unternehmen musste dass er es als Sexarbeiter gearbeitet hat usw.

00:12:55: um eben hochzukommen.

00:12:58: So, was trotzdem bei Eduard Louis immer drinsteckt ist so dieses.

00:13:02: ich will eigentlich das es anders wird.

00:13:04: Ich will dass es anders ist sich schreibe ich versuche schonungslos zu schreiben.

00:13:07: Das würde er wahrscheinlich sagen.

00:13:08: ich versuchte schonungslose zu schreiben.

00:13:10: ich will die Wahrheit nicht maskieren.

00:13:13: ich will Die gewalt die enge die homophobie der rassismus Die musikonie und die gewalt gegen frauen und so weiter.

00:13:21: ich will das schonungsloß zeigen aber um für ein politisches projekt Zu sein dass irgendwann das obsolet macht nicht mehr brauchen.

00:13:28: Allerdings und da macht er sich schuldig, liefert seine Literatur außer individualisierenden Versprechen irgendwie daraus zu kommen kaum tatsächliche Anleitung zur einer veränderten verbesserten Gesellschaft.

00:13:48: Das ist etwas was ich im Vorwerfen würde mit der Zeit Ich habe seine Bücher früher viel unkritischer gelesen, dass er selber sozusagen das Schreiben mehr braucht als dass er daran ein politisches Anliegen hat.

00:14:07: Und es zieht sich auch wesentlich durch der Absturz würde ich sagen.

00:14:11: Ja diese Widersprüche sind tatsächlich solche die im Fortgang seiner Bücher immer... Kontur stärker und auch teilweise Schriller hervortreten, die du auch angesprochen hast.

00:14:24: So nehme ich das tatsächlich auch wahr?

00:14:26: Und weil du es auch schon so bezeichnet hast nämlich dieser Ausblick nach Emanzipation der offene individualistische Rahmung hat da stellt sich ja gerade mit Blick auf die Frage der Klasse auch Das Problem dass bei Louis Die arbeitende klasse als solche nicht ich sag mal traditionelle Subjekte Emanzipation ist.

00:14:52: Und das zum anderen, und ich glaube dass es etwas sehr wichtiges gerade im Hinblick auf seine autobiografische Herangehensweise, dass zwar auf der einen Seite ganz zutreffend von dir beschrieben die Verwandten in seiner Familie natürlich nicht eins zu eins die Arbeiterklasse abbilden nichtsdestotrotz aber dass sein Klassenverständnis sehr geprägt hat von Arbeiterinnen und Arbeitern.

00:15:21: Und das ist vielleicht etwas, was man auf medienkritischer Ebene noch mal diskutieren könnte, dass in der öffentlichen Rezeption diese Porträt so verhandelt und inszeniert werden als wäre es quasi die Arbeiterklasse, obwohl es doch viel widersprüchlicher zugeht.

00:15:40: aber auch die Emanzipation im Hinblick auf die Mutter ja?

00:15:44: Die hast du ja auch angesprochen.

00:15:46: Es ist auch irgendwo, da werden wir später noch mal ausführlicher vielleicht zu kommen.

00:15:50: Das nämlich vor allen Dingen die weiblichen Akteurinnen in seiner Familie diese Emanzipation irgendwie leisten?

00:16:01: oder auch eher durch seine Homosexualität, aber das vor allen Dingen die klassischen Männertypen wie sein Bruder jetzt im Vorliegenden Buch als auch seinen Vater im Grunde genommen zusammenbrechen und zugrunde gehen.

00:16:12: Wie aber letztendlich diese Emanzipation stattfindet – du hast ja schon quasi den Horizont markiert – da wollen wir später zukommen!

00:16:21: Aber lasst uns noch so ein bisschen auf dieser öffentlichkeitskritischen Ebene bleiben, weil die finde ich wirklich sehr spannend aus unserer Sicht, schreiben, die auch Autoren sind.

00:16:32: Ich meine Louise ist ja der Shootingstar der Literatur und das muss man erst einmal als Bestandsaufnahme so nehmen frei von irgendwelcher Wertungen oder von irgendwelschen Eitelkeiten.

00:16:43: seine Büche haben enormen internationaler Erfolg.

00:16:47: er versteht sich inzwischen selbst als Teil des Bürgertums.

00:16:52: gerade mit Blick auf das Buch Anleitung ein anderer zu werden finde ich dass er genau das dort thematisiert.

00:16:57: also wie bin ich Das geworden, was ich jetzt bin und warum musste ich das auch werden?

00:17:02: in gewisser Weise.

00:17:04: Nicht selten gewinnt man den Eindruck erregt sich mit seinen Büchern an Menschen aus seiner Herkunftsklasse.

00:17:10: du sprachst ja von Abrechnung Man kann wahrscheinlich noch hinzufügen auch Abschied.

00:17:16: Aber Olivier um das jetzt mal geradeaus zu fragen An wen wenden sich seine Bücher?

00:17:22: An wen richtet sich der Absturz, wenn die Öffentlichkeit und die Literatur beherrscht und dominiert werden von der bürgerlichen Klasse.

00:17:30: Also von jenen, die für das Leid- und das Elendarbeiten der Körper verantwortlich sind.

00:17:35: Und ich möchte noch hinzufügen, dessen ist sich Edoa Luia durchaus sehr bewusst!

00:17:41: Wie würdest du das einschätzen?

00:17:44: Einfach mal... Wer soll das lesen?

00:17:48: Wer ist Empfängerin sozusagen von beispielsweise dem Buch der Absturz.

00:17:54: Wie verfahren wir im Ausschlusskaterium?

00:17:58: Ich würde sagen, es ist schwer vorstellbar, dass Elua Louis diese Bücher und auch speziell das letzte Begriff von Klasse hat... als seine Rezipienten.

00:18:13: Sein Begriff davon hat das doch bitte die Arbeiterklasse, das als Werkzeug... zu ihrer eigenen Befreiung oder erst mal als Werkzeug den Status quo angemessen, zu erfassen sieht.

00:18:27: Ich glaube ich würde behaupten er richtet das einfach wesentlich an so wie es viele Schriftstellerinnen so gerne tun einfach an.

00:18:36: Es sieht da keine Klassen.

00:18:37: Errichtet ist dann alle und da geht's schon los.

00:18:41: denn was sagt uns das?

00:18:44: Was will er eigentlich davon?

00:18:46: Und in diesem Buch kann man wirklich Paradigmatisch sehen am Ende.

00:18:52: Also er hat eine Bewegung auch einer Art Radikalisierung in seinen Texten, die würde ich sagen subjektiv im Betrachter aus meiner Sicht mündete sie den Wert meinen Vater umgebracht.

00:19:02: da betreibt der finde ich so ziemlich ordentlichen Linkspopulismus, der wirklich die Fähigkeit hat Leute zu akitieren, der die Fährigkeit hat ein bisschen vulgaer.

00:19:13: Aber ich habe da Liebe für... Der tatsächlich die Fälligkeit hat Ursache und Wirkung in einen Satz zu packen immer wieder mit so vorigen Sätzen.

00:19:23: Danach ging es würde ich sagen Wahnsinnig bergab.

00:19:29: Ich glaube, dass es die große Solwuchsstelle seiner Schreibens und das sieht man eben so doll an der Absturz.

00:19:36: Viel mehr als dass er für eine andere Welle schreiben will, schreibt er eigentlich, weil er gezwungen ist sich selbst verstehen zu wollen oder vielleicht noch mehr als ich selbst verstehen.

00:19:57: Und dieses Buch, das will keine Wahrheiten liefern sozusagen.

00:20:02: Das inszeniert sich in einer Pause des Versuchsgedanken aufzuschreiben, die aber der hatte auch hundertfünfzig Fragen ungefähr drin und keine Versuche dazu beantworten.

00:20:12: So

00:20:12: d.h.,

00:20:13: der Edouard Louis hat im Jahr zw.

00:20:14: und dreientzwanzig eine Poetik-Duzintur in Tübingen gemacht.

00:20:18: Da hat er so zwei Texte vorgelesen... ...und sie sind in einem Verlag, Spheridorfverlag rausgekommen gemeinsam mit unserem bei unserem guten bekannten Christian Varon, der da ebenfalls auch eine Poetik durchs Centur hat.

00:20:33: Und das spricht er in seinen, sozusagen Summetatechsten zu diesem Absturztext, spricht er viel explizite davon.

00:20:40: Er sagt an einer Stelle vielleicht verdienen die unsympathischsten Menschen unser Verständnis am meisten denn die Gewalte sie ausüben es häufig nichts als eine Fortführung der komplexen und vielschichtigen Gewalt, die auf sie einwirkt so.

00:20:52: Und diesen Satz den unterläuft er in der Absturz umlängen und zwar permanent, also er verweigert sich ständig soziale Ursachen als Gründe aus zu machen für das Leid seines Bruders.

00:21:07: Und das zeigt mir... dass er immer wieder eigentlich er selber am meisten derjenige ist, der seine eigene Schreiben braucht.

00:21:15: Weil das etwas ist was ihm irgendwie Halt gibt oder was ihm irgendeine Formen gibt oder so.

00:21:20: und da würde ich sagen, da hilft er unserer Klasse, der Klasse der Arbeitende nicht weiter weil er das anliegen, weil er sozusagen... Das ist einer auf den können wir uns als Schriftsteller und als arbeitende Menschen unsere Klasse nicht verlassen weil er den eigenen Nutzen immer viel höher bewerten würde, als ein strategisches Vorankommen für die eigene Klasse.

00:21:44: Und das ist sozusagen der große Vorwurf, auf dem man eigentlich aussprechen muss, würde ich sagen!

00:21:49: und so gesehen sozusagen funkelt er immer ins Föyl-Ton, in die ganze mediale Öffentlichkeit funkelt der immer eine gewisse Sexiness weil er eine Rotsigkeit hat gegenüber den Leuten wo er herkommt.

00:22:02: Weil er eine Unerbitterlichkeit hatte zumindest eine Zeit lang und gleichzeitig hat er ein soziales Anliegen, so wird es rezipiert ne?

00:22:10: Der will was, der will eine andere Welt wie formulierte eigentlich quasi nicht welche Rolle auch der Arbeiter in Klasse zukommen würde, formuliert er auch nicht.

00:22:20: Weil er glaube ich schlicht keine Ahnung davon hat.

00:22:23: und

00:22:24: so ist sozusagen politisch schreiben selbst weg.

00:22:27: wenn Louis gerade danach ist dann tut er es und er tut seit mehreren Büchern.

00:22:32: und selbst dann müsste man sich fragen was hieße dieses politische Schreiben?

00:22:35: Selbst da könnte man noch jede Menge Kritiken entwickeln aber das probiert er seit... einigen Büchern glaube ich gar nicht mehr.

00:22:43: und wenn dann zeigen sich individualisierende Ausstiege als höchste Form des Widerstands.

00:22:52: Und das kann sozusagen natürlich Leuten, die ihn anliegen haben dass die Klasse sich befreit und auch der einzige Akteur ist der überhaupt diese Welt befreien kann.

00:23:01: Das kann uns dann natürlich nicht reichen!

00:23:03: Ja ich teile sehr deine Analyse an dieser Stelle Olivier.

00:23:07: Ich finde Man könnte sogar noch hinzufügen, selbst bei den individualisierenden Effekten der Emanzipation verfolgt dich diese Welt trotzdem.

00:23:19: Du kannst ihr nicht endgültig den Rücken zukehren was sich ja gerade immer wieder in der Zwiespältigkeit von Louis zeigt dass er sich dann fragt ok ich habe mich zwei emancipiert aber ich bin auch jemand geworden und jetzt stehe ich quasi in einem anderen Milieu Umgeben von Menschen, die geprägt sind.

00:23:37: Von einer anderen Klasse nämlich jener, die diese Gewalt verursacht, organisiert und verwaltet.

00:23:44: Ich finde auch diesen Punkt sehr richtig den du machst, den du hervorhebst.

00:23:52: Und ich möchte Ihnen an der Stelle nur noch mal unterstreichen.

00:23:55: Nämlich diesen Scheitelpunkt mit Wer hat meinen Vater umgebracht?

00:23:59: Dass das in der Tat ein Höhepunkt schon einer sehr... klassenorientierten politischen Literatur war, die sich in meiner Erinnerung auch immer verbindet mit der sogenannten Gelbwestenbewegung.

00:24:12: Man erinnert sich vielleicht an sein Essay damals das auch als in deutscher Übersetzung in der Zeit erschien wo er die Gelbwestenbewegungen verteidigt hat und ihr Anliegen als berechtigt und richtig hingestellt hat.

00:24:28: Da bin ich inzwischen sehr zweifelhaft, ob das heute noch so geschehen würde.

00:24:34: Ich möchte an der Stelle auch meine Bilanz formulieren, nämlich dass Luís Texte nicht auf proletarische Gegenkultur zielen wie etwa die Literatur seiner Inspiratoren Anja Noh.

00:24:51: Also Luís Bücher stehen... jetzt in der Bilanz gesagt für einen radikalen Linksliberalismus im Kontext der bürgerlichen Präkariats- und Klassendematten nach der Weltwirtschaftskrise, weil ich möchte nur daran erinnern dass ja gerade in dieser Gemengelage erst wieder Klasse zum Thema in Mittel- und Westeuropa wurde.

00:25:13: Und sein Buch das Ende von Eddie ja tatsächlich zumindest in deutscher Fassung zwei Vierzehn um den Dreh erschienen.

00:25:22: So finden seine Texte und vor allen Dingen sein autobiografisches Vorgehen nicht nur einen Platz in der Literaturindustrie.

00:25:30: Sie werden geradezu im Gleichschritt mit der voyeuristischen Lust, der bildungsbürgerlichen gegenüber den authentisch armen und authentisch lohnabhängigen gefördert.

00:25:43: Und um da bewusst zuzuspitzen ... Das sehe ich auch immer wieder in deinen Analysen, Olivier.

00:25:50: Ähnlich wie die Logik dass das Bildungsbürgertum Mitleid mit einem Arm auf einer Theaterbühne hat der im Sprachspiel Der Bürgerlichen präsentiert wird Haben dieselben aber auch nur Hass und Verachtung gegenüber den Obdachlosen am Bahnhof Auf dem Rückweg nach Hause Nach dem Theaterbesuch Denn der obdachlos ist Teil der Realität Und nicht vom Sprachspiel und der ästhetischen Anordnung des bürgertums zugerichtet.

00:26:19: und da finde ich gibt es auch diese ökonomische dimension warum unter anderem jenseits von der textlichen qualität von louis auch so eine art ja fast schon objektive allianz stattfindet die sich gegenseitig in die hände spielt.

00:26:42: aber gehen wir ein bisschen weg dem Drumherum von den Koordinaten.

00:26:49: Ich denke, das ist ziemlich kontrastreich so erstmal definiert.

00:26:56: Lass uns doch mal in den Text steigen und dafür möchte ich direkt ein Ausschnitt lesen der relativ am Anfang ist.

00:27:04: dort heißt es mein Bruder hatte schon immer die ganze Welt gewollt.

00:27:09: Seine Träume waren nie klein gewesen, sondern immer riesengroß.

00:27:13: Er hatte nie die Alltagsträume anderer Leute gehabt – ein kleines Eigenheim, ein Auto für Ausflüge am Wochenende.

00:27:20: Nein!

00:27:20: Er träumte von Ruhm und ich glaube es lag an der Größe seiner Träime, an der Diskrepanz zwischen seinen übergroßen Träumen und den Unmöglichkeiten Aus denen sein Leben bestand, den Begrenzungen Armut Geldmangel eine Herkunft aus Nordfrankreich.

00:27:36: All das was seinen Schicksal ausmachte.

00:27:38: ich glaube es lag an diesem Widerspruch dass er so unglücklich war.

00:27:43: mein Bruder war an seinen Träumen erkrankt.

00:27:46: Olivier wovon träumt der Bruder und vielleicht auch warum eigentlich?

00:27:53: Der Bruder träumte einmal davon Metzger zu werden.

00:27:58: Ich glaube, ich habe die Schule abgebrochen und hatte früh einen Konflikt mit den Gesetzen.

00:28:07: Es war ein oder zwei Mal vor Gericht bis er zwanzig war.

00:28:10: Der Bruder will irgendwann Metzger werden, aber nicht irgendein Metzga sondern das Metzgarhandwerk sozusagen... in eine neue Dimension bringen, letztendlich will er berühmt sein.

00:28:21: So an einer anderen Stelle will er Kompagnon-Devoir werden.

00:28:26: weder Louis noch ich habe ihn überprüft ob es das gibt und was das im Detail ist.

00:28:31: Louis schildert es über den Bruder der da sozusagen mündlich zitiert dass Kompagnons de Desvois, irgendwelche Spitzenhandwerker sind die eigentlich sozusagen wie so eine Art Geheimriege.

00:28:46: Alle monumentalen Bauwerke Europas oder sogar weltweit entweder gebaut haben oder halt immer wieder reparieren.

00:28:56: Das heißt also das sind Leute die absolute Spitze auch hier wieder der Bauchunst, die sozusagen als geheimbund, als mythischer Geheimbunt irgendwie eigentlich diese viel bestaunten großen Kathedralen sanieren, erneuern womöglich auch bauen.

00:29:13: So und was spricht daraus?

00:29:15: Louis sagt das ja auch immer wieder.

00:29:17: Er sagt an der Stelle Einsatz weiter als bist du vorgelesen hast glaube ich mein Bruder war in seinen Träumen erkrankt und es kann ja tatsächlich also ist ja tatsächlich so ein Problem in unserer Klasse dass zwischen Wunsch und Wirklichkeit manchmal eine große Diskrepanz steht.

00:29:33: Und zum Beispiel Bodieux sagt ja, je... Also ich sage das jetzt so Salopp.

00:29:39: Je unterdrückt er so bist, desto schwieriger wird es deine Unterdrückung zu begreifen.

00:29:42: und ich glaube dass der Bruder einer von diesen Leuten war die sozusagen immer gesehen haben wer sie eigentlich sein wollen.

00:29:50: und die Diskrepanz sozusagen sie erdrückt So.

00:29:54: und wenn du das nicht ausblenden kannst, wenn du diese Ebene sozusagen dass du eigentlich Christiane Ronaldo, du bist.

00:30:01: Nur es weiß niemand und das nicht ausblenden kannst dann kann das zu einem Problem

00:30:07: werden.".

00:30:07: Und dieses Problem führt sich fort.

00:30:11: also der Bruder unterliegt quasi der Welt einfach permanent.

00:30:15: die ganz wesentliche Verwundung, die er davon getragen hat ist halt dass sein Vater, sein leiblicher Vater nicht derselbe Vater von Louis ... dass die Eltern sich früh trennen, also die haben dieselbe Mutter Louis und sein Bruder.

00:30:31: Dass die Eltern sie früh trenn... Und das der Vater dann auf Kontakteaufnahmen nicht mehr reagiert und überhaupt gar keinen Kontakte einfach haben will zu seinem Sohn.

00:30:40: und wenn er angerufen wird weil irgendwas ist, dann lügt er und sagt er hätte gerade keine Zeit und dann läuft man ihn in der Stadt aber über den Weg So, und das heißt er hat immer wieder.

00:30:50: dann zitiert Louis ja sozusagen mehrere Frauen aus dem Leben seines Bruders.

00:30:54: Und der hat immer diese von diesen Kränkungen, von diesen seelischen Verwundungen erzählt, die das hinterlässt, wenn jemand nicht an ihn glaubt.

00:31:04: Genauso wie du das beschrieben hast habe ich das in der Tat auch wahrgenommen.

00:31:07: vor allen Dingen auch diesen ständigen Willen auch jenseits dieser ... ähm... dieser Träume zu einer ganz besonderen Berufsgruppe zu gehören, ist vor allen Dingen immer der Wunsch einfach gesehen zu werden.

00:31:24: Einfach wahrgenommen zu werden, einfach sichtbar zu sein was ihm verweigert wird.

00:31:28: in gewisser Weise so habe ich das vor allem wahrgenommen also dieser starke und auch sehr allzu menschliche Geltungsdrang dass man auf Augenhöhe wahrgenommen wird.

00:31:43: Er hat die ganze Zeit den Eindruck, das werde ich nicht.

00:31:45: Ich werde immer klein gehalten und runtergemacht und nach unten getreten.

00:31:50: Und übrigens auch von seiner familiären Umgebung!

00:31:54: Ich glaube gar nicht, er will auf Augenhöhe wahrgenommen werden sondern er will sozusagen seine Unterlegenheit hier immer spürt die Willer konvertieren in dem er über allen steht.

00:32:02: Also das sind jetzt ein bisschen absurde Träume die hat es ja irgendwie der beste Metzger der Welt sein will oder so.

00:32:07: aber eigentlich wird sagen will er dass Leute zu ihm aufschauen die vorher zu ihm abgeschaut haben und da sozusagen seinen Elend oder seine Gefühle der Unterlegenheitskonvertien ist aber jetzt nur wie wenn sich kleiner Punkt ne?

00:32:17: Absolut.

00:32:18: Und damit wären wir, glaube ich schon in einem sehr wichtigen Spannungsfeld, in dem auch der Text quasi sich bewegt – nämlich in der Psyche des Bruders in gewisser Weise zumindest in dem Versuch diese Psyches zu rekonstruieren durch die Perspektive von Louis.

00:32:36: Denn Louis schreibt das man im Umfeld seines Brudas nicht über Traumata, Melancholie oder Depressionen sprach ... die bürgerliche Klasse hingegen habe, dafür Institutionen und Orte wie Psychoanalyse, Psychologie, Kunst- und Gruppentherapie.

00:32:53: Ich meine das kennen wir, Olivier, das möchte ich gar nicht weiter ausbuchstabieren... Das ist ja auch in der Tat so!

00:33:00: Es ist eine Frage von Ressourcen und es ist also eine Frage auch von Zugängen.

00:33:03: aber Wie siehst du das?

00:33:06: Ist das in dieser absoluten Pauschalisierung so...?

00:33:11: zutreffend ist Louis da sehr vorschnell, ich fand jedenfalls diesen Gedanken... von Louis an der Stelle sehr interessant, in gewisser Weise auch widerspruchsvoll.

00:33:24: Wie siehst du das?

00:33:25: Es ist sicher widersprüchsvoll aber für mich zunächst erstmal gar nicht so unbedingt denn wenn wir einfach sehen also ich klammer auf Ich beginne gerade eine Psychoanalyse und ich sehe wer da am Wartezimmer sitzt Und in dem Wartenzimmer sitzen wirklich Formen vollendete normschöne Körper von jungen Menschen den rein objektiv vom Aussehen her.

00:33:47: Vielleicht ist es tatsächlich nicht so, aber alle Türen für alles mögliche offen stehen.

00:33:51: Das ist einfach nur das was ich sehe wer zur Psychoanalyse geht und wenn wir uns sozusagen jenseits des anecdotischen dem hinwenden dann sehen wir wer macht Therapie und auch da gibt's zahlen Und dann gibt es Zahlen dazu, in welchen Quartieren die Gesundheitsversorgung gut ist und in welchem sie quasi nicht existent ist.

00:34:12: Ich würde sagen da hat er schon einen Punkt.

00:34:15: das haben sich die Herrschenden nicht so als Konzept ausgedacht aber es ist natürlich ein wahnsinniges Anreizsystem für viele Menschen im Gesundheitsbetrieb sich ausschließlich irgendwie Privatpatienten zuzuwenden.

00:34:29: Und ich glaube, so muss man das auch sehen.

00:34:32: Nicht dass diese Institutionen... Es gibt natürlich auch eine Art Doppelbödigkeit der Institution und auch da natürlich also ne linke fundamentale Position dürfte nicht sagen Gut, die bürgerliche Klasse hat die Orte wie Psychoanalyse und Psychologie eingerichtet um uns zu beherrschen.

00:34:54: Sondern würde sagen, wie können wir das nutzbar machen?

00:34:59: Denn wir haben die objektive Notwendigkeit uns selber zu heilen.

00:35:02: Wir haben die Objektive notwendigkeit dass wir so selber von Gesundheits produzieren.

00:35:07: aber es braucht ja nur einen Blick auf die tatsächlichen Kürzungen gerade anstehen.

00:35:13: da sehen wir.

00:35:14: also ist es schon in Zeiten die wir als weniger krisenhaft beschrieben haben, sagen wir bis in die neunzigerein.

00:35:22: Es ist ja so gewesen dass Gesundheitsversorgung einfach enorm an den Sozialstatus und enorm an deine Bildungstitel und enorm eine soziale Herkunft an deinem Geschlecht usw.

00:35:31: gekoppelt war.

00:35:32: Allein in der Medizin wissen Das ist einfach wesentliche Teile der Forschung, sich niemals an Frauenkörpern irgendwie stattgefunden haben.

00:35:41: Sich niemals den Fragen gestellt haben.

00:35:43: Also kann man... Man kann es nicht so absolut sehen aber ich würde ihm da tatsächlich sehr entgegen kommen und sagen das ist schon relativ nah in der Realität.

00:35:52: nur vielleicht sozusagen müsste man darüber nachdenken dass das nicht an sich Orte der Herrschaftsfunktionen für alle Zeiten sein müssen sondern dass wir sozusagen die Zugänge dazu demokratisieren, dass wir auch ganz wesentlich schauen was können diese ganzen Institutionen und Gewerke?

00:36:08: alles nicht denn sie können gar nicht so viel.

00:36:11: Sie können wirklich jede Menge nicht und sie ersetzen vor allen Dingen nicht tatsächlich irgendwie Ursachenbekämpfung aber... Natürlich ist er in der Entschiedenheit dann so ein bisschen, also ich würde sagen erst bei neunzig Prozent.

00:36:23: Er macht aber hundert raus und da wird er sozusagen ein bisschen unsauber.

00:36:27: Aber finde ich sozusagen in der Art wie er polimiziert und wie entschieden er spricht manchmal auch mit allem Recht.

00:36:32: Also das finde ich jetzt nicht so schlimm, aber er ist da ein bisschen sauber, dass du natürlich recht.

00:36:36: Ja, so ist es!

00:36:38: Es ist auch in der Feststellung daran gar nichts auszusetzen weil... entspricht der empirischen Lage.

00:36:47: nun einmal und ebenso wie du sagst, heißt ja nicht dass es immer so bleiben muss.

00:36:53: jetzt mit Blick auf die Zukunft.

00:36:55: Was mich an der Pauschalisierung doch etwas verwirrt hat ist die ahistorische Betrachtungsweise.

00:37:03: also in der Tat das hat die bürgerliche Klasse ein Monopol auf seelische Wunden und Therapien der Psyche.

00:37:12: Das ist so, das drückt sich in institutionellen Strukturen aus.

00:37:16: Da gibt es keinen Einwand.

00:37:20: Der Einwand besteht vielleicht viel mehr darin, dass in der Geschichte der Armut oder der Geschichte von Lohnarbeit, die ja nicht nur zehn Jahre verläuft sondern viel länger, ist immer wie soll ich sagen Naturwüchsige embryonale anfängliche Formen der Solidargemeinschaften sich immer wieder formiert haben, in denen ja in der Tat stattgefunden hat was seelische Wunden bedeutet.

00:37:54: Nämlich in der Klassensolidarität und ihren Organen gibt es diesen... also wir können auch gerne in historische Perioden gehen.

00:38:04: Gibt es ja durchaus diese Momente Teilbarkeit und auch der Mitteilung der eigenen seelischen Wunden gegenüber einen Leidensgenossen, sag ich jetzt mal.

00:38:14: Dass damit jetzt nicht professionelle Abhilfe geschaffen wurde ist klar.

00:38:17: aber Olivier denken wir zum Beispiel an bestimmte Hoch- und leider aber auch viele bestimmte Niedergänge und Phasen der Gewerkschaft.

00:38:28: Denken wir an sowas wie die proletarische Gegenkultur in bestimmten Jahrzehnten, in der genau sowas stattfand.

00:38:35: Oder denken wir in die massenhafte Vereinsarbeit, in die sich die Arbeiterbewegung auch immer in unterschiedlichen... Strecken ihrer Geschichte begeben hat oder in die Familie, also in bestimmte Betriebsstrukturen oder Familienstrukturn wo diese Dinge anonym stattgefunden haben.

00:38:54: Das ersetzt selbstverständlich nicht die professionellisierte Ebene von Institutionen.

00:39:01: das sei an der Stelle halt nur hinzugefügt.

00:39:04: Es ist ja auch so um wieder zurück zu dem Bruder zu kommen Diese psychische Dieses psychische Spannungsfeld, das kanalisiert sich ja bei dem Bruder immer im mass... so massiven Alkohol-Konsum.

00:39:18: Darauf spielt die auch der Titel an, ja?

00:39:20: Absturz!

00:39:22: Welche Rolle spielt denn der Alkohol für den Absturz des Bruders, wenn man das etwas in ein größeres Bild oder in das gesamte Buch setzt?

00:39:32: Und inwiefern schafft es Louis aus deiner Sicht überhaupt diese individuelle Dimension zu überwinden und aufzuheben.

00:39:40: Was ich damit meine ist dieses Teufelskreis von wegen.

00:39:46: er geht unter weil er zu viel trinkt und umgekehrt... Schafft er es in seinem Porträt diesen Teufelskreis auch mal zu durchbrechen?

00:39:56: Wie hast du das wahrgenommen?

00:39:59: Ich muss gerade an einen Halbsatz denken, der sich mit den Träumen aufhält.

00:40:06: Aber ich glaube, dass kann man übersetzen... ... auf Alkohol oder vor allem, das kann man übersetzen.

00:40:11: Weil mir geht's um die Verwirrung, die Louis permanent hat beim Schreiben.

00:40:14: Ursache und Wirkung.

00:40:16: Waren die Träume sagt er?

00:40:17: Die Ursache oder eine Folge seines Schicksals?

00:40:19: Sagt der relativ vom Ende nachdem er es schon irgendwie fünfmal anders entschieden hat?

00:40:26: Ursache, Wirkung!

00:40:29: Beim Alkohl ist es so... ... würde wahrscheinlich schon sagen, ich weiß nicht, ob er es geschrieben hat.

00:40:35: Daran erinnere ich mich nicht.

00:40:36: Aber schon sagen irgendwie das ist natürlich Teil oder zumindest in der Tübing-Dutzentur sagt ja,... ... dass das Trinken im Verhältnis zu... also nicht getrennt von der Soziallage betracht werden kann.

00:40:52: Aber irgendwie ist der ganze Fokus in dem Buch so verschoben und so individualisierend, dass man denkt.

00:40:59: Er lässt sich dann sozusagen von den Ex-Freundinnen sagen ja, er hatte einfach immer irgendetwas mit allem.

00:41:06: Hatte da immer ein Problem?

00:41:07: Das war einfach ein Leidender!

00:41:08: Und so denkt er auch selber darüber nach.

00:41:10: vielleicht gibt es Leute die einfach immer leiden müssen und die sich immer dem schweren zuwenden.

00:41:17: Da liefert er natürlich uns als Lesende permanent die Möglichkeit zu sagen, es gibt einfach Leute in der besten aller Welten.

00:41:24: Die sind für immer verloren.

00:41:25: und wahrscheinlich ist das so einer denn auch im Sozialismus kann einen der Vater verlassen und kann der Vater sagen, er möchte keinen Kontakt.

00:41:32: und solche Leute wird's immer geben.

00:41:33: und dieser Einladung spricht Louis wirklich so derart explizit quasi immer wieder aus indem er immer wieder neu ansetzt und überlegt ... und die es überlegen, sie eben gar nicht getragen von dem Wunsch.

00:41:44: Wirklich eine Analyse der Gründe des Schaltern seines Bruders vorzulegen,... ... dass das mich wirklich wütend macht beim Lesen.

00:41:51: also ich sitze da... ... und denke mir so du willst es aber auch gar nicht?

00:41:55: Und dann sagt er mir das sogar auf Seite... ... Hundertfünfzig, sagt er dir das gar nicht?

00:42:00: oder sagt er was ihm eigentlich wichtig ist.

00:42:02: Er sagt und als ich hervor, dass mein Bruder starb wusste ich, was ich tun musste um mich zu retten.

00:42:06: Ich würde über ihn schreiben.

00:42:08: Es geht nicht!

00:42:09: um eine Analyse von dem Leid und was dazu geführt hat zu dem Untergang seines Bruders.

00:42:14: Es geht ganz wesentlich

00:42:16: erfüllt

00:42:17: Phylloi die eigene Rettung, also der Zweck seiner Literatur ist die Rettungen selbst.

00:42:24: Und das ist okay wer es so machen will aber von diesen Leuten... ... wird unsere Klasse zufällig verraten werden sozusagen.

00:42:32: Und das sehen wir ja hier!

00:42:34: Das heißt, ich kann auf deine Frage gar nicht so gut antworten.

00:42:36: Wahrscheinlich erfüllt das trinken kathatischen Moment irgendwie... ... dass er ihm geht es ja erst mal gut wenn der trinkt am Anfang und dann wird er irgendwann sauer und wütend und schlägt irgendwie auf Exfreundenein, auf Tierärten ein Tier fast behindert geschlagen,... ... greift irgendwelche Leute an weil er die für schwul hält, auf der Straße will ihr auch uns... Darüber müssen wir auch reden sozusagen.

00:43:00: Will ja auch, droht ja auch seinen Bruder das er ihn töten will.

00:43:05: nachdem er das erste Buch geschrieben hat sagte ich komm'nach Paris Ich mach dich fertig!

00:43:08: Ich komme mit nem Baseballschläger und haut dich kaputt!

00:43:11: Da aufhin flüchtet Louis in ein Hotel für zwei Tage.

00:43:17: da steckt auch Rache in dem Buch Und diese Rache würde ich auch geltend machen für diese Fragen dass sie sich die nicht stellt und dass der das nicht ausformuliert.

00:43:27: welche objektive Funktion Alkohol hat bei Männern der untersten fünf oder zehn Prozent eines Landes heterozisnormativen Männern, die in westlichen hochentwickelten Nationen eine der größten Sterblichkeitsraten überhaupt haben.

00:43:49: Das dafür interessiert er sich nicht und das muss man ihnen zum Vorwurf machen weil er darum ja weiß.

00:43:53: so dass heißt Er sagt sich, das ist kein Buch wo ich neues Wissen akkumulieren muss und ich denke einfach permanent nach.

00:44:01: Ich bin niemandem irgendeine Antwort schuldig sondern hier geht es nur um mich und darum mich zu beschäftigen... ...und darum will er auch keine Antworten wissen auf diese Fragen.

00:44:11: Also er würde diese Frage selber nicht beantworten können welche Rolle spielt der Alkohol für den Abschluss seines Boders?

00:44:17: Aus dem Buch wird man nicht schlau heraus.

00:44:19: deswegen muss ich sagen natürlich eine.

00:44:23: etwas zu haben, was ein wärmt.

00:44:25: Etwas zu haben das die Effekte, die entstehen in irgendeine Form bringt sich in seiner Wut spüren.

00:44:31: Sich am Anfang sozusagen am Anfang ist er immer glücklich wenn er trinkt und wird irgendwie viel lustiger, wird viel lieber.

00:44:36: Das kennt man ja auch von vielen Leuten, womöglich auch von sich selbst.

00:44:40: Wird viel umgänglicher und so und irgendwann kippt es.

00:44:42: und beides braucht der liebevolle als der ja auch beschrieben wird von vielen seiner Ex-Partnerin würde als sanften Differenzierten, soft Mann beschrieben der ein kleiner Junge ist sozusagen im Herzen der alles gut meint und will das allen gut geht.

00:45:01: Und dann aber erfüllt die Desaufen halt die andere Seite nämlich.

00:45:05: da kommt all die Scheiß raus in alle Gewaltern raus so.

00:45:10: Das heißt eigentlich des Saufen oder des Trinken eine Art... Ehrlichmacher der sozialen Verhältnisse für ihn, weil da kommt die Gewalt raus, die er eigentlich braucht und auch die der Bruder auch eigentlich vom Leben erwartet.

00:45:22: Weil das ja nicht anders kennt.

00:45:23: Der stürzt sich dann irgendwann auf die Wunden.

00:45:26: Und da hilft das Trinken sozusagen diese innere Verwundung zu veräußern.

00:45:30: Er kriegt dann immer beschädigteren Körper und so.

00:45:37: Ja es ist ja vor allen Dingen dieser Punkt dass es diese ewig Verdammten einfach Natur gegeben gibt, macht das halt auf einer ideologischen Ebene völlig verrückt.

00:45:49: Nämlich damit wird quasi die Schlussfolgerung... Genau!

00:45:53: Damit wird die Schlussfollgerung in die Szene gesetzt.

00:45:59: Na ja dann ist er auch selbst schuld.

00:46:01: Absolut kann man nichts machen.

00:46:03: Das ist durchaus sehr kritisch und damit drückt sich halt auch aus womit ich immer wieder ein Wiederwillen im Text hatte nämlich dass der Text auch immer wieder begleitet ist von einer Ignoranz, von Louis zu der Realität seines Bruders und solchen für die es steht.

00:46:22: Aber damit kommt natürlich auch ein anderer Aspekt rein, den er auch explizit so formuliert, nämlich der Hass.

00:46:28: Also Louis sagt da ja ausdrücklich ich hasse meinen Bruder!

00:46:35: Und das ist halt interessant, nämlich Louis töten wollen würde.

00:46:42: Das begleitet uns im Text permanent, ohne dass er es aber ausführt und erhält sich das die ganze Zeit auf um es am Ende quasi einzulösen.

00:46:54: Und damit hat er uns die ganzezeit im Band nicht.

00:46:56: Wenn denn wir als Leserinnen wollen natürlich wissen warum wollte der Bruder ihn töten?

00:47:02: Natürlich jemand sagt oder ich behaupte, du willst mich töten.

00:47:06: Kann ich damit erst einmal sagen ein Bild von dir zeichnen?

00:47:13: Dass das auch deutlich macht wie brutal und monströs Duft gegen mir gegenüber bist.

00:47:18: also es gibt so quasi so eine Art einer Art Eine Rechtfertigung dafür dass Ich diese Ignoranz auch an der Stelle habe Und auch auch mobilisiere.

00:47:29: olive Vielleicht an der Stelle.

00:47:32: in aller Kürze kann man den Schriftstellerisch der Lebensgeschichte einer Person gerecht werden, wenn man sie sein Leben lang gehasst hat.

00:47:41: Wir sehen... Man kann es nicht, also mehr kann ich glaube ich dazu gar nicht sagen.

00:47:45: Das gelingt ihm gar nicht und das hat er glaube ich auch gar nicht vor damit wobei man noch ganz kurze Mini Anmerkungen Wobei man schon sagen muss Ich war bei seiner Lesung in Hamburg und so Und sein Sprechen über die eigene Literatur und auch diese Poetik Dutzentur.

00:48:01: nochmal dieser Text ist eine andere Programmatik.

00:48:04: Der wird kein Kommunist, der wird keinen Entschiedener Sozialist.

00:48:11: unser aller Heil sozusagen in der Weltrevolution sieht.

00:48:15: Den werden wir nicht mehr bekommen, aber was er sagt ist braucht keine progressive Politik denn es braucht keine Politik die auf Liebe basiert.

00:48:24: und wenn Liebe bedeutet dass man irgendwie Politik für Leute macht, die man mag... Was ist dann mit meinem Bruder?

00:48:30: Das heißt er will das sein, ein Bruder geholfen wird.

00:48:32: nur in diesem Text erfährt man davon leider nicht viel.

00:48:35: Ja ich möchte gerne noch auf zwei Aspekte und Stellen im Buch hinweisen, die noch mal mit dir besprechen.

00:48:45: Kurz nach dem Tod seines Bruders fasst Louis ja den Entschluss ein Buch über ihn zu schreiben.

00:48:51: Das hast du schon erwähnt?

00:48:52: Das ist quasi im zweiten Teil des Buches.

00:48:55: Kurz vorher ist diese doch sehr eindrückliche und erschütternde Szene zu den Beerdigungskosten.

00:49:02: Die Schwester... Um das mal kurz zu skizzieren, die Schwester drängt Louis die Kosten zu übernehmen da er als Aufsteiger mit den Geschichten seiner Familie das Geld hat.

00:49:13: Er aber beteiligt sich mit Zitat maximal fünfhundert Euro an den Gesamtkosten von etwa fünftausend Euro.

00:49:22: Daraufhin kündigt die Schweste an ihr Sparkonto aufzulösen und Louis berichtet ich schämte mich Naja, er schämte sich weil die Schwester halt eigentlich gar nicht die materiellen Mittel hat diese Kosten zu decken ist.

00:49:37: Aber trotzdem tut er im Gegenzug zwar die materielle Mittel hat aber nicht den Willnis zu tun.

00:49:43: Als Louis aber erfährt dass sein kleiner Bruder und seine kleine Schwester sich nicht beteiligen wieder Zitat Schämte ich mich weniger.

00:49:52: Olivier ist das Buch des Ergebnis seines schlechten Gewissens.

00:49:57: Ich würde sagen, das Buch ist also er.

00:50:00: Er hat ja.

00:50:01: wenn er sagt er hat Hass auf seinen Bruder dann hat der natürlich starke Gefühle ne?

00:50:05: Also starke gefühle der in Fremdung von diesem ganzen Milieu.

00:50:10: Von ganz konkret hat er unter seinem Bruder tatsächlich auch gelitten.

00:50:14: dass erfährt man ja auch sehr sehr prägnant irgendwie.

00:50:19: Ich glaube nicht, dass das Buch des Ergebnisses eines schlechten Gewissens ist.

00:50:23: Also ich glaube, das Buch ist das Ergebnis von allen möglichen Effekten die der Autor hat ... und dass diese Effekte an den Menschen einfach zuverlässig, also es ist überhaupt nicht intellektuell aber das dieser Effekt in den Autor einfach zu verlässig an einen Schreibtisch holen.

00:50:37: Also ah ich habe starke Gefühle in mir.

00:50:40: wie werde ich der Sache her?

00:50:41: ja wohl indem ich ein Buch schreibe durch die Welt fahre?

00:50:44: Es wird natürlich auf zwanzig Bühnen wahrscheinlich als Theaterstück.

00:50:48: Es wird in zwanzich Sprachen übersetzt... Das versorgt ihn womöglich einfach damit er irgendwie seine seine Gefühlen der Destruktivität hier immer wieder seiner Familie gegenüber empfindet dass er die konventieren kann.

00:51:00: Und wo er wofür ist, aber dieses Woffür zeichnet sich halt bei genauerer Betrachtung und auch je mehr er schreibt immer mehr als das Woffir ja irgendwie dafür, dass er Grunde findet, irgendwie am Leben zu sein, zu schreiben, seine Erfolg zu haben.

00:51:17: also das Wuffür ist eigentlich er selbst.

00:51:20: Aber es klingt an der Stelle so wenn ich die Zuhöre als hätte Louis dieses Buch im Affekt geschrieben.

00:51:28: Also er hat erfahren vom Tod seines Brutes und dann in dem Moment entschieden, ja gut ich schreibe jetzt ein Buch über ihn.

00:51:33: Ist das nicht irgendwo widersprüchlich zu seinem Anspruch sein Bruder verstehen zu wollen?

00:51:41: Er sagt ja immer wieder Ich schrei be dieses buch auch um ihnen zu verstehen um einen menschen zu verstehen den ich hasse aber braucht Verstehen nicht auch eine zeit der reflektion?

00:51:54: Eine zeit die Ja, ein Reif macht für einen Urteil?

00:51:59: und ich finde das war so.

00:52:00: Das fand ich sehr merkwürdig in diesem Buch.

00:52:02: auf der einen Seite willst du ihn verstehen Auf der anderen Seite wird man den Eindruck nicht los Der bei dir sehr stark ist dass er im Affect zu schreiben scheint also dass er sagt okay Ich habe jetzt diese starken gefühle Und ich muss jetzt darüber schreiben weil nur das schreiben verschafft mir Erlösung.

00:52:17: ja ich glaube sozusagen.

00:52:20: Also ich glaube, dass man schon aus Effekten herausschreiben kann.

00:52:23: Aber da hilft natürlich die Ebene der Zeit... ...wenn Affekte nicht weggehen oder wenn man die sozusagen versucht zu transformieren in Arbeit.

00:52:31: Und deswegen sozusagen ist dieses Format was er hat irgendwie... Ich weiß jetzt, wir müssen jetzt nochmal nachschauen wie viele Bücher er tatsächlich geschrieben hat.

00:52:38: Acht, neun oder zehn.

00:52:41: Seit elf oder zwölf Jahren wird er in Deutschland verlegt und in der Zeit hat er eigentlich jedes Jahr ein Buch gemacht Und tatsächlich, also auch das zweite Buch über seine Mutter.

00:52:50: Das erste Die Freiheit einer Frau und dann das zweite Monique bricht aus.

00:52:53: Das knüpft daran an dass er mit seiner Mutter die Adaption von dem ersten Buch in Hamburg am Schauspielhaus sieht.

00:53:02: Also es ist total selbstreferenziell irgendwann.

00:53:08: Er sagt die ganze Zeit, er will ihn verstehen.

00:53:10: Aber er unternimmt ja nichts dafür außer dass er in Schriftgröße zwölf und halb mit einer einen halben Fach im Zeilenabstand also viel mehr als man in der Literatur normalerweise benutzt oder soviel wie man in dieser Literatur nur benutzen kann wenn man schon ein paar Millionen Euro verdient hat damit.

00:53:24: ... der will mit dem Text ja gar auf gar nichts genau aus, weil er hat ja schon davor und jetzt zum dritten oder letzten Mal spreche ich diese Texte an dir davor geschrieben hat.

00:53:34: Der hat in diesen kurzen achtseitigen Texten ja schon viel mehr erreicht als er in diesen zweihundert Seiten da überhaupt machen kann so... Ich glaube, er will auf gar nichts hinaus und das Schreiben gehört sich einfach selbst.

00:53:48: Und er ist gefangener sozusagen zu schreiben und deswegen bin ich auch sehr gespannt wie es mit ihm weitergeht weil es irgendwie doch... darüber haben wir noch nicht gesprochen müssen wir auch nicht.

00:53:55: aber er ist der Autor der mich zum Schreiben gebracht hat.

00:53:58: ne du weißt es ja auch ich hab's dir schon erzählt und deswegen ist es irgendwie ein Auto der mich immer permanent interessiert an dem ich mich seit Jahren natürlich viel reibe wie man hier hört.

00:54:09: Ja, so muss es hier auch sein und dann ist was daraus zu lernen.

00:54:12: Deswegen bin ich auch froh mit dir diese Folge zu machen.

00:54:15: Der Text in der Absturz hat ja immer wieder diese Momente des Innerhaltens nämlich wo er Anmerkungen macht oder Bemerkung macht.

00:54:24: Er nennt die ja dann auch so und es gibt eine Bemerkungen die ich lesen möchte.

00:54:31: Da heißt das nämlich man muss eins verstehen Na ja.

00:54:56: Sowohl in seinen Büchern als auch in seinem eigenen Werdegang stellt Luia immer den individuellen Ausweg, vor meiner individualistischen Verwandlung in Aussicht und eben nicht den Klassenkampf oder andere Form solidarischer Praxis.

00:55:11: Das merkt man vor allen Dingen wenn es um ihn selbst geht also bei Bücheren die wirklich nur um ihn gehen zum Beispiel Anleitung an Andra zu werden oder das Ende von Eddie Und bei seiner Mutter die mit seiner Hilfe sozusagen sich emanzipiert und ja auch irgendwo eine bürgerliche Frau dann auch zu werden scheint oder in diesem Milieurum warbert.

00:55:33: Aber diese Formulierung, die fehlenden Techniken der Flucht... Die führten ja in diesem Ausschnitt zumindest sozusagen zum Untergang seines Bruders und seines Vaters.

00:55:47: Oliwi vielleicht drehen wir noch eine Runde aber ich will sie drehen!

00:55:52: Was bedeutet so eine Flucht in der bürgerlichen Klassengesellschaft?

00:55:55: Ist sie überhaupt möglich, ist das nicht eine linke Neuauflage vom Märchen des sozialen Aufstiegs durch Bildung beziehungsweise Leistungen.

00:56:05: Also wie würdest du das an dieser Stelle einschätzen diese Techniken der Flucht?

00:56:13: Ich glaube, wenn man ihn befragen würde, aber das ist natürlich jetzt subjektiv.

00:56:18: Dann könnte es sein, dass er da erstaunlich darauf antwortet.

00:56:20: Ich kann mir vorstellen, dass für ihn Techniken der Flucht tatsächlich schon etwas ist in der Logik seiner Klasse zu bleiben, aber dann halt Kinder zu bekommen und irgendwie einen Job zu haben.

00:56:31: Also in der Psychologie würde man vielleicht verschiedene Standbeine oder so sprechen die eine verschiedene Säulen auf den man baut, dass wenn einem eine weggerissen wird, dass man da noch drei oder vier hat auf den man stehen kann, sodass einem nicht der Boden unter den Füßen genommen wird.

00:56:46: Aber natürlich sozusagen er bietet sich und seine Mutter ja immer wieder als Aufstiegsgeschichten an, wobei das mit seiner Mutter ja auch nur so ein bisschen stimmt wie du es gerade auch angedeutet hast.

00:56:59: Und das ist natürlich das was er als Flucht vor allen Dingen für sich versteht die Flucht nach oben in die Logik einer ungleichen, also den Kampf anzunehmen.

00:57:11: aber wenn man die ungleiche Gesellschaft bekämpft, sondern in die man besonders hart arbeitet um nach oben zu kommen.

00:57:17: Das hat er auf mehreren hundert Seiten schon ausgebreitet.

00:57:20: bei seiner Mutter sozusagen gestaltet ist ich als schwieriger ... für die, also idealerweise und deswegen sehen wir im Völtern ja so viel dazu.

00:57:28: Und nicht nur im Völltern sondern einfach... Die ganzen Medien sind durchsetzt von irgendwelchen Erzählungen wie irgendwelche Leute von unten zu ihrem Glück finden indem sie irgendwas Geniales erfinden aus der Not eine Tugend machen um dann irgendwie was Tolles machen ne?

00:57:41: Das heißt das Bürgertum braucht Texte von Edward Louis um zu sagen schaut her Es ist auch ein bisschen eine Sache vom Mindset und der kämpft ja auch für seine Leute.

00:57:55: Der hat es also geschafft, er ist ideal sozusagen fürs Feldhorn, er kämpfte für seine Leute weil die können nicht für sich kämpfen außer aus Luis Sicht Und hat sozusagen den Aufstieg geschafft.

00:58:08: Ist aus einer Position, dass er irgendwie von sozialen Nöten im Zeitseins des Lebens nicht mehr bedroht werden will und es hat natürlich eine system stabilisierende Funktion.

00:58:17: dann also dieser Art von Ausflüchten hat eine systemstabilisierte Funktion.

00:58:21: Für uns wäre es angetan zu sagen, ja aber Moment wir brauchen auch das Leute in ihrer Klasse bleiben und wir brauchen ja auch dass Leute sozusagen versuchen gesund in ihrer klasse zu bleiben.

00:58:30: Also wie könnte denn ein Ausweg aussehen der nicht sozusagen sich in irgendwelche Aufstiegsnarrative übersetzt oder in die völlig Individualisierung des eigenen Lebens?

00:58:40: Und darüber können wir diskutieren.

00:58:42: vielleicht haben wir auch keine Zeit mehr.

00:58:43: es könnte womöglich etwas sein was man sagt ich versuche zu gesunden Ich versuche sozusagen meinen Frieden mit dem Unfrieden in mir zu machen.

00:58:52: Ich versuche, meine Krankheiten anzugehen wenn ich welche habe und ich versuche mir das was mir meine soziale Lage mitgegeben hat der Stolz womöglich, der bei Edward Lee sozusagen eigentlich nicht vorkommt.

00:59:06: Der Hass auf das was mich unterdrückt.

00:59:09: Ich versucht das produktiv nutzbar zu machen um mich sozusagen in Kämpfe zu begeben.

00:59:13: also und das kommt dann natürlich nicht vor und dieser Art von Klassenliteratur würde natürlich auch und wird sie auch ganz.

00:59:19: de facto wird natürlich massiv abgewertet, weil da drinnen ein Nutzen steckt.

00:59:25: Die Klassenditeratur die vom Völtern und von den Verlagen gewünscht ist auf deren Buchrückseiten steht immer wie kann eine Autorin aus einem so tragischen einem so traurigen Stoff etwas so leichtes machen?

00:59:38: brillant.

00:59:39: Ich erfinde das jetzt, aber diese Zitate hat jeder von uns beiden schon hundertfünfzigmal gelesen.

00:59:43: Das heißt Literatur hat die Funktion in der bürgerlichen Herrschaft wie durch Zauberhand zu verschleiern?

00:59:53: Wie die Leute zur Gesundheit, zu Glück kommen... Also er hat die Funktion den Schmerz zu verschleiern und daraus irgendwas zu transformieren.

01:00:02: Was irgendwie den Leuten, die es brauchen jegliche Anleitung für tatsächliche Veränderungen über das eigene Individuum hinausgeht... das denen zu verunmöglichen.

01:00:13: Also Literatur muss Elend transformieren in Schönheit und darf Elend nicht transformieren, in Analyse darf Elent nicht transformiert in dem Wunsch der Beseitigung der Verhältnisse dieses Elenden hervorgebracht haben.

01:00:25: Zumindest in der bürgerlichen Kunst.

01:00:28: Klingt wie Seelensorge im Säkularem Sinn.

01:00:32: Olivier lass uns doch zum Schluss noch kurz zum Stil, zum Text und zu ästhetischen Faktoren kommen.

01:00:39: Der Text bricht ja immer wieder mit Kapiteln, die Louis Fakt Nummer nennt.

01:00:43: Insgesamt gibt es fünfzehn, du hast die schon angesprochen.

01:00:46: in einem Abschnitt das fand ich sehr prägnant zitiert er seine Mutter aus einem Telefonat also kurz bevor er abfährt und dieses Zitat geht so quasi über zwei Seiten ist kursiv gesetzt ohne Punkt und Komma und sehr in mündlicher Sprache So nach dem Motto Ich will jetzt kein Wort übergehen!

01:01:02: Ich muss jetzt alles hier festhalten.

01:01:05: Und dann gibt es ein Doppelabsatz.

01:01:08: Er selbst kommentiert das wie folgt, in einem anderen Zusammenhang wäre ein solcher Monolog eine formale Spielerei oder ein literarisches Experiment.

01:01:18: Im Fall meiner Mutter ist er Realismus.

01:01:22: Er hat dokumentarischen

01:01:23: Charakter.".

01:01:25: Das sind natürlich große Worte.

01:01:27: also gerade der Begriff Realismus an dieser Stelle.

01:01:30: Ja Olivier ich sehe dich ja unsere Zuhörerinnen werden sehen uns nicht wenn sie diese Folge hören und du lächelst.

01:01:39: Was versteht lui jetzt gerade vielleicht an dem Beispiel unter Realismus?

01:01:43: wie würdest du welche Merkmale.

01:01:45: Würdest du da hervorheben?

01:01:47: Wie würde es das beschreiben,

01:01:49: wir lachen ja aus dem Grund weil das wirklich so so alfern ist was da steht.

01:01:52: und er sagt er beantwortet die Frage selber.

01:01:55: Er sagt einfach realismus bedeutet aufzuschreiben was jemand sagt also dass meint der ganz konkret.

01:02:00: damit?

01:02:00: ich glaube viel tiefer viel tiefe kommen wir dann nicht Realismus?

01:02:06: er sieht sich sozusagen und das sieht man an diesem Buch auch ganz doll, da gibt es wirklich Passagen also quasi kapitelartige Abschnitte die sind eineinhalb zwei zweieinhalb Seiten lang bearbeitete.

01:02:19: der hat wahrscheinlich mit seinem Handy irgendwie aufgenommen was sie gesagt haben oder mitgeschrieben.

01:02:27: als bearbeiteten Text mündlich wiedergegeben.

01:02:31: Also der sieht Realismus als Dokumentation von dem, von der Wirklichkeit.

01:02:38: und jetzt müsste man sich fragen was ist Wirklichheit?

01:02:40: Wirklichkeit ist nach Louis das was Leute sagen und das was er darüber denkt.

01:02:47: aber es gibt für Louis und da sehen wir auch diesen ganzen postmodernen Charakter aus dem heraus erschreibt.

01:02:54: ist niemals ein kohärentes Bild zusammenzusetzen.

01:02:57: Sozialistischen Realismus würde sich lieber sterben, als so etwas zu machen zum Beispiel.

01:03:04: Also alles zu sagen Realismus bedeutet doch die tatsächliche Wirklichkeit hinter... im alltäglichen Handlungen, hinter alltäkligen Aussagen hervorzutun.

01:03:15: Die tatsächliche Gemachtheit der Welt in ihrer Gewaltförmigkeit, in ihren utopischen Potenzialen und in ihrer Möglichkeit darzustellen.

01:03:23: das würde Louis so wie er schreibt von sich weisen und würde sagen Realismus ist.

01:03:28: ich habe meine Mutter gefragt Ich hab meine Tante gefragt meinen Onkel gefragt oder wen auch immer gefragt Herr Realismus ist, die sagen was.

01:03:35: Ich entwickle dazu einen Gedanken und irgendwo dazuliegt die Wahrheit und die nenne ich Realismus Und damit müssen wir ja ein Problem haben und vielleicht hast du auch noch dazugedanken?

01:03:45: Ja, ja, ich meine warum ich diesen Begriff an der Stelle so hervorhebe liegt einfach daran weil Louis hat daran oder damit viel mehr ein Wahrheitsanspruch verknüpft und ein Wahrheitsanspruch gelten machen will.

01:04:00: Er will damit sagen, mir geht es hier um Wahrheit, um gesellschaftliche Wahrheit und das nenne ich Realismus und deswegen muss ich das so

01:04:06: machen.".

01:04:07: Ich meine du hast dir die Poetik Dozentur in Tübingen schon erwähnt?

01:04:12: Nee, vielleicht ist das der eigentliche Text hinter dem Text, der Schlüsseltext.

01:04:17: also in der Tat ja... Also es ist ja so.

01:04:19: in dieser Zwei Dreiundzwanzig polemisiert Louis an einer Stelle auch gegen die Fiktion und sagt sinngemäß, dass er in der Literatur anstatt Fiktionen Fakten sprechen lassen wolle.

01:04:33: Nach dem Motto Wenn halt die Bildungsbürger in ihrer gemütlichen Behausung sitzen und seine Bücher lesen quasi Die Realität und die Gewalt da draußen aus den unteren Schichten Der Lohnabhängigen Klasse In ihre Wohnzimmer kriegt und sie nicht mehr ruhig Sitzen lässt.

01:04:53: Ich persönlich denke dabei, dass der das Louis dabei einem grundlegenden Irtum unterliegt.

01:05:00: Der seinem meiner Ansicht nach radikalen Linksliberalismus entspringt den du ja beschreibst als postmodern und post strukturalistisch.

01:05:09: auf der einen Seite werden auch Fakten gemacht.

01:05:13: Das ist ein Irritum.

01:05:15: Fakten sind immer interpretationsbedürftig, also Fakte selbst sind noch keine Wahrheit.

01:05:20: das erleben wir heute in Zeiten der postfaktischen politischen Kommunikation hier sehr gut.

01:05:26: man muss nur etwas oft genug behaupten wie zum Beispiel Der Typ im Weißen Haus und plötzlich wird es Realität oder plötzlich wird Es Wie realität behandelt.

01:05:37: auf der anderen Seite wird halt die Erinnerung auch stets fiktionalisiert, sobald man über sein Leben reflektiert.

01:05:45: Und das ist ja genau was er macht!

01:05:46: Er arbeitet viel mit Erinnerungen und Erinnerunge haben immer einen fiktionalen Anteil.

01:05:51: also es ist immer eine Form von Fiktion mit dabei einer Form von Einbildung Vorstellung oder wie du Eingangs sehr treffend sagt Es auch Projektion.

01:06:00: Ja Das tragische ist vielleicht im vorliegenden Fall dass dass der Bruder und sein tragisches Leben quasi das Trittbrett dieser Projektion ist.

01:06:12: Aber unabhängig davon erst einmal vor diesem Hintergrund hab ich den Eindruck, dass Louis fortwährend Autofiktion mit Antifiktion verwechselt und Antifektion ... Mit Autobiografie.

01:06:29: Das musst du erklären!

01:06:31: Na ja, ich mein damit also wir brauchen... Sagen wir mal, was ist autofiktionales Schreiben?

01:06:37: Autofiktionales Schreiben ist.

01:06:39: ich bin mir dessen bewusst dass ich im Schreiben über mich selbst auch fiktionalisiere.

01:06:44: Weil ich mit zum Beispiel Erinnerungen arbeite.

01:06:46: Ich schreibe nicht ausschließlich mit Fakten sondern ich schreiber auch indem ich Dinge in bestimmte Anordnungen bringe und in bestimmter Weise kuratiere und in einer bestimmten Sprache vermittle.

01:06:58: Und Antifiktionen meint quasi diese Polemik von Louis an der Stelle dass er ja eben über Fakten schreibt, die nichts mit Fiktion zu tun haben würden.

01:07:12: Und deswegen quasi meine Ansicht nach Autofiktion mit Antifiktion verwechselt.

01:07:17: und ich mache den nächsten Schritt und Antifektion mit Autobiografie so nach dem Motto Wenn ich so wenig wie möglich mit Fikcion arbeite dann bin ich so nah wie möglich dran an meiner autobiografischen Wahrheit.

01:07:34: Das Problem, das sich dabei stellt ist dass er mit dieser Herangehensweise und das hast du schon sehr oft heute gesagt diesen Fokus in seinen Texten auf seine eigene Perspektive.

01:07:49: Und auch die Selbstdeutung verstärkt.

01:07:50: also quasi dass man dabei irgendwie irgendwann merkt Warte mal, es geht eigentlich gar nicht so sehr um den Bruder.

01:07:58: Es geht die ganze Zeit nur um ihn selbst!

01:08:01: Also der gemeinsame Nenner seiner Bücher ist noch einen draufgelegt... ...ist nicht dieses?

01:08:08: Ich ja?

01:08:08: Ist nicht unbedingt diese erste Person im Singular sondern der gemeinsamen Nenna seiner Büchern ist Edualoie.

01:08:18: Und da könnte man sich natürlich die Frage stellen Inwiefern entspricht dieser Edouard Louis eigentlich dem realen auch?

01:08:24: Das ist natürlich so ein Spiel mit Öffentlichkeit und Inszenierung.

01:08:31: So betrachtet, zurück zum Realismus kommt geht es nicht um sowas wie gesellschaftliche Totalität wenn Louis von Realismus spricht.

01:08:40: Es geht vielmehr um seine subjektive Wahrnehmung und um seine subjective Wahrheit.

01:08:45: Der Absturz zeigt das meiner Ansicht nach ganz deutlich Vor allen Dingen in einem Punkt.

01:08:52: Die Perspektive des Bruders, die existiert gar nicht.

01:08:56: Sie ist ersetzt durch die Perspektiv von Louis oder den Zitaten von Menschen, die um den Bruder herum gelebt haben und mit ihm zu tun hatten.

01:09:09: Das wäre an dieser Stelle meine Schlussfolgerung.

01:09:15: Und da wir schon quasi beim Schluss sind Um da quasi den Twist zu setzen, zum Schluss gibt es ja dann bei Louis der Absturz auch dieses imaginäre Gespräch.

01:09:27: Er nennt es ja auch so, nämlich das imaginäre Gespräch mit dem Geist seines Bruders.

01:09:34: Das belegt ja total diese Abwesenheit der Perspektive des Bruderns.

01:09:38: Der Bruder existiert eigentlich nur durch die Zunge von Louis und auf Seite hunderteins also relativ in der Mitte heißt Da sagt quasi der Bruder, also der Geist des Bruders.

01:09:51: Sagt zu Louis Na ja du darfst eigentlich gar nicht über mich schreiben meine Geschichte muss ich selbst erzählen.

01:09:57: und jetzt tust du so dass Ich der wäre über den Du schreibst.

01:10:00: aber ich war ganz anders.

01:10:01: Und dann darauf hin antwortet Louis Zitat wenn du mich daran hinderst über dich zu schreiben Hinderst du mich auch daran über mich zu schreiben.

01:10:11: Olivier Jetzt sind wir mitten im Widerspruch.

01:10:14: Was bedeutet es über sich zu schreiben?

01:10:16: wie?

01:10:17: Was denkst du dazu?

01:10:21: Ich denke, das was Luida schreibt macht es ja schon auf.

01:10:25: Also man kann über... Man kann ich nur formulieren in Anlehnung und Abgrenzung aber immer im Austausch zu einem Wir.

01:10:35: Wer ist dieses Wir?

01:10:36: Das ist das Wir der Familie, das ist das wir der Klasse, dass es das Wir des Geschlechts manchmal... ...das kann in ganz unterschiedliche Formen annehmen, ne?

01:10:44: Dass ich eines, äh, dass wir eines weiten Kings was auch immer.

01:10:51: Ähm aber auf jeden Fall sozusagen bedeutet also was bedeutet es für mich über sich zu schreiben zum Beispiel?

01:10:59: Ähm da würde ich sagen Da würde ich das genauso sagen und würde sagen, mich interessieren Fragen von oder.

01:11:08: Das sollten alle Leute, die den Ich formulieren finde ich wenn sie sagen Sie haben ein dezidiert politisches Anliegen.

01:11:14: Mich interessiert in welchem Verhältnis steht es ich zum Wir?

01:11:18: Welches wir erzähle ich worunter leidet ist wie wird es dargestellt Wie kämpft es vielleicht auch?

01:11:26: Und wenn das nicht kämpfe, warum und warum ist mein Fokus dann bei einem Vier das nicht kämft.

01:11:31: Und warum kämpf man ich nicht oder kämpst man ich?

01:11:34: Welche Kämpfe führt es?

01:11:35: Warum führt diese Kämpfer?

01:11:37: Sind es Kämpfen um den individuellen Ausweg zu finden?

01:11:41: sind es Kämpfen um Würde?

01:11:43: Ich habe angefangen zu schreiben, ich hab ein Ich formuliert und dieses Ich war sowas wie wie ein Konstrukt weil Ich das Gefühl hatte, mich gibt es für mich selbst noch nicht mal mehr.

01:11:53: So dass ich mich auch selber in diese Welt hineinschreiben muss.

01:11:55: und jetzt denke ich okay... ...ich habe jetzt herausgefunden, mich gibts.

01:11:58: also ist mein Auftrag nicht länger mehr irgendwie ein Ich in Abgrenzung zu formulieren... ...zu irgendwelchen Wertoteilen die um mich herum über mich gelten gemacht wurden sondern wie fällt sich das zum Kollektiv?

01:12:11: Und ich glaube das sozusagen die sozusagen heilige Verantwortung von Leuten, die ihn ich in ihrem Text transportieren.

01:12:17: Sei es fiktional oder autobiografisch ist ja völlig egal.

01:12:20: aber zu sagen... Welche Funktion hat hat es in dieser Gesellschaft ich zu sagen und auch immer zu sagen, dass ist eine doppelte Funktion.

01:12:28: Ich kann mich vor einer liberalen Vereinahmung des ichs das ich ist ja ne perfektes Spielbild in dieser gesellschaft um irgendwelche verkaufsinteressen zu bedienen.

01:12:38: Ich kanne mich dem nicht zu ein hundert prozent verwehren.

01:12:40: es gibt immer irgendein möglichkeit des zugriffs irgendwie von liberaler vom kapitalseite Das irgendwie anders zu verwerten.

01:12:47: ich habe mich da sicher schon dutzende male schuldig gemacht aber gleichzeitig zu sagen, aber es geht auch alles mit einem Ich los.

01:12:56: Also erst kommst du zur Welt und dann erfindest du wer deine Eltern sind, dann findest du heraus welchen sozialen Urteil du unterliegst, dann erfindest du womöglich raus welchen socialen Urteilen du vermutlich nicht unterliegest welche nicht für alle Zeiten in uns eingeschrieben sind.

01:13:12: und das ist doch was interessant ist.

01:13:14: also über sich zu schreiben um Wer es mag, über sich zu schreiben um daraus herauszufinden was allgemeingültiger sein kann.

01:13:23: Was vielleicht auch Möglichkeiten in einem selbst für eine andere Welt bereithält.

01:13:28: und das ist halt das woran er sich Louis schuldig macht dass er sagt Realismus das ist einfach aufzuschreiben wie's is Und man müsste ihm entgegenhalten und sagen Du schreibst nicht auf wie es ist, sondern du schreibest auch wie Leute es gesagt haben.

01:13:47: Und einen Realismus der mich interessieren würde wäre zu sagen... Wie können wir denn überhaupt unser volles Potenzial entfalten als Klasse?

01:13:57: Wie kann ich dann überhaupt mein vollespotential entfhalten?

01:14:00: und ich kann es nicht in den Begebenheiten die wir jetzt haben.

01:14:04: also muss sich meine volle Energie darauf verwenden diese... Diese soziale Welt der den Kapitalismus, die bürgerliche Demokratie erst mal zu verstehen warum sie über mich über mein ich so viel macht hat.

01:14:22: Warum Sie über mich obsägt.

01:14:23: und dann muss ich herausfinden dass sich nicht nur eine Literatur produzieren darf, die in ihrer Machtlosigkeit verharzt wie es Edo Allui permanent macht sondern eine in der Ich sag das ist ja wohl sicher ein System ... mit dem wir jetzt nicht die nächsten tausend Jahre werden leben müssen.

01:14:38: Und da nach diesen Spuren in meiner Literatur zu suchen, das ist eigentlich das was mich in den nächsten Jahren interessiert und auch seit einigen Jahren interessieren, wenn gleich immer eine Suchbewegung ist und noch kein fertig ausformuliertes Handbuch irgendwie habe wie man es richtig macht.

01:14:57: Ich will an der Stelle... gar nichts hinzufügen, außer unseren Zuhörern einen Hinweis machen.

01:15:05: Auf meiner Ansicht nach die beste Stelle... ... wo jemand darüber nachdenkt, wie das ich in Texten und in literarischen Texten eingesetzt werden kann.

01:15:17: Nämlich von dir, Olivier?

01:15:20: Ja doch!

01:15:21: In deinem Essay-Band von der namenlosen Menge gibt es dieses Kapitel... Ich habe das nicht im Gedächtnis, wie dieses Kapitel heißt.

01:15:29: Du weißt es sicherlich und kannst das gerne gleich hinzufügen,... ...wo du über dieses Potenzial politische aber auch persönliche Potenziale des ichs in Texte reflektierst.

01:15:42: den Leser mitnimmst in diese Suchbewegung.

01:15:44: Und ich glaube, in den letzten fünfzehn Jahren ist bei Weitem nicht ein Text mir bekannt, dass auf dieser starken und radikalen und konsequenten Weise die Frage angeht.

01:15:59: Insofern, liebe Zürcherinnen und Zürer, checkt diese Stelle von mir aus auch das ganze Buch, Olivier Vielen Dank für dieses Gespräch.

01:16:09: Es war sehr, sehr gut und hat mir noch mal sehr viel gegeben.

01:16:13: Danke schön!

01:16:15: Danke ebenfalls.

01:16:16: War ganz toll.

01:16:17: Ciao!

01:16:27: Wenn ihr etwas Geld übrig habt, dann spendet für dieses Projekt Infos.

01:16:41: wie ihr das tun könnt findet ihren Beschreibungstext.

01:16:44: Denn dieses Projekt wird ausschließlich mit eigenen Mitteln beschritten.

01:16:48: Wir hören voneinander wenn es wieder heißt Klasse Literatur der Podcast mit Klassenperspektive.

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