Ep. 9 „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf

Shownotes

Welche Literatur entsteht, wenn man die Trennung von Kunst und Arbeiterklasse überwindet? „Der geteilte Himmel" erschien 1963 und ist die erste umfangreiche Erzählung von Christa Wolf. In der DDR wurde der Roman positiv aufgenommen, weil er den Sozialismus grundsätzlich bejahte, gleichzeitig aber auch Probleme und Widersprüche offen ansprach. In der westdeutschen BRD konzentrierte sich die Kritik auf die psychologische Tiefe und den Stil, sodass man westlich der Elbe vom Inhalt abstrahierte. Heute wird der Roman fälschlicherweise auf den Bau der Berliner Mauer 1961 verkürzt.

In dieser Folge spreche ich mit der Sozialwissenschaftlerin und Redakteurin von kritisch-lesen Johanna Bröse über die Stärken einer Literatur im sozialistischen Aufbau. Inwiefern existierten die Klassen in der DDR fort? Wie geht Rita mit der Flucht ihres Geliebten um? Steht die Figur Manfred für Kritik am Sozialismus? Woher kommt die Sehnsucht der Intellektuellen, ein Atom sein zu wollen? Und wie hat der Bitterfelder Weg zur Demokratisierung der Kunst beigetragen?

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Transkript anzeigen

00:00:04: Hallo und herzlich willkommen bei Klasse Literatur, dem Literatur-Podcast mit Klassenperspektive.

00:00:17: Mein Name ist Mesut Barakta und in dieser Folge geht es um einen in vielerlei Hinsicht zentralen Roman der DDR-Literatur in den Nachkriegszeit nämlich um der geteilte Himmel von Christa Wolf.

00:00:31: Zu Gast habe ich Johanna Bröse.

00:00:33: Hi Johanna!

00:00:35: Johanna erst mal paar Worte zu dir, wer du bist um unseren Zuhörern dich auch mal vorzustellen.

00:00:41: Johanna ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet gerade an einer interdisziplinären Doktorarbeit zur autoritären Politik, Erinnerung, Solidarität und Widerstand.

00:00:52: Nach Jahren prekerapolitischer Bildungsarbeit ist sie aktuell als Bildungsreferentin für eine Vorbildungseinrichtungen der Jugendarbeit beschäftigt.

00:01:01: Politisch – so habe ich dich auch kennengelernt ist Johanna in unterschiedlichen aktivistischen Kontexten unterwegs und auch immer wieder schreibend und redaktionell tätig.

00:01:11: Sie hat, zum Beispiel, das Revolt-Magazin mitgegründet und ist seit über zehn Jahren Redaktionsmitglied des Rezensionsmagazins kritischlesen.de.

00:01:24: Das gibt es seit fünfzehn Jahren, feiert also zwei, sechsundzwanzi Jubiläum an dieser Stelle Gratulation für die Arbeit – für diese sehr wichtige Arbeit Und bringt Mitte Juli die achtzigste Ausgabe heraus mit einem passenden Sommerschwerpunkt All-Cremies are Political.

00:01:43: Also Leute, geht schon mal auf die Seite und klickt euch da durch!

00:01:47: Es ist wirklich sehr lesenswert und auf einem sehr stabilen Niveau.

00:01:51: Aber Johanna kommen wir zum Thema unseres Zusammenkommens nämlich zum Buch und bevor ich auf dich überleite lass mich noch kurz das Buch und das Thema skizzieren.

00:02:03: Der geteilte Himmel von Christa Wolf erschien in den letzten Jahren und ist die erste umfangreiche Erzählung der Autoren.

00:02:12: Sie war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, bereits der Titel nimmt die geteilten Rezeption vorweg muss man sagen.

00:02:22: Deutschen Demokratischen Republik, also DDR wurde der Roman weitgehend positiv aufgenommen weil er den Sozialismus grundsätzlich bejahte gleichzeitig aber auch Probleme und Widersprüche offen ansprach.

00:02:34: In der westdeutschen Bundesrepublik Dagegen konzentrierte sich die Kritik auf die psychologische Tief und den literarischen Stil, sodass die Literaturkritik westlich der Elbe vom eigentlichen Inhalt abstrahierte.

00:02:48: Und das ist gewöhnlicherweise im Kontext des kalten Kriegs oft der Fall gewesen er über ästhetische Formen zu sprechen statt über den Inhalt.

00:02:55: Wie dem auch sei darüber könnte man eine Folge machen.

00:02:59: Heute gilt der Roman als ein literarisches Dokument der deutschen Teilung.

00:03:04: schließlich Gibt es aber auch eine sehr laute, anti-kommunistische Fraktion die den Roman einzig und allein auf dem Bau der Berliner Mauer oneinundsechzig verkürzt.

00:03:15: Und um jeden Preis als frühe Zeugnis einer angeblichen Dissidenz gegen Sozialismus und deutscher Demokratischer Republik ummodeln will?

00:03:25: Obwohl!

00:03:26: Der Text ebenso wie Christa Wolf sich für den Sozialismus und die DDR ausspricht.

00:03:31: Ja, Wolf sogar von neunzehntneunundvierzig bis neunzentneunzehnzig Parteimitglied der SED also die sozialistische Einheitspartei Deutschlands war und bis zu ihrem Tod zwei Tausend Elf eine Sozialistin blieb und auch immer dafür einstand.

00:03:48: So oder so, der Titel Der geteilte Himmel markiert eine historisch besondere Gelegenheit für ein anderes Deutschland und symbolisiert somit die Spaltung Deutschlands zwischen kapitalistischem Weg und sozialistisch dem Aufbau.

00:04:04: Er bezieht sich somit auf die dadurch entstandene Zerrissenheit der Menschen hierzulande und ihrer Lebenswege nach der Befreiung vom deutschen Faschismus.

00:04:13: Johanna!

00:04:14: So viel erstmal von mir zum Buch.

00:04:18: Lass uns doch erst einmal paar Eckpunkte definieren, um auch zu schauen welche zeitgeschichtlichen Impulse und Motive in diesen Text hineingeflossen sind.

00:04:28: Nicht zuletzt weil er immer in diesem ideologischen Gewusel von der einen oder anderen Seite in Beschlag genommen wird.

00:04:38: Kannst du erstmal zusammenfassen worum es in dem Roman eigentlich geht?

00:04:43: Wenn man ganz knapp antworten müsste, dann kann man auf jeden Fall deutlich machen dass es sich da um eine Geschichte von zwei Liebenden handelt.

00:04:54: Da stehen zwei Protagonistinnen im Vordergrund deren Beziehung sich eben in einer Gesellschaft im Aufbau abspielt.

00:05:05: und man kann sagen der Roman blickt darauf, inwiefern eben große historische Umbrüche aber auch kleinere gesellschaftliche Entwicklungen einfach eine große Rolle spielen.

00:05:18: In das Leben der einzelnen Menschen eingreifen und eben auch Entscheidungen, Hoffnungen Beziehungen prägen.

00:05:25: so also dass ist vielleicht der ganz große Rahmen Aber natürlich Ist es auch weit mehr als das du hast es ja auch noch mal angesprochen dass sich wirklich auch um eine ganz vertiefte Einblick in das Leben eines sozialistischen Aufbauprojekts in einem Staat handelt und eben da den Umgang dann nochmal ganz spezifisch von vor allem den zwei Hauptcharakteren, nämlich Rita Seidel und ihrem Freund Manfred Herford herausstellt.

00:06:01: Genau, wir werden glaube ich auch gleich nochmal genauer auf die Hauptfiguren des Romans blicken.

00:06:10: Vielleicht nur so viel.

00:06:11: also die Liebesgeschichte beginnt... Da zu einem Zeitpunkt, in dem die junge Rita-Seidel neunzehn Jahre alt ist noch auf dem Land wohnt und dort eben gerade anfängt nach der Schule in einem Büro zu arbeiten.

00:06:29: Und eigentlich eben aus einer sehr weiblich geprägten Familiengeschichte kommt Fluchterfahrung Mutter und von ihr selber auch prägen, die familiäre Situation dort.

00:06:49: Rita ist zu dem Zeitpunkt wo wir jetzt erstmal im Roman in ihrem Dorf begegnen noch ein Kind im Heran wachsen oder eine sehr junge Frau und begegnet dann eben dem zehn Jahre älteren promovierten Chemiker Manfred Herford, der sie einnimmt.

00:07:11: Der sie begeistert und fasziniert.

00:07:13: und ja dort beginnt die Geschichte.

00:07:18: Sie wird sich weiter fortgeführt, diese Liebesgeschichte in Halle.

00:07:23: In einer damals zentralen Industriestadt der DDR mit sehr vielen Chemiewerken und ganz unterschiedlichen Industriebereichen auch.

00:07:37: Kohleabbau und aber auch Wagonbau, also Eisenbahnbau.

00:07:43: Und große Werke die für das Stadtbild zerprägend sind.

00:07:48: und dort entsteht diese oder entwickelt sich diese Liebesgeschichte auch.

00:07:54: und ja zunehmend dringt die Realität der Widersprüche der Gesellschaft um die beiden jungen Liebenden irgendwo in ihre Beziehung ein die familiären Hintergründe der Familie von Manfred, bei der sie wohnen und die Herausforderungen dort auch auf einer persönlichen Ebene dann aber auch in dem beruflichen Alltag der beiden Hauptdarsteller quasi.

00:08:28: Und da lässt sich dieser Roman zum einen verorten.

00:08:35: spielt er auch auf einer anderen Zeitebene oder die bettet diese eher so einem traditionell den Jahren, erzählt sie folgende Geschichte.

00:08:46: Bettet der so ein?

00:08:48: Bettete dieser Geschichte so ein?

00:08:50: und diese zweite Zeitebene da begegnen wir Rita nach einem Zusammenbruch im Krankenhaus und anschließend in einer Kur oder einem Ort der Genesung, wo sie eben – das wird dann auch durch diese Rückblenden deutlich – sich von der Trennung von Manfred langsam erholen muss.

00:09:20: Und gleichzeitig die unwiderrufliche Trennungen durch den Bau der Mauer, der zu diesem Zeitpunkt – also das spielt dann, in den ersten sechs Jahren – auch verdauen muss.

00:09:32: Also sowohl einen persönlichen sehr scharfen Bruch in ihrem Leben erfahren hat als auch eine gesellschaftliche Entwicklung die zu dem Zeitpunkt einfach ganz viele Menschen in den Deutschlands Mehrzahl vielleicht ja auch sehr stark geprägt hat.

00:09:55: Ich habe das auch jetzt glaube ich nicht gespoilert in der Form, dass wir von diesem Buch auch sehr klar am Beginn schon das Scheitern dieser Beziehungen mitbekommen.

00:10:08: Das ist keine Sache auf die der Roman sich unweigerlich so zu bewegt aber man hegt immer noch Hoffnung.

00:10:18: nimmt einem dieses Wissen schon gleich mit voran, und man kann sich damit auch auf diese nicht lineare Erzählweise nochmal anders einlassen.

00:10:32: Und vielleicht andere Zwischentöne dieser Geschichte verstehen lernen oder darauf mehr achten.

00:10:39: Ja, vielen Dank.

00:10:41: Absolut!

00:10:42: Letzteres möchte ich auch noch mal hervorheben.

00:10:44: man gewinnt durchaus den Eindruck dass der Text und der Aufbau der Erzählungen sich geschult hat von Berthold Brecht eingreifendem Denken so das halt am Anfang schon in ersten Sätzen der Prosa das Ende vorweggenommen wird also dass diese Beziehung scheitert sodass man als LeserInnen sich mehr auf den Prozess des Scheitern konzentrieren kann aber natürlich, um dort halt denkend und eingreifend sich zu dem Text und zu diesem Handlungszusammenhang zu verhalten.

00:11:17: Johanna, lass mich noch zwei Sachen hinzufügen.

00:11:20: Einfach der Vollständigkeitshalber.

00:11:22: Der Text selbst ist auf der Erzählebene vor allen Dingen von Rita erzählt.

00:11:26: Also es handelt sich um eine Art von Erinnerung Auf zweizeitlichen Ebenen die du beschrieben hast Die aber aus Sicht von Rita erzielt werden Mal mehr mit einem Ich mal mehr objektivierter in dritter Person.

00:11:39: Aber ich glaube das Ist sehr relevant Vor allem wenn wir später über die Figuren sprechen.

00:11:43: Und zum anderen spielt diese ganze Geschichte in Halle, wie du sagtest.

00:11:50: Da ich kürze in Hallen eine Lesung hatte in der Buchhandlung wurde auch am Anfang immer korrigiert wir sind hier in Hallesale und nicht in Hallewestphalen.

00:11:58: Ich glaube das ist wichtig für einfach auch ne geografische Verordnung dieser Prosa.

00:12:05: und letztlich möchte ich nur noch hinzufügen, das werde ich später nochmal aufgreifen wenn wir in die Beziehungsstrukturen, in die Figuren eingehen.

00:12:13: Das nämlich die Widersprüche, die du angedeutet hast, die zwischen den Figuren immer stärker werden und dann irgendwann auch aufbrechen dass in der Tat auch die Figur selbst diese Widersprüche in die beziehung von Anfang an tragen.

00:12:27: und das fand ich bei Manfred sehr deutlich.

00:12:30: Aber auch dazu werden wir noch kommen.

00:12:32: Und bevor wir das tun, noch vielleicht ein oder zwei Blicke auf den Roman und die Autoren.

00:12:40: Also in dem Roman behandelt Christa Wolff ja eindeutig die gesellschaftliche Bedeutung der Berliner Mauer, die Ninzeinsechzig gebaut wurde – du hast es schon angesprochen!

00:12:49: Die Erzählung ist sozusagen... diesem Ereignis auf der Ebene eines jungen Liebespaares so unmittelbar vorgeschaltet.

00:12:58: Sie geht dem unmittelba voraus, also wo das Buch endet beginnt quasi der Bau der Mauer wenn man so möchte und auch da merkt man es ist hier eine bestimmte Form von Geschichtigkeit und geschichtlichen Bewusstsein am Werk.

00:13:12: statt sich einfach nur an Eregnissen zu fixieren die im luftleeren Raum dann platziert werden glaube ich, dass das auch sehr wichtig ist für den Kontext.

00:13:23: Johanna kannst du die historischen Eckpunkte mal skizzieren, die in der Nachkriegszeit besonders in der DDR bedeutsam waren und in den Roman eingeflossen sind?

00:13:35: Ja, also der Roman lässt sich eigentlich wirklich nur verstehen vor dem Hintergrund der deutschen Teilung.

00:13:44: Also nach nünzendfünfundvierzig entstehen zwei deutsche Staaten mit gegensätzlichen politischen und ökonomischen Ordnungen versteht sich die DDR explizit als antifaschistischer Gegenentwurf zu einer Kontinuität von nationalsozialistischen Editen in der BRD, in der Bundesrepublik wo eben große Teile von Verwaltung, Bildungsapparaten, Justiz, Wirtschaft, Politik etc.

00:14:12: personell und strukturell weiter fortgeführt werden von denjenigen, die sie auch schon in der Zeit des deutschen Faschismus besetzt haben oder auch dort eben teil waren.

00:14:25: und so ist in der DDR der Antifaschismus nicht nur ein ideologischer... Teil, den man so voranträgt und irgendwo als ein Aushängeschild benutzt, sondern wirklich konstitutiv für das Selbstverständnis des sozialistischen Staats verankert.

00:14:45: Und der prägt damit auch zentral die Figuren des Romans – also es wird sehr deutlich bei Manfred und seiner konfliktheften Auseinandersetzung mit seinem Vater beispielsweise.

00:15:01: nachher eingehen werden.

00:15:02: Ja, das sieht man aber auch im Wagonwerk in dem Rita arbeitet wo ihre Kollegen es sind meistens Männer eben ein ganz unterschiedlicher Art und Weise mit der Realität des nachfaschistischen Weiterlebens auch beschäftigt sind und sich da auch teilweise konflikte aufgrund von der Geschichte von bestimmten auch politischen Haltungen und so weiter, auch entwickeln.

00:15:35: Ja das zum einen.

00:15:36: also der Rückblick in den historischen Kontext ist da sehr wichtig.

00:15:43: gleichzeitig ist auch die DDR in den fünftiger Jahren natürlich ein sehr... Projekt mit wahnsinnig vielen inneren und äußeren Spannungen, also die Blockkonfrontation, die sich zu diesem Zeitpunkt immer weiter verschärft.

00:16:00: Die BRD gleich nebenan verbindet sich mit Wiederbewaffnung und mit dem NATO-Beitritt sehr fest an das westlich imperialistische Militärbündnis während im Osten in der DDR auch der Versuch Unternommen wird eine planwirtschaftlich organisierte und industriell modernisierte Gesellschaft aufzubauen.

00:16:22: Und ja, dann entscheidender Einschnitt ist der Tod Stalins, in dreiundfünfzig und die anschließende Phase der Endstalinisierung unter Nikita Kurschow, dem markiert auch eine Verschiebung innerhalb des sozialistischen Lagers.

00:16:39: also auch so die Frage nach den Fehler in der ersten Jahre nach Gewalt und Bürokratisierung im System etc.

00:16:48: wird breiter diskutiert, wird auch offizieller gestellt bleibt politisch natürlich auch hoch umkämpft.

00:16:55: trotzdem Aber man sieht diese inneren Spannungen und Widersprüchlichkeiten als zentraler Motor auch von Konflikten, die dann zum Beispiel in einem kleineren Alltag im Waggonwerk auftauchen und verhandelt werden.

00:17:11: Das bricht immer auch in die direkt erfahrbare Realität und den Alltag der Menschen ein, den wir in dem Buch begegnen.

00:17:22: Der Aufstand im Juni, der wird in Teilen oder an manchen Punkten kurz thematisiert.

00:17:31: würde ich sagen unterschiedlichen Einfluss auf die Charaktere vielleicht auch eher bei Manfred einen Eindruck hinterlassen, weil dieser durch seinen zehnjährigen Altersvorsprung auch Frau Rita die Zeit dort nochmal anders erlebt hat und auch zu einem Zeitpunkt in der Stadt ja gewohnt hat.

00:17:49: Also er selbst und seine Familie sind im Halle an der Saale quasi wohnhaft Ja, was im Laufe des Bandes aber auch eine wirklich zentrale Rolle einnimmt.

00:18:05: Auch aufgrund vielleicht der zusätzlichen Fokussierung von dem Widerspruch einer eher technischen Intelligenz und dem Alltag der Arbeiter im Waggonberg sind die Erneuerungen und Errungenschaften Ja, Länder, insbesondere der Sputnik-Schock in nineteen fünfzehn.

00:18:34: Also da wird der erste künstliche Satellit als Beweis der sozialistischen Modernisierungsfähigkeit überall wahnsinnig gefeiert.

00:18:46: im Westen löst es indes eine Krise auch aus natürlich auch ne politische Selbst Vergewisserungskrise und auch einen Nachholbedarf, eine wahnsinnigen Druck auf die Konkurrenzstellung.

00:19:01: Und in dem Roman wird dieser Fortschrittsmoment dann auch als eine Bruchlinie sichtbar eben auch zwischen einer euphorischen und zukunftsorientierten Rita und einem sehr desillusionierten Sarkastischen, spöttischen nihilistischen Manfred.

00:19:27: Also vielleicht kann man da diesen Roman in diesem ganzen unterschiedlichen Gemengelagen einordnen?

00:19:35: Absolut!

00:19:35: Da wird einmal deutlich wie sehr es in den fünftiger Jahren des letzten Jahrhunderts so Schlag auf Schlag ging und der Kaltekrieg, dieses Themenkonkurrenz.

00:19:47: Der Klassenkampf sowohl von Ost nach Westen als auch von Westem nach Osten ebenso aber auch hierarchisch von unten nach oben und umgekehrt halt durch diese Beziehungen, durch die Figuren hindurchgehen und sie regelrecht zerteilen.

00:20:04: In gewisser Weise ist es ja auch so dass Rita Seidel ja auch autobiografische Züge trägt nämlich der Autorin selbst.

00:20:13: Ich glaube, das ist an der Stelle auch nochmal interessant kurz darüber zu reflektieren.

00:20:18: Johanna also kannst du die biografischen Umstände zur Entstehung des von Wolfs ersten großen Erzählungen und die Gründe für ihren Aufenthalt in Hallesalem mal so ein bisschen ausführen?

00:20:32: Sie war zudem Zeitpunkt dreißig Jahre alt plus minus.

00:20:36: was hat sie dort gemacht?

00:20:37: Also saßt sie nur an dem Roman und hat daran geschrieben...

00:20:42: in sehr vielen Punkten auch mit der Figur der Rita Seidel verbunden.

00:20:49: Sie teilen die gemeinsame Erfahrung von Flucht innerhalb ihrer Jugend oder Kindheit.

00:20:57: Dann sind auch bei ihr die Erfahrung von Landleben und Umzug in die Stadt zerprägend.

00:21:06: Christa Wolf hat auch in anderen Werken immer wieder stärker darauf Bezug genommen, und hat in jedem Fall da immer wieder so ein Fundus an eigenen Erfahrungen, die sie einbringt in einen Aufwachsen ja auch vielleicht in Teilen eine Auseinandersetzung, die sie bei Manfred dann eher verordnet.

00:21:28: Also vielleicht auch zur Einordnung Christa Wolf ist eher auch dem Alter entsprechend näher an Manfred dran als an Rita, den diese Jahr zehn Jahre jünger quasi macht und ihr damit vielleicht ein bisschen den direkten unmittelbaren Kriegserfahrungen so auch entzieht.

00:21:52: Das bringt, vielleicht wenn wir darüber nachher sprechen werden auch einen zentralen Moment rein in der Auseinandersetzung zwischen Manfred und Rita.

00:22:01: Einfach diese Generationenunterschied, der in Folge von Krieg natürlich nochmal ganz anders auch Zäsuren bedeutet oder bedeuten kann.

00:22:12: Ja, aber du wolltest vermutlich mit der Frage auf eine Ähnlichkeit heraus die Metalle zu tun hat.

00:22:23: Und zwar zieht Rita auch – vor allem zieht Christa Wolf nach Nachdem sie studiert hat und auch angefangen hat, in der Beschriftstellerverband zu arbeiten.

00:22:38: Zu heiraten und zwei Töchter zu bekommen zieht sie mit ihrem Mann nach Halle.

00:22:44: und das hat den Vorlauf dass zu dieser Zeit programmatische Vorschläge gemacht werden wie man sozusagen Kopf-und Handarbeit im sozialistischen Staat stärker miteinander verbindet.

00:23:04: Und die Wolfsziehe nach Halle, in den Wagonwerk Amendorf bei Halle mit einem zirkelschreibender Arbeiterin Kultur zu machen.

00:23:26: Das bedeutet, sie haben dort regelmäßig stattfindende Lesezirke.

00:23:31: Sie bringen sich in die Parteipolitik und die Alltagsgestaltung in den Wagonwerk ein.

00:23:40: und diese Hintergrund oder diese Realitätserfahrung in den Wagenhallen und in den Produktionsstätten, die sind in dem Buch wahnsinnig plastisch, wahnsinnigt stark und lebendig geschildert.

00:23:56: Also man merkt an den Schilderungen das Moment wo Rita etwa zum ersten Mal in Richtung der Wagenfabrik läuft oder dem Wagenwerk läuft wie Wie bekannt der Autorin dieser Moment vorkommen muss, sich da irgendwo auch in so eine neue Realität einzubegeben.

00:24:19: Da läuft man quasi mit der jungen Rita und wird auch dort immer weiter vertraut mit den Logiken und auch den Schwierigkeiten, die ein Produktionsprozess unter Druck hervorbringt.

00:24:39: Ja es ist schön weil ich habe eine Ausgabe des Buchs in dem Kommentare drin sind und vor allem auch so kleine Tagebucheinträge von Christa Wolff lesbar sind.

00:24:53: Und da schreibt sie eben auch um den September, ich glaube das ist ein Eintrag vom siebenundzwanzigsten September, an dem es geht erst um Kindergeburtstage und den Blick auf Gerhard wie er da so schreibt also sein Mann.

00:25:08: und ja dann sagt sie und dann zitiere ich das mal kurz Geh liest in Ledensbriefen an Gorki und wir kommen auf unser altes Thema Kunst und Revolution, Politik und Kunst, Ideologie und Literatur.

00:25:24: Über die Unmöglichkeit deckungsgleicher Gedankengebäude bei selbstmaxistischen Politikern und Künstlern bekommen auf die Rolle der Erfahrung beim Schreiben und auf die Verantwortung, die man für den Inhalt seiner Erfahrungen

00:25:39: hat.".

00:25:40: Und dann geht diese quasi Reflexion dieses Tagebucheintrag weiter diese Möglichkeiten und Grenzen der Weitergabe von Realität- und Klassenerfahrung in Betrieben auszuloten.

00:25:55: Und die Kluft zwischen den unterschiedlichen Subjekten, die da aufeinandertreffen und die weiterbestehenden Hierarchien, die einfach auch durch einen Heeresprojekt eine idealistische Ausrichtung nicht weg.

00:26:13: zu denken sind, sondern einfach eine wahnsinnige Arbeit bedürfen.

00:26:18: Und ja dann beschreibt sie wie sie im Anschluss kocht und ihr Mann liest Korrektur fahnen und sie geht zur Parteigruppensitzung und diese ganzen Themen also auch der schreibende akademische Mann und die engagierte Frau

00:26:37: usw.,

00:26:38: das sind glaube ich alles so Themen ganz, ja kommen wie so als wahnsinnig wichtige Vorlage für Rita und Manfred dann in dem Buch auch vor.

00:26:51: Das klingt sehr danach und es macht vor allen Dingen nochmal deutlich wie unter radikal anderen Paradikmen der Alltag einer Schriftstellerin in diesen Bedingungen an diesem Ort mit diesem Projekt Sozialismus dann verbunden sind, als wie man das zum Beispiel heute kennt.

00:27:13: Also welche AutorInnen sagen oder beschreiben in ihren Tagebüchern ist sei denn sie machen Arbeiterin Literatur.

00:27:20: ja also heute habe ich mich mit Gorkys Briefen außer einer Gesetz und gleich gehe ich wieder nochmal in den Betrieb und dann muss sich noch irgendwie ein Zirkel lesender und schreibender Arbeiter leiten.

00:27:29: Es ist eine ganz andere Form von Verantwortung und Selbstverständnis, das damit einhergeht.

00:27:33: Und man findet es im Text und auch in der Sprache wieder.

00:27:37: Ich finde ja auch Johanna ... Du hast ja zum Wagonbauwerk ausgeführt... Beim Lesen, so unbedarf wie ich zunächst erst mal war auch eine sehr symbolisch Aufladung.

00:27:50: Also hier ist eine Belegschaft in einem volkseigenen Betrieb das an Lokomotiven, an fahrenden Fahrzeugen arbeiten und da denkt man natürlich immer wieder an dieses Zitat dass die Revolution die Lokomotive der Geschichte wäre.

00:28:05: also man muss irgendwie ein Bewegung bleiben, man muss nach vorne gehen.

00:28:09: Es mag biografisch ein Zufall sein, dass die Geschichte dort spielt.

00:28:14: Aber sie hat auch eine symbolische Dimension dadurch bekommen!

00:28:18: Und wenn wir schon so viel über den Roman gesprochen haben, lass uns doch direkt einsteigen und in den Text mal gehen – in diese Feld der Immagination.

00:28:30: Soviel wurde schon Zurita gesagt und es ist nicht genug.

00:28:33: Deswegen möchte ich noch einmal auf diese Hauptfigur gründliche eingehen.

00:28:37: Johanna?

00:28:39: Wer ist Rita Seidel und welche Entwicklung durchläuft sie bis zu ihrer Begegnung mit Manfred?

00:28:47: Ritter Seidl ist eine junge Frau, die in dem Romanen-Ninzenthundertvierzig geboren wird.

00:28:56: Ist also zu dem Zeitpunkt wo wir Sie kennenlernen, achtzehn Jahre alt Und sie ist eben die zentrale Figur und auch, wie du es schon sagst so eine Art Wahrnehmungszentrum des Romans.

00:29:06: Also von ihr gehen ganz viele Impulse aus und die Reflexionsebene findet ganz oft durch ihre Augen statt.

00:29:16: Sie ist in einem reinen Frauenhaushalt aufgewachsen.

00:29:19: Mutter und Tante sind Ihre direkten Bezugspersonen.

00:29:24: Das spiegelt ja auch eine Realität einfach dieser Erfahrung der damaligen Zeit wieder, dass sehr viele Haushalte einfach ohne die nicht aus dem Krieg oder von anderen Orten zurückgekehrt den Männer auskommen mussten.

00:29:41: Vielleicht lässt sich an der Stelle noch sagen das Rita relativ am Anfang auch bisschen so nach ihrem Vater fragt also wo ist er geblieben?

00:29:48: und der Krieg hat ihn irgendwie verschlungen aber es bleibt immer eine Lehrstelle bei ihr.

00:29:53: also dieses Aufwachsen ohne Vater Ohne einen Vater.

00:29:57: Genau, total.

00:29:59: und dass sie dann auf einem älteren... Promoviert Chemiker, einen Mann aus der Stadt trifft hat dann auch so eine Art Erweckungsmoment wo ihr dann plötzlich viele andere Dinge möglich erscheinen.

00:30:17: Es bedarf dann aber lustigerweise einem Dozenten des Lehrerbildungszentrums in der Stadt, der auf dem Land einfach versucht unterschiedliche Menschen eben für die Lehrerbildung zu gewinnen und den sie durch Zufall im Büro trifft, der ihr nach Wochen in dem Sie eigentlich ihm nur zuarbeitet die Möglichkeit auch eröffnet oder ihr sagt hey eigentlich habe ich da auch an dich gedacht wie wär's denn wenn du zu uns ans Institut kommst?

00:30:52: Wenn du aus dem Dorf in die Stadt kommst?

00:30:55: also auch so eine Reise die eine Entwicklung ist.

00:30:59: Eine Transformation auch ein Erwachsenwerden irgendwo.

00:31:03: Und sie sagt dann sinngemäß, auch sowas musste denn etwa enten einen Mann kommen wie Schwarzenbach so heißt er so einen der umühelos den gewöhnlichsten Leuten alles mögliche ungewöhnliche zuzutrauen.

00:31:18: also sie sieht sich eher als eine Person die so einer von vielen ist die gar nicht irgendwie in Besonderheit inne trägt.

00:31:26: und da kommt dann plötzlich jemand und sieht ihr Potenzial Und bringt sie dazu, das auch wahrzunehmen.

00:31:31: Sich zu trauen und sich aus ihrem Familienkontext zu lösen und dann eben durch die dann schon erblühende Beziehung mit Manfred nach Halle zu fahren dort direkt in das Familienleben von den Herrfurt einzutauchen dort irgendwo geduldet und ausgehalten zu werden, um das auch auszuhalten.

00:31:59: Man kann sagen diese Rita Seidel wird erwachsen im Roman und obwohl der Roman eigentlich nur so eine Zeitspanne von knapp zwei Jahren überdauert.

00:32:11: So ist es!

00:32:12: Und ich finde sogar dass diese Entwicklung ja eine gewisse So eine exponentielle Kurve verläuft mit so Insiktsack-Bewegungen.

00:32:21: Also am Anfang kommt sie quasi aus dem Dorf und wirkt recht naiv, muss man sagen, recht unerfahren, auch nicht so erwartungsvoll gegenüber dem Leben.

00:32:32: die Natur spielt ne ganz große Rolle als ein romantischer Ort der Zuflucht.

00:32:38: Und mit dieser Begegnung mit Schwarzenbach das ist ja auch nochmal interessant wie quasi der Sozialismus Partei mitgeht, ein Parteifunktionär.

00:32:48: So habe ich ihn wahrgenommen ihr quasi aber auch einen sozialen Aufstieg damit anbietet.

00:32:53: also sie muss sich nicht durch eine kapitalistische Konkurrenz durchkämpfen und dann steige ich auf sondern sie wird gesehen wenn man so möchte.

00:33:03: sie wird natürlich auch gebraucht und dementsprechend wird sie rekrutiert für eine Lehrerin Ausbildung und dann erst beginnt das Leben plötzlich in Kontrastfarben zu erscheinen.

00:33:17: Plötzlich sind Widersprüche da, plötzlich ist alles nicht nur ja oder nein, plötzlich muss man schauen wie man durchkommt.

00:33:24: also das macht es sehr spannend.

00:33:27: insofern hat was auch generell zur DDL Literatur immer wieder passt gibt es auch immer so eine

00:33:32: Art

00:33:33: Ja, fast schon so durch Widersprüche hingehende Erkenntnistheorie und Entwicklung.

00:33:41: Also es gibt immer eine Erkenntniskurve die sich immer an Widersprüchen abarbeitet was dann in den Figuren sich niederschlägt Und wir haben ja jetzt darüber gesprochen wie das bei Rita ist bis zu ihrer Begegnung mit Manfred da wo sie tanzen.

00:33:56: Sie verliebt sich jedenfalls sofort in ihn, man merkt auch finde ich es ist so eine Art erster Liebe.

00:34:01: Also dementsprechend auch nochmal sehr romantisch.

00:34:03: alles also so.

00:34:05: Es musste nur einer kommen der ihr halbwegs gefällt und schon fällt sie ihnen die Arme So habe ich es wahrgenommen.

00:34:11: das ändert sich tatsächlich aber auch denn Der zehnjährige Manfred und Rita werden ein paar Und Manfred hat ja durchaus auch sein Gepäck mit sich zu tragen.

00:34:26: Und vielleicht kannst du mal, Johanna Manfreds ja erst einmal vielleicht vor allen Dingen familiären Background seine Herkunft beschreiben?

00:34:36: Ja total!

00:34:37: Der Manfred ist ein promovierter Chemiker aus einer bürgerlich akademischen Familie der wahnsinnig belesen ist intellektuelle Herausforderungen sucht, getrieben scheint auch von seiner Arbeit.

00:35:01: Man sieht es gibt tolle Passagen wo er so ruhelos durch sein Arbeitszimmer stiefelt und irgendwelche Tabellen hin und her bewegt und irgendwellche Sachen brummt und Rita sitzt da teilweise einfach nur daneben und beobachtet ihn schreibt oder nimmt das alles so auf, als wie ein ganz Lehrreich über diesen Manfred.

00:35:29: Sie lernt über ihn diese andere Gesellschafts, also diese andere Klasse kennen letztlich auch durch seine Familie in die sie ja da reingeworfen wird, also sie kommt nach Halle und zieht direkt bei ihm ein.

00:35:44: Und trifft er auf eine Familienkonstellation, wie manfred sehr prägt und sehr einengt.

00:35:56: Also er schreibt auch einmal... Er sagt über ihn wird dann auch gesagt, er nimmt alles als Als Sarak war, also es ist quasi so.

00:36:06: Es gibt eine Passage wo er dann beschreibt hier das ist mein Wohnsack Das ist mein Schlafsack Mein Koch-Sarag Alles ist Sark für ihn in dieser eingefahrenen Familienkonstellation.

00:36:20: und diese Familie nimmt die junge Rita nicht unbedingt wohlwollend auf.

00:36:27: Also insbesondere mit der Mutter ist da immer wieder sehr, sind auch schwierige Passagen oder gehässige eifersüchtige Passage weil natürlich ein junges Mädchen kommt was dem einzigen Sohn zu nahe kommt.

00:36:41: also werden diese klassischen Familiendynamiken auch aufgerollt.

00:36:45: vor allem aber steht die ja sehr verbitterte Konstellation des Vaters und Manfred im Vordergrund.

00:36:55: Also Manfred spricht von Hass, er hasst seinen Vater, er verachtet ihn, hält ihn für einen Opportunisten weil er in der Zeit des Nationalsozialismus relativ früh eben sich auch eingelassen hat und aufgestiegen ist und sich eben quasi mit den Nazis auch sehr gut arrangiert hat aber nach dem quasi Ende des deutschen Faschismus relativ schnell auch SED-Mitglied wurde und sich dann dort wiederum hat einintegrieren können.

00:37:31: Und man merkt, Manfred hat da eine große Verachtung dafür für diesen Oportunismus seines Vaters.

00:37:43: Deswegen sieht man aber generell einfach in sehr... an vielen Orten eine bürgerliche Selbstverständlichkeit bei Manfred, die sich auch in die Beziehung mit rein spielt.

00:37:56: Also auch so eine Anspruchshaltung oder auch ein Selbstverständnis in bestimmten Punkten über Rita verfügen zu wollen und auch eine bestimmte Form von... Ja, so einem Entitlement.

00:38:09: Also quasi eine Haltung des Vorrechts oder so auch zu haben was Rita interessanterweise immer wieder kreuzt mit einer Hartnäckigkeit und so einer Unbeirrbarkeit und ihm da irgendwo auch immer wieder die Schranken weist.

00:38:25: aber man sieht interessanter Weise einfach auch sehr interessante Familien- und Beziehungskonstellationen dann in diesem Haushalt von Herr Furtz in Halle.

00:38:41: Ja voll, ich würde nur noch so nochmal auf die Mutter hinweisen weil die Mutter von Manfred ist ja auch irgendwie... sie wartet nur darauf dass die Sozialisten Fehler machen, um dann zu sagen na da habe ich doch gesagt sie kriegen sich gebacken und ihre Schwester selbst lebt in Westberlin.

00:39:00: Und lässt sich von ihr dann irgendwie schöne Konsumgüter schicken, die sie dann in ihrer Nachbarschaft verteilt.

00:39:07: aber immer mit der nötigen Propaganda ja guckt da drüben ist Wohlstand.

00:39:10: also hier bei uns machen Sie alles kaputt und Schuld ist natürlich sind die Soziallisten.

00:39:14: wenn aber dann was läuft dann hält irgendwie still.

00:39:17: Das finde ich auch interessant, weil es gibt diese feinen Charakterzüge die springen gewisserweise auf Manfred immer wieder über, weil man im Laufe der Geschichte immer wieder merkt also Manfred ist immer still wenn alle sich so etwas freuen aber er ist laut wenn etwas schief gelaufen ist.

00:39:36: und ich fand zum Beispiel eine Eine Szene sehr bezeichnen, das ist ungefähr der Mitte des Buches.

00:39:43: Da geht es um diese Errungenschaft, dass die Sowjetunion einen ersten Bemannensflugzeug quasi in den Weltall geschickt hat mit Juri Gagarin, April.

00:39:59: Und da heißt es im Text, also da ist quasi kurz zur Situation, da ist Wendland, Manfred und Rita sind auf diesem Betriebsgelände von den Waggaumbauwerken.

00:40:10: Der Wendland führt die beiden quasi ja durch und zeigt denen gerade, was so geht.

00:40:14: Und dann kriegen sie diese Nachricht über Radio oder sowas.

00:40:18: Dann wird das auch entsprechend beschrieben als ein Fortschritt der Menschheit usw.

00:40:25: Manfred ist die ganze Zeit still.

00:40:26: und dann heißt es im Text wie folgt... Was kommt, was jetzt kommt?

00:40:34: sagte er ohne die Augen aufzumachen und sein Gesicht aus der Sonne zu drehen.

00:40:38: Das weiß ich schon.

00:40:39: eine Propagandalsschlacht größten Stils um den ersten Kosmonauten sirrende glühende Telegrafen Drähte Eine Sturmflut von bedrucktem Papier unter unter der die Menschheit weiterleben wird wie eh und je.

00:40:53: Der Bauer da, Manfred zeigte auf einen Mann, der weit hinten auf dem Acker mit einem Pferde gespann arbeitete.

00:41:00: Der wird auch morgen seine Pferdchen anspannen.

00:41:03: Und unsere ausgediente Lokomotive dieses Vehikel des vorigen Jahrhunderts lässt uns wie zum Hohen schon heute im Stich, welch ein Haufen von unnötiger Alltagsmühsal.

00:41:14: die wird kein bisschen leichter durch die glanzvollen Extravaganzen in der Stratosphäre.

00:41:19: Manfred bekam keine Antwort!

00:41:21: Wendland schwieg aus Tackgefühl.

00:41:24: er konnte sich nie gegen einen sichtlich schwächeren Wehren.

00:41:27: Rita Aus Scharm und Zorn.

00:41:30: Das bist du doch nicht.

00:41:31: Was suchst Du in dieser Cremamaske?

00:41:34: Ja also das sind die Gedanken von Rita.

00:41:39: Ich fand diese Szene so, das zeigte welch großen Abstand, welch große Abgrund zwischen Manfred und Rita herrscht.

00:41:48: Aber auch in dem Fall zu Wendland.

00:41:51: Vielleicht kannst du Johanna in wenigen Worten oder gerne auch in mehreren Worten wie du möchtest seine Entwicklung und vor allem die Gründe und die Motivation für seine Flucht nach West-Berlin beschreiben?

00:42:03: Diese Beobachtung von ihm, die er da macht.

00:42:07: Die sind ja oft scharf und auch wirklich sehr oft sehr weitreichend oder auch hellsichtig aber eben immer mit einem negativen nicht affirmativen Duktus.

00:42:23: also er ist sehr oft zernüchternd, sehr sarkastisch.

00:42:25: Er zeigt So auch seinen Umgang mit diesen technischen Errungenschaften, also wie du es jetzt gerade an dieser schönen Stelle nochmal deutlich gemacht hast.

00:42:39: Zeigt das ganz deutlich auf und diese Grundhaltung ist in der Beziehung zu Rita sichtbar.

00:42:48: Also dieser Patonalismus den er dann einerseits hat und eine große Faszination zugleich ist irgendwie fasziniert von ihrem Auftreten und Ihrem Eintreten in der Fabrik im Wagonberg, aber gleichzeitig hält er es dann auch irgendwie eine Zitat sinnlose Vergeudung von Kraft.

00:43:11: Auch in der Form in der sie sich dann mit den politischen Entwicklungen zunehmend auch beginnt zu interessieren oder auch den Produktionsabläufen und den ganzen Herausforderungen vor die Produktionsleitung, aber auch die Leute, die die Brigadenleiten gestellt werden.

00:43:34: Also die Meister.

00:43:36: Und da ist er Ja, da ist er irgendwo so in der Spannung aus Nähe und Distanz.

00:43:43: Und da zeigt sich auch dieser innere Konflikt, der ihn dann eben letztlich auch in die Flucht treibt sozusagen nach Westberlin treibt nämlich eine Unfähigkeit eigentlich, sich in ein kollektives Projekt einzuschreiben ohne es irgendwo gleich innerlich zu relativieren und damit auch abzuwerten.

00:44:04: also man könnte sagen seine Zu Beginn Und auch immer wieder in so O-Tönen zu Rita ist so eine Gleichgültigkeit gegen alles irgendwo sichtbar, die eigentlich keine reale Gleichgütigkeit ist.

00:44:17: Weil er ist ja gleichzeitig auch sehr wütend.

00:44:19: also es ist irgendwo die Gleichgürtigkeit, die sich über ein sehr großes Chaos an Gefühlen irgendwo auch legt vielleicht.

00:44:31: Er ist sehr unnachgiebig in vielen Dingen, die ihm wichtig erscheinen und reibt sich da eben auch manchmal mit der unbeirrbaren Rita die sehr viel zwar auch für ihn ermöglicht, aber an ihren Grundsätzen so festhält.

00:44:46: Also sie ist sehr flexibel vielleicht in dem wie sie auch ihn versucht in seinen Eigenheiten und so weiter Raum zu lassen also eigentlich auch eine sehr erwachsene Person in der Beziehung während er dann eben sehr oft Ausflüchte von Eifersucht hat, von Frust das bestimmte Dinge nicht so laufen wie er sich das vorgestellt hat etc.. Also da ist, glaube ich der Grund für ihn auch nach Westen zu gehen.

00:45:13: Eben dieses Gefühl er kann dort in diesem sozialistischen Aufbauprojekt irgendwo seine Individualität und sein individuelles Streben nach einem Platz nicht genügend weiter fortführen.

00:45:38: BRD und West-Berlin insbesondere eben als ein Ort, in dem das möglich ist.

00:45:42: Und das ist nämlich an insbesondere auch zu der Zeit einen sehr weitreichender Impuls gerade bei den Intellektuellen oder Kadern innerhalb der DDR gewesen.

00:45:56: also da quasi die Differenzen dies real einfach noch gab.

00:45:59: auch Also DDR als klassenlose Gesellschaft war die Utopie.

00:46:04: aber natürlich zeigt der Roman und zeigt die Realität, wenn wir auch in die Geschichte reinschauen.

00:46:10: Da fortbestehende Differenzen, die sich einfach durch ein Jahrzehnt an Aufbauarbeit ja auch nicht irgendwo komplett auslösen lassen also dann auch unterschiedliche Zugänge zur Bildung, die Spannungen eben dies dann gibt zwischen den technischen Intelligenz und dem Parteiapparat seine eigenen quasi Fähigkeit irgendwo auch Anschluss zu finden.

00:46:38: und da kommt dann eben dieser bürgerliche Habitus, den er innehat.

00:46:43: Also dieses Gefühl hat einen bestimmten Ort in dem zum Beispiel in seinem Betrieb verdient, kommt dann dagegen dass ihm dieser Ort nicht quasi zuerkannt wird, dass ihm der Erfolg nicht zuerkannt wird, den Er sich aber eigentlich als fest als feststehend irgendwo imaginiert hat und als richtig.

00:47:07: Vielleicht kann man sagen, dass seine Flucht damit eine sehr individualistische Dimensionen hat.

00:47:13: Er geht ohne Rita einzubeziehen letztlich also er gibt ihr eigentlich entweder oder Entscheidungen und er verlangt damit auch, dass sie sich ebenfalls auf so eine individuelle Privatentscheidung zurückziehen soll.

00:47:30: und Gita versteht Liebe auch als oder generell Beziehungsarbeit, auch als eher einen politischeren Aspekt.

00:47:42: Und auch als etwas was kollektiv zu verhandeln ist und auch eine Verantwortung irgendwo für den anderen bedeutet.

00:47:50: Vielleicht kann man auch sagen, dass es bei so Mind-Take das Manfred damit eigentlich schon in der Erzählung ein klassisches neoliberales Subjekt der Moderne vorwegnimmt.

00:48:02: Also so einen Rückzug auf sich selbst und irgendwo auch so eine Individualisierung von Problemen die es gesellschaftlich zwar gibt aber die man vielleicht auch kollektiv würde lösen können und er da eben den Rückzug sucht anstatt ja ne solidarische Aushandlung

00:48:20: Ja, vor allen Dingen weil er es sich auch leisten kann als Intellektueller.

00:48:24: Ich finde du hast das sehr zutreffend gerade verdichtet diesen intellektuellen Typus den Manfred ja verkörpert.

00:48:33: der ist ja auch in gewisser Weise es war immer es wäre immer politisch und kulturpolitisch gerade in diesem Jahrzehnt ein großer heraus von eine große Schwierigkeit die intellektuelle Einzuglinan einzubinden Projektsozialismus und sozialistische Aufbau.

00:48:50: Und was vor allen Dingen immer wieder bei Manfred hervorbricht, ist diese Sehnsucht dieser Wunsch nach der Abwesenheit der Geschichte ja?

00:48:59: Und dass er die Illusion hat.

00:49:01: okay als bourgeois brauche ich mich um niemanden zu kümmern.

00:49:05: Die Verantwortung liegt nur bei mir selbst.

00:49:07: also es ist so eine Max Stirner Philosophie, mit der Karl Marx schon in der deutschen Ideologie sich herumschlagen musste.

00:49:13: Also den Buch die deutsche Ideologie aber dieses Ich will ein Atom sein.

00:49:17: ich will nicht verantwortlich sein für Dinge, die mit mir nichts zu tun haben und erst recht nicht mit Partei, Politik, Kapitalismus, Sozialismus.

00:49:25: alles scheißegal so nach dem Motto.

00:49:27: Und ich finde damit thematisiert Wolfi auch eine Misere der Intellektuellen nämlich das ist so dieses.

00:49:37: Ich will individuum sein.

00:49:40: Und dann, wie du sagtest Johanna und das habe ich mir direkt notiert jetzt diese Unfähigkeit sich auf kollektive Projekte einzulassen.

00:49:49: Naja weil es in Kollektiven nun einmal ein bisschen langsamer zugeht widersprüche hierzu geht und weil man sich auch mit anderen Köpfen zu reiben hat.

00:49:56: und da wird man schnell überdrüssig wenn der eigene Wille nicht entsprechend ja den den den Mittelpunkt einnimmt denen man sich durch sein Nazismus oder seine eigene Überzeugung halt wünscht.

00:50:11: Und das finde ich kommt bei ihm immer wieder hervor, also im Grunde genommen ist seine Krankheit sein eigener Individualismus und der ist sogar sehr unpolitisch.

00:50:22: Ich finde sogar dass Christa Wolf gerade im zweiten Teil des Buches diese Anlagen, diese Veranlagungen, diese Sehnsucht auch thematisiert im Kontext dessen, wie die bürgerliche Gesellschaft dort andockt und das für sich ideologisch dann ausnutzt.

00:50:41: Nämlich dass halt Manfred hier nach Westberlin geht und flieht Und dann halt bei seiner Tante in so einem Zimmer wohnt fast schon unter einem heftigen Prestigeverlust, muss man sagen.

00:50:55: Weil Rita sieht ihn und denkt sich das ist mein Mannfred!

00:50:58: Der lebt ja wie ein Student hier so nach dem Motto an dieser Stelle nichts gegen StudentInnen Es ist in diesen Zeiten ziemlich hart seine Miete zu zahlen.

00:51:06: Aber dieser Kontrast wird sehr hervorgehoben.

00:51:10: Und dann kommt diese große Aussprache zwischen den beiden.

00:51:13: Ich möchte gerne an dieser stelle einen Ausschnitt lesen, um auch einfach mal deutlich zu verdeutlichen wie Manfred das für sich erklärt.

00:51:23: Da heißt es okay Rita sagt zu Manfred weißt du auch was Wendland gesagt hat.

00:51:31: ich verzeihe dass manchem ihm nicht.

00:51:33: er wusste was er tat und Wendlern ist ein alter Freund von Manfred beides sehr intellektuell profilierte Leute.

00:51:41: Und jetzt kommt Manfred.

00:51:42: Gerade Wendland rief Manfred voller Hass, die stillschweigende Übereinkunft sich gegenseitig nicht unnötig noch mehr zu verletzen war außer Kraftgesetz.

00:51:51: gerade der sollte doch wissen was gespielt wird.

00:51:54: er ist doch nicht auf die Zeitung angewiesen der sieht doch hinter die Kulissen.

00:51:58: ja denkst du denn ich wäre nicht auch mal voller Hoffnung gewesen?

00:52:03: Ich hätte nicht auch einmal gedacht mit der Wurzel des übels würde man auch das übel aus der welt ausreißen.

00:52:10: Aber es hat tausend Wurzeln.

00:52:12: Es ist nicht auszurotten, edel vielleicht sich weiter daran zu versuchen aber ohne Überzeugung wird Edelmo zur Grimasse.

00:52:21: Denkst du das macht Spaß?

00:52:23: Sich zeitlebens angeschmiert zu sehen?

00:52:25: Du erlebst es zum ersten Mal Ich Nicht.

00:52:28: Das Ist der Unterschied.

00:52:30: Hier weiß ich woran ich bin und das sagt er quasi im kapitalistischen Deutschland.

00:52:36: Hier weiß ich wo ich bin, hier bin ich auf alles Mögliche gefasst.

00:52:40: Drüben wird es noch.

00:52:42: wer weiß wie lange dauern.

00:52:44: eher hinter den schönen Worten die Tatsachen vorkommen?

00:52:47: Die Tatsache sind.

00:52:48: der Mensch ist nicht dazu gemacht sozialist zu sein.

00:52:52: Zwingt man ihn dazu macht er groteske Verränkungen bis er wieder da ist.

00:52:56: wohin gehört an der fettesten Krippe.

00:52:59: dein Wendland kann mir leid tun.

00:53:01: tatsächlich das kann er.

00:53:04: Und Rita fragt leise, warum bist du so wütend auf ihn?

00:53:08: Dann geht es weiter.

00:53:09: Die Frage brachte ihn soweit, dass er sie am liebsten geschlagen hätte.

00:53:13: Diese wilde Verzweiflung hatte sie noch nie an ihm gesehen.

00:53:17: Also man merkt der Manfred ist auch ... Der will sich einreden, dass seine Entscheidung richtig ist.

00:53:24: Ist brodelt richtig unter der Haut und ... Ich habe mich da ja schon gefragt, Johanna.

00:53:30: Woran verzweifelt man, Fred?

00:53:32: Ist diese Verzweiflung stets eine Flucht für eine Sozialismuskritik, die man diskutieren muss?

00:53:41: oder eher ... Egoismus, der bereit ist Rita mit der Liebe zu erpressen.

00:53:46: Ich meine du hast es schon selbst gesagt im Text selbst.

00:53:49: Gibt das so ein Brief?

00:53:50: Da schreibt er an Rita an einer Stelle ich lebe nur für den Tag da du wieder bei mir bist denk immer daran und sagt ja nach der Flucht ohne sie gefragt.

00:53:57: Also meiner Ansicht nach erpresst er sie an dieser Stelle mit ihrer Liebe zu ihm.

00:54:02: So nach dem Motto Wenn Du mich liebst dann musst du kommen.

00:54:05: Dabei ist er gegangen ohne es ihr vorher zu sagen.

00:54:08: also Ja Was ist diese Verzweiflung?

00:54:13: Wie hast du sie wahrgenommen, wie würdest du sie

00:54:14: beschreiben?".

00:54:16: Ja der Manfred.

00:54:17: Der ist auf jeden Fall eine sehr tragische Figur auch in dieser Geschichte und das finde ich auch wieder sehr gut an dem Buch eben aber auch nicht als Anti-Held irgendwo oder vielleicht ein Anti-Held, aber nicht als Gegner oder quasi Schablone für denjenigen, der gegangen ist usw.. Platt dargestellt, sondern schon auch ausdifferenziert an diesen Orten wo es dann eben nicht mehr für ihn klappt.

00:54:46: Und Rita versucht ja auch in ihren Reflektionen während sie da im Sanatorium ist und langsam sich einfach mit den Erinnerungen beschäftigt und die Vergangenheit für sich aufarbeitet.

00:55:03: immer wieder Gründe zu finden für seinen Verhalten.

00:55:07: Also wir lernen dann auch ein wahnsinniges Reflektionsvermögen von Rita irgendwo auch und eine Schärfung gleichzeitig von ihrem eigenen, ihrer eigenen Grundhaltung.

00:55:20: Deswegen sie geblieben ist.

00:55:22: also man hört die guten Gründe weswegen Rita bleibt und die schlechten Gründe warum ein Manfred vielleicht auch geht und ich denke Er scheitert letztlich eben an diesen Anspruchshaltungen, wie wir es schon mal so ein bisschen ja auch davor besprochen haben und natürlich auch an blockierten sozialistischen Modernisierungsmöglichkeiten.

00:55:45: Dies zu dem Zeitpunkt einfach auch gab reale Produktionsblockierungen seitens der westlichen Rohstofflieferantinnen und so weiter.

00:55:57: Also da gibt es dann ganz materielle Gründe, weswegen Dinge nicht zu funktionieren wie er sich das auch vorstellt oder auch generell Betriebe einfach nicht in der Form oder seine Ideen und Patente nicht umgesetzt werden können in einer Form wie er sie sich das wünscht.

00:56:12: Er wünschte sich das gleichzeitig aber auch für einen Vorankommen der DDR selbst.

00:56:16: also da ist es nicht nur ein rein individualistischer Gedanke eine Produktion so oder so umzustellen sondern frustriert in einem unmöglichen Maße diese vielleicht auch starre, die damit einhergeht dass einen Staat einfach in der Vergesellschaftung einfach nur teilweise Rückschritte erleidet oder auch Stagnation etc.

00:56:41: Also ich denke da sind die beiden also Rita und Manfred auch sehr interessant miteinander dargestellt weil Rita eben diese quasi ihre Entwicklung in der sozialistischen Gesellschaft quasi, insofern sie sich dort weiterentwickelt und merkt das Bewusstsein entsteht auch durch die Widersprüche und die Praxis.

00:57:03: Und die entfremden Manfred auf eine Weise.

00:57:07: Du hattest ja Wendland erwähnt gerade vorhin auch immer wieder als so ein bisschen den den Gegenspieler von Manfred, zumindest in Manfreds Augen.

00:57:19: Der Betriebsleiter ist das Wagenwerks des Wagonwerks der Junges auch eben Intellektueller, eine gemeinsame Studiengeschichte mit Manfred teilt

00:57:30: etc.,

00:57:31: der aber mit diesen ganzen Konflikten auf eine andere Art und Weise umgeht und damit vielleicht sehr oft auch den Respekt von Rita gewinnt werden ja Freunde.

00:57:43: und während sich Manfred immer weiter auch von dieser Freundschaft der beiden noch mal in Gefahr sieht.

00:57:50: Und auch da nochmal eine zusätzliche, wie könnte ein intellektueller in der DDR auch sein?

00:58:02: So eine Figur aufgebaut wird

00:58:04: vielleicht.".

00:58:07: Man kann es schon fast formelhaft runterbrechen.

00:58:10: Wendland ist derjenige, der es vermag, Widersprüche auszuhalten.

00:58:15: Während Manfred zumindest zum Standpunkt seiner Entwicklung in dieser Geschichte nicht mehr im Stande ist, Wiedersprüche aushalten und Rita fast schon dazwischen jemand ist die an den Widersprüchen wächst.

00:58:30: also während sie am Anfang noch relativ naiv und so romantisch daherkommt Merkt man, wie sie im Laufe der Geschichte zu einer wirklich gereiften Persönlichkeit sich entwickelt innerhalb von zwei Jahren.

00:58:44: Genau wie du sagst kann ich nur unterschreiben ein enormes Reflexionsvermögen sich dabei aneignet und auch das Anwendet mit all der Ehrlichkeit die dazu gehört.

00:58:55: und doch ist Rita fällt sich anders zu dieser ganzen Entwicklung, fällt sich auch anders oder wieder erwarten von Manfred so zur Flucht dass sie sagt ne ich komme nicht mit.

00:59:08: Ich bleibe hier und ich fände sogar am Anfang des Buches wird das an einer Stelle fast schon also diese unterschiedliche Prägung nochmal deutlich da ist die schon quasi in ihrer beginnt ihre Ausbildung als Lehrerin, also studiert und gleichzeitig arbeitet sie halt in dem Wagonbauwerk.

00:59:26: Was übrigens das müssen wir vielleicht auch an der Stelle sagen In den Fünfzigerjahren der DDR auch quasi Programm war, dass Studentinnen eine gewisse Zeit ihres Lebens durch die politische Ausbildung im Betrieb mit der Arbeiterklasse an der Seite der ArbeiterInnen mitarbeiten mussten.

00:59:46: Damit sie sehen was die praktische Dimension ihrer Theorien halt ist in der Realität.

00:59:51: und da gibt es so ne Stelle.

00:59:53: Da kommt sie nach Hause und sagt zu Manfreds So Ja boah Gott das nervt alles so.

00:59:58: kurz gesagt das ist alles so anstrengend und ich bin so fertig.

01:00:01: Und dann sagt Manfred, naja steigt doch da aus, sagte er.

01:00:07: aber sie schüttelte den Kopf und sie antwortete, da kann man nicht einfach aussteigen, sagte sie man kann was man will hielt er hier vor, man kann etwas man will und dann antwortet sie, dann will ich es

01:00:20: nicht.".

01:00:21: Und ich finde das sehr, sehr charakteristisch.

01:00:24: Dass wie sie mit einem offenen Visier dann quasi in diese Konflikte geht und anders als Manfred dem nicht den Rücken zu kennt.

01:00:32: Vielleicht ist die Analogie zu ihrem Verhältnis zum Sozialismus anders als manfred.

01:00:39: Kommen wir noch zur Wendland?

01:00:43: Du hast ja schon Bezug auf ihn genommen und zu dieser Geschichte gehört auch einfach diese Figur.

01:00:50: Er wird ja gerade im Laufe der Geschichte immer wichtiger.

01:00:53: Also am Anfang ist er eher ein Phantom und später tritt er immer mehr in den Vordergrund, es gibt auch so am Anfang diese Situation dass der Wendland so ein bisschen auch konkurriert mit dem Vater von Manfred weil der Mannfreds Vater war mal und soll wieder eventuell Betriebsleiter werden aber dann geht das aus unterschiedlichen Gründen nicht Und Wendland verliebt sich hier auch in Rita Aber sie bleiben Freunde.

01:01:21: Kannst du kurz nochmal diese Unterschiede, den Unterschied von Wendtland und Manfred beschreiben?

01:01:30: Zumal Sie ja auch mal befreundet waren.

01:01:33: Und auch irgendwie sehr viel Wert auf das Urteil des jeweils anderen Legens.

01:01:41: Ja da kann ich vielleicht einige kurze Worte zu Wendland verlieren.

01:01:46: Der ist ... der Wend Land Erst ein Produktionsleiter, der dann nach Umbauten im Betriebsleiter wird.

01:01:55: Mit eben dann knapp dreißig Jahren gleich alt wie Manfred.

01:02:01: und der ist eine Figur die eigentlich auch dieses Fortschrittsstreben von Manfred mitverkörpert aber diesen kollektiven Blick gleichzeitig versucht zumindest mit zu halten, mitzuerhalten.

01:02:28: Man trifft ihn das erste Mal bei einem Jubiläums- oder Geburtstagskneipenabend des Meisters einer Brigade der in der eben Rita tätig ist.

01:02:45: Und da wird, der ganze Abend es ein Hokus Pokus und alle haben gute Laune und er kommt.

01:02:52: und dann wird sinngemäß im Buch das so beschrieben von Rita, er kommt uns sofort herrschte irgendwo obwohl er die richtigen Dinge sagte und auch zu den richtigen Schlüssen kamen.

01:03:10: Alles hat sich genauso verhalten, wie man sich verhalten sollte.

01:03:15: Oder so wurde die Stimmung anders.

01:03:17: Also man merkt er ist trotzdem zu Beginn auch zumindest und das ändert sich nur in Teilen.

01:03:24: Ist er keiner von den Arbeitern?

01:03:28: Er gehört erstmal eben eine andere Klasse an.

01:03:31: Er ist aber gleichzeitig viel befähigter und aufs Kollektiv ausgerichtet um diese diese Differenz und die Sicherheitschienen auch zu durchbrechen.

01:03:43: Man merkt das dann auch nach einer Weile persönlich mit anderen Personen noch in dem Waggonenwerk verbandelt, etwa mit dem sehr engen Freund von Rita Rolf Meternagel, der ihr letztlich den Aufenthalt und die Arbeit im Wagonwerk überhaupt erst auch erfahrbar und begreifbar macht.

01:04:18: Also vielleicht können wir auch Meternage noch kurz einführen, der ja so eine Art von... Ich will es nicht zu Platz sagen, aber so eine Art von Vaterfigur.

01:04:26: dann auch wird der Durchweg an der Seite Rita steht.

01:04:32: Sie sehr schnell zutrauen auch zu ihm fast.

01:04:35: sie fängt an eben direkt neben ihm und einem sehr jungen Arbeiter namens Hänzchen zu arbeiten.

01:04:42: Und dieses Dreiergespann ist eben dann quasi in der Brigade ein fixer Punkt und es sind quasi ihre Fixsterne, wenn sie da morgens zur Arbeit geht.

01:04:55: Die bauen also Rolf Meternagel und Rita trotz ihren Unterschiedlichkeiten und auch trotz des Rabaukentums das Rolf-Meternageln manchmal auch so vor sich herträgt, bauen die eine sehr schöne Freundschaft auf.

01:05:13: Also auch eine Generationenüberspannende Freundschaft.

01:05:16: Wobei ich sagen muss, ich habe mir den Rolf Meternagel zu Beginn bis ich es dann irgendwann stand, schwarz oder weiß, zu Beginm viel älter vorgestellt als er dann war.

01:05:27: Er wurde dann irgendwann mit, er ist fast fünfzig eingeführt und ich dachte nur wow also das war dann wirklich ... Ich hab irgendwo auch ihn als so ein sehr Zu den klassischen, sehr alten Weisengenossen der irgendwie die Dinge schon richtet und obwohl er daran gleichzeitig auch kaputt geht ein bisschen.

01:05:47: Und sich aufreibt und so begriffen also auch so ein anderer vielleicht Prototyp eines sozialistischen Menschenbilds.

01:05:55: So den Christa Wolf da rein pflanzt in diese Brigade Genau.

01:06:02: Und er ist auch so ein bisschen die moralische Autorität des Romans, also Reuf-Meternagel ist so das... Auch der Dreh- und Angelpunkt an dem sich Rita dann schlussendlich politisch ausrichtet und lernt in der Gesellschaft einfach diese Entwicklungen einzuordnen.

01:06:24: Dieser Meternagel is eben auch in einer persönlichen Verbindung zu dem Wendland, wo ich vielleicht da mal einen Cliffhanger mache und nicht verrate welche Verbindung das ist.

01:06:38: Dann will ich auch nichts verraten an der Stelle ja.

01:06:41: Ja wie du jetzt diese Beziehungen nochmal rekonstruiert hast von Wendlern zu Meternagel und dann zu den anderen Waggon-Bauarbeitern also in der Brigade

01:06:51: usw.,

01:06:53: die wir schon ebesprochen haben zeigt sich vor allen Dingen dieser gesellschaftliche Komplex in einer sozialistischen Gesellschaft, der fort besteht.

01:07:03: Der immer noch seine Klassen Gegensätze aufweist und der vor allen Dingen einen Alltag unter anderen Paradigmen uns vorführt und auch uns erfahrbar macht den wir sonst anderswo nie bekämen nicht mal Und erst recht nicht in irgendwelchen Debatten über Aufarbeitungen oder Stasi-Akten oder sowas.

01:07:31: Da ist meiner Ansicht nach die DDR Literatur ein riesengroßer Fundus, ein riesengroßes Erbe der Arbeiterbewegung verborgen dass uns ein anderes Leben mit auch all sein Widersprüchen Wahrhaftigkeit auch noch mal zeigen kann.

01:07:50: Der geteilte Himmel hat da eine sehr besondere Rolle, gerade in dieser Anfangsphase der Fünfzigerjahre.

01:08:00: Johanna!

01:08:01: Kommen wir langsam zum Schluss.

01:08:02: und zum Schluss spreche ich in meinem Podcast immer gerne über Stil- und Ästhetik eines Buches.

01:08:08: Und dieser Text kommt ja immer wieder zu diesem Wagonbauwerk zurück, den Brigadearbeitern bei Rita... Du hast es schon angedeutet hat man manchmal den Eindruck sie holt dort her immer ihre Zufässig.

01:08:19: Also immer wenn sie irgendwie nicht ganz klarkommt geht's zum Wagonbauerwerk dann gibt´s ein Gespräch mit Meternagel der auch ziemlich am ziemlich müde und erschöpft ist, aber dann geht es doch irgendwie wieder weiter.

01:08:32: Das ist fast schon so was wie Basisüberbau.

01:08:36: In dieser Basis gibt's wieder Bodenhaftung und man kann sich wieder bewegen.

01:08:42: Wie hast du das wahrgenommen?

01:08:44: Was macht das mit der Sprache oder mit der Literatur?

01:08:47: immer wieder... in diese Orte zu kommen, die so Orte hineinzulassen im Bereich des literarischen Schreibens.

01:08:58: Was passiert da eigentlich mit einem Text und wie nimmt man das wahr?

01:09:01: Wie hast du das wahrgenommen?

01:09:03: Ich kann da, glaube ich, Christa Wolfs eigenen Worten sehr gut folgen.

01:09:09: Die in einem ihrer Tagebuch-Einträge so was schreibt wie... Also sie schreibt darüber, wie sie mit diesem Text ringt der ganz unterschiedliche Formen an dem Verlauf von mehreren Jahren und genau diese Erfahrung im Wagonwerk aber immer auch eine ganze zentrale Rolle dabei spielen.

01:09:28: also diesen Horizont hat sie relativ früh bewegt dann ihre Figuren letztlich so ein bisschen alternierend drum herum.

01:09:39: Und sie schreibt, es sind Bilder von banalen Vorgängen die sie dem Leben ablauscht und ich finde... I think that's beautiful!

01:09:50: Diese Dichte der Erzählung kommt aus den Fabrikhallen, die kommt aus dem Produktionsstätten.

01:10:01: Also die Dynamiken, die sich dann auch eben in politischen Diskussionen entspannen, kann man so in der Form mitgehen und ihn dann folgen wenn man sich gleichzeitig sehr plastisch die Genossen unter den blinden Fenstern der Halle vorstellen kann, wie sie da auf ihren Banken aus Holz sitzen und irgendwo rattet im Hintergrund noch ein letzter Zug aus dem Werk heraus.

01:10:37: Man hat diesen fast schon lebendigen Produktionsebene, die bringt einem auch dass die anderen politischen, persönlichen et cetera Erfahrungen näher.

01:10:57: Also es ist ein... Die Figuren werden konkret in ihrer konkreten Alltagspraxis, in ihren Tätigkeiten.

01:11:06: Die Arbeit als solche wird ernst genommen Obwohl auch Christa Wolf über die Produktionsstädte hinaus natürlich auch arbeiten im Haus, in der Beziehung etc.

01:11:18: ja auch nimmt.

01:11:19: das ist es die Figuren von ihr Leben ja nicht nur in der Produktionshalle Und aber dort werden sie in ihrem auch im sozialistischen Subjekt werden irgendwo auch noch mal spezifisch dargestellt, vielleicht.

01:11:35: Und die Produktion eben auch als eine Praxis arbeitender Menschen dargestellt – also quasi eine kollektive Anstrengung, die dann vielleicht auch zu irgendwelchen abstrakten Tabellen und Zahlen- und Zeitungsartikeln führt.

01:11:52: Aber zuallererst sind es einfach mal diese ganz konkreten Menschen, die Kontakte der Menschen untereinander, dieses Großprojekt überhaupt dann erst ermöglichen so... zeigt auch gleichzeitig Mikrokosmos mit allen Fäden, mit allen Streitereien, Konkurrenz.

01:12:14: Mit allem Möglichen was einfach auch lebendiges den Alltag ausmacht so auf.

01:12:19: also es finde ich damit auch sehr schön von einem großen Ganzen in eine Fabrikhalle runter zu brechen.

01:12:31: genau finde ich ein stilistisch gelungenes gelangene Art und Weise.

01:12:38: Ja, ich finde ja sogar das generell gelungene sozialistische Literatur ausmacht dass die Produktionsphäre nicht in einem mechanischen Gegensatz zur der Konsumtionsphere also das was wir Alltag nennen steht sondern dass wie auch in diesem Buch eine organische Durchlässigkeit zwischen Produktionsfabrikhallen aber Privatleben und Liebesleben herrscht.

01:13:04: Da realisiert sich wirklich das, was Sozialistinnen und Kommunisten immer sagen.

01:13:08: Das private ist politisch, das politische ist privat.

01:13:11: in der bürgerischen Gesellschaft gibt es große Verblendungsmechanismen so dass man das nicht wahrnimmt.

01:13:16: Man geht seine acht Stunden Lohnarbeiten und danach beginnt das eigentliche Leben.

01:13:19: dann treffe ich mit meinen Kumpels und gehe ein Bier trinken oder sowas aber vergesse die Arbeit.

01:13:24: Deswegen merkt man das nicht so, weil man das in seiner eigenen Wahrnehmung auch verdrängen möchte.

01:13:29: Während aber in der sozialistischen Literatur es einem immer wieder klar wird wie sehr dann alles so miteinander zu tun hat dass sich wechselseitig auch prägt und das nicht im schlechten Sinne nach dem Motto man will die Tür zumachen und nichts damit zu tun haben.

01:13:41: Im Gegenteil.

01:13:42: also ist bestimmt das Verantwortungsgefühl im Alltag Der Alltag und das gesellschaftliche Leben, dass Verantwortungsgefühl in den Produktionshallen bestimmt.

01:13:53: Und das ist meiner Ansicht nach ein ganz anderer ästhetischer Zugang auch für einen Roman oder eine sprachliche Darstellung von gesellschaftlichen Kontexten und Zusammenhängen.

01:14:08: Das finde ich bei der Geteilte Himmel Das nimmt man einfach so, das atmet man einfach ein.

01:14:13: Wenn man zum Beispiel ganz zufällig an Max Frisch oder sowas, wenn man da mal auf Szenen stößt die mit Arbeit zu tun haben und das tut man tatsächlich selten bei Frisch dann ist es immer so... etwas vom Rest abgetrenntes.

01:14:29: So nach dem Motto hinter den Betriebstor herrscht die Kommandogewalt des Kapitals, da herrschen andere Gesetze und das ist ein anderes Leben.

01:14:36: oder denk an die Investigativbücher von Günter Wallraff.

01:14:40: der schreibt ein ganzes Buch darüber wie es in kapitalistischen Betrieben zugeht aber diese Welt dieser Arbeitswelt ist getrennt von der anderen privaten Welt Bei der geteilte Himmel oder bei anderen Büchern aus der sozialistischen Literatur ist da immer eine organische Durchlässigkeit.

01:15:02: Und vielleicht ist an dieser Stelle, die richtige Zeitpunkt mal auszuführen was das mit dem sogenannten Bitterfelder Weg zu tun hat.

01:15:12: Denn Christa Wolbs Roman weiß ja unverkennbar Merkmale des Bitter Felder Wegs auf Der auf der ersten Bitterfelder Konferenz, das war in den Bitterfeld von Parteifunktionären aber ebenso auch von Künstlern meistens Schriftstellern zum kulturpolitischen Programm in der DDR erklärt wurde.

01:15:34: Um einige Merkmale dieser Ästhetik vorzustellen die sich auch in Christa Wolfs Roman zeigen.

01:15:41: also Ein sehr zentrales Merkmal ist vor allem eine möglichst realistische Darstellung.

01:15:47: Das bedeutet, dass das Leben der Arbeiterinnen und der sozialistischen Alltag wirklich wirklichkeitsnah dargestellt wird.

01:15:55: Du hast es ja quasi schon zitiert aus dem Tagebuch abgelauscht – das passt ganz gut.

01:16:01: oder halt auch diese Durchlässigkeit zwischen Arbeit und Leben und die entsprechenden Orte.

01:16:07: Ein weiteres Merkmal Subjekt der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens steht im Mittelpunkt.

01:16:15: Und nämlich die Arbeiterinnen und Arbeiter, Ingenieure, Bauern... Also diese klasse von Produktiveklasse wenn man so möchte ist quasi Träger der Erzählung.

01:16:28: sie fungiert Tendenziell auch immer als ein Vorbild, muss man sagen.

01:16:33: Aber sie ist auch immer wieder Träger der Geschichte.

01:16:36: Ich meine bei dem Roman deswegen auch immer diese Rückkehr zum Meternagel, dieser Rückkehr zu einem Betrieb.

01:16:41: okay hier beginnt die Geschichte ja?

01:16:44: Auch wenn woanders wie unsere Schmerzen leiden oder erfahren.

01:16:48: aber hier beginn die Geschichte und hier wird die Geschichte weitergewoben.

01:16:51: das finde ich schlägt sich dort auch noch mal wieder Nieder.

01:16:57: Ein Drittes, was ich hervorheben möchte auch heute ein Begriff der oft gefallen ist Entwicklung.

01:17:02: ja also diese Ästhetik lebt immer von einer Entwicklungsdynamik immer von eine Entwicklungsfigur.

01:17:09: Die Figuren bleiben nicht das, was sie sind.

01:17:12: Sondern sie werden immer andere.

01:17:13: Was auch immer Sie werden!

01:17:14: Du sagtest ja keine Negativhelden, keine Positiven, sondern sie werden halt etwas.

01:17:18: Aber dieser Entwicklungscharakter der Figuren steht weit im Vordergrund und nicht selten trifft man auch immer wieder auf Figuren, dass sie zu sozialistischen Menschen werden oder die Widersprüche... ... der Entwicklung zum Sozialisten thematisieren.

01:17:35: Ich finde Rita macht das ja sehr deutlich, ne?

01:17:37: Sie wird zu so einer sozialistischen Persönlichkeit und man will eigentlich wissen wie geht es jetzt bei ihr im Leben weiter.

01:17:44: Weiteres Merkmal ist... Zugang, die Kollektive herangehensweise steht über dem Individualismus.

01:17:54: Also Stadtindividualismus muss man sagen.

01:17:56: also Gemeinschaft und Zusammenarbeit sind wichtiger als persönliche Interessen.

01:18:01: das merkt man in dem Buch im Kontrast zwischen Wendland und Manfred.

01:18:04: darüber haben wir heute auch viel gesprochen.

01:18:06: es gibt tatsächlich aber auch dieses Merkmal des Bitterfelder Wegs, dass die Sprache möglichst verständlich sein soll.

01:18:17: Es sollte sich um eine klare Sprache handeln, die Literatur für alle zugänglich macht.

01:18:22: Das bedeutet nicht ne Verblödung von Literatur oder ne Verflachung von der Literatur.

01:18:27: Also wer mal, keine Ahnung, Herrmann Kant gelesen hat, Strittmacher gelesen und jetzt Wolf weiß, Verständlichkeit bedeutet nicht Simplifizierung.

01:18:38: Ja, Verständlichkeit bedeutet immer unter der Maßgabe der Sache eine Durchsichtigkeit herzustellen und nicht eine Verblendung oder eine Verdunklung.

01:18:48: Und die Sache bestimmt den Grad von Komplexität.

01:18:51: Also wer quasi Fabriken beschreiben möchte, der wird auf ein hohes Maß an Komplexitäten treffen als derjenige, der eine Hand beschreiben will.

01:19:01: Wobei man das vielleicht auch nicht unterschätzen sollte wie viel Geschichte in so einer Hand steckt.

01:19:07: Ein weiteres Merkmal ist, dass der gesellschaftliche Nutzen der Kunst hervorgehoben wird.

01:19:13: Also Literatur soll auch erklärtermaßen erziehen, bilden und aufklären also anders als keine Ahnung Hollywood die dann gerne sagen ne wir haben keinen gesellschaftlichen Nutzen aber hinter der Hand dann eigentlich viel Ideologie, Dummheit und Verwirrung verbreitet.

01:19:32: ja?

01:19:33: Und darin der Nutzen liegt.

01:19:35: soll sollte Kunst des Bitterfelderwegs anders funktionieren.

01:19:40: Und auch das vielleicht, das kommt in dem Buch weniger zum Einsatz aber ist im Kontext des Bittervelderwegs wichtig.

01:19:47: und für Christa Wolf also ich erinnere an die Zirkelschreibender lesende Arbeiterinnen.

01:19:53: Arbeiter sollten selbst schreiben- und künstlerisch tätig werden.

01:19:56: Also man denkt da an die Losung Greif zur Federkumpel von Werner Bräunig.

01:20:02: es geht halt auch darum, dieses Projekt bedeutete dass die Arbeiterin ihr Arbeitsalltag beschreiben und die Höhen der Kultur stürmen, während Intellektuelle direkt in den Betrieb eingegliedert werden.

01:20:15: Indem sie damit arbeiten, indem Sie Ihr Wissen zur Verfügung stellen.

01:20:21: Last but not least, die Arbeitswelt ist ein zentrales Thema in dieser Art von ästhetischem Zugang und der Literatur dieser Zeit.

01:20:30: Also Fabriken, Betriebe, Produktionsprozesse stehen häufig im Mittelpunkt.

01:20:34: Ich würde sagen, dass der Geteilteimel niemals so großartig wäre wenn die Passagen zum Bagaumbauwerk nicht existieren würden.

01:20:43: Dann wäre es nur eine Liebesgeschichte die man vielleicht psychologisch interpretieren und Doktoren kann, aber die politische, die historische und die gesellschaftliche Dimensionen, die Liebesgeschichten erst spannend macht.

01:20:55: Und ich denke gerade an Shakespeare unter anderem auch.

01:20:58: Die wäre dann nicht vorhanden.

01:21:00: Dann wäre glaube ich das Buch von Minder im Rang für die Zuhörerinnen vielleicht auch wichtig.

01:21:09: Auch sinnvoll kurz mal zu erwähnen, wer so die wichtigsten Vertreter des Bitterfelderwegs sind also eine besprechen wir gerade Christa Wolf mit der geteilte Himmel.

01:21:20: Ferner ist ein Vertretern eher wie ein Strittmatter, ein Buch lesenswertes Buch ist Ole Bienkopp oder Erik Neusch Spur Der Steine Wen habe ich hier noch aufgeschrieben, Herrmann Kant die Aula oder Brigitte Reimann zum Beispiel das Buch Franziska Linkerhand.

01:21:37: Oder demnächst ein Buch zu Reimannen in dieser Reihe.

01:21:40: so viel sei an dieser Stelle verraten.

01:21:43: Wie dem auch sei Schlussfolgerung zum Bitterfelder Weg ist auch Einmalig und fast vergessen steht der Bitterfelder Weg in der Geschichte Deutschlands auch für eine radikale Demokratisierung der Kunst durch die arbeitende Klasse.

01:21:58: Und für den Kampf gegen die stumme Zensur des proletarischen Lebens, durch die Märkte und den Kapitalismus.

01:22:05: Das erfährt man ja heute.

01:22:06: also wie viele Bücher Die jährliche Erscheinen schreiben über das proletarische Leben oder die Arbeitswelten.

01:22:12: Der Pitterfelder Weg war insofern auch der Versuch, die Trennung von Kunst und Klasse zu überwinden.

01:22:18: Und meiner Ansicht nach bemüht Christa Wolf mit der geteilte Himmel nichts anderes.

01:22:22: Und meine Ansicht Nach gelingt es hier auch.

01:22:25: Aber somit komme ich zu meiner Schlussfrage Johanna!

01:22:30: Die Erzählung hat ja auch einen sehr zeitlichen Aufbau.

01:22:33: Diese Struktur, von der du gesprochen hast es gibt zwischen Vergangenheit und Gegenwart schieben sich immer diese Erinnerungen.

01:22:40: Der Text wechselt auch zwischen Präsenz und Präteritum.

01:22:44: Es gibt diese Stelle wo es heißt Instinktiv türmt sie, also Rita.

01:22:52: Da zeigt ihr nicht zur Verfügung steht Gedanken zwischen sich und jenes Ereignis.

01:22:57: Also das heißt die Trennung mit Manfred und seine Flucht.

01:23:00: Und entfernt es allmählich weit genug von sich dass Sie es von Anfang bis Ende übersehen kann.

01:23:05: Absatz absatz und dann geht's quasi in Vergangenheitsform in der Erinnerung weiter.

01:23:10: Unter diesem Gesichtspunkt entwickelt Christa Wolf ja auch eine literarische Form um historische Erfahrungen der Arbeiterbewegung zu verarbeiten, ohne den Sozialismus aus den Augen zu verlieren.

01:23:22: Mir scheint es das nur möglich ist da sie wie ihre Hauptfigur auf der Seite der Arbeitsbewegungen bleibt und sich ebenso wie Rita für den Sozialismus entscheidet.

01:23:32: also die Zukunft der Klasse bleibt ständig offen.

01:23:35: Es gibt keine Sackgasse so.

01:23:39: Meine Ansicht nach ist auch der wichtigste Satz in diesem Buch nicht dieses Zitat zum geteilen Himmel, sondern wer nichts mehr liebt und nichts mehr hasst kann überall und nirgends leben.

01:23:52: Also auch auf dem Mond muss man sagen.

01:23:55: Johanna wie siehst du das?

01:23:57: Ist klassenliterarische Erinnerungsarbeit ohne Parteilichkeit überhaupt möglich?

01:24:04: Das ist eine sehr schöne Frage und da würde ich auf jeden Fall nein sagen.

01:24:10: Also, ich glaube es braucht eine bestimmte Form von Erinnerungsarbeit die parteilig ist, die an den Kämpfen, an den Niederlagen auch anscheitern abarbeitet oder die irgendwo auch versucht aufzugreifen und einzuspeisen in eine Form von Lernprozess.

01:24:38: Also erinnern ist immer auch eine Arbeit für was zukünftig ist, insbesondere wenn es eben auf so eine Art und Weise passiert wie jetzt hier von Christa Wolf über Ritas Entwicklung und Ritas Erinnerungsarbeit dargestellt.

01:24:59: Und da kann man würde ich ganz generell diese aktuelle Frage aufwerfen, die ja auch andere zeitgenössische Theoretikerinnen oder Autoren aufwerven.

01:25:10: Nämlich die Frage nach Erinnerung als zentrale Motor für auch emanzipatorische Perspektiven also inwiefern damit das Buch jetzt vor uns der geteilte Himmel einfach so ein bisschen die Frage aufwirft Wie hält man an einem emanzipatorischen oder an einem sehr hoffnungsvollen Projekt wie der sozialistischen Idee, der DDR fest?

01:25:43: Ohne blind gegenüber eigenen Verhärtungen zu werden.

01:25:47: Eigen auch eigenem Scheitern zu werden eigene... Opfer dann auch wahrzunehmen, aber diese nicht zu glorifizieren oder daran sich nur einzig abzuarbeiten.

01:26:02: Sondern es immer auch zu versuchen irgendwo in einem gesamtgesellschaftlichen Prozess und zwar auch eine geteilten kollektiven Erinnerungsarbeit zu verorten.

01:26:15: also eben würde man, es gibt ein sehr schönes Zitat von Fritz Güde.

01:26:23: Fritz Güde ist ein Mitbegründer des Rezensionsmagazins oder das Dein Merkmagazines kritisch lesen was du auch ja zu Anfang erwähnt hast und dem ich ja jetzt auch schon einige Jahre angehöre.

01:26:36: und Fritz-Güde hat mal über den Prozess was ganz Passendes geschrieben.

01:26:42: Ich habe das jetzt mal noch mitgebracht, vielleicht gebe ich das so ein bisschen ergänzend zu Christa Wolff mit.

01:26:49: Also diese Melancholie und die Trauerarbeit vielleicht auch, die diesem Buch ja auch inherent ist durch dieses quasi Ringen von Rita mit dem Scheitern der Beziehung

01:27:01: etc.,

01:27:01: und dem Scheitan letztlich auch einer bestimmten ersten den ersten zehn Jahren eines Projekts letztlich oder einem weiterentwickeln, aber jedenfalls einer Umorientierung die auch sehr fragmentiert die Menschen zurückgelassen hat.

01:27:20: Da dem schließe ich jetzt an dieses Zitat gerade nicht im Fallenschein der guten Vorsätze wir würden im Neujahrs Schnee anders an die Sache herangehen.

01:27:30: Nein in der Gewissheit, dass unsere Züge nicht weniger entstellt.

01:27:34: Unsere Hände nicht weniger schmutzig sein werden als die jener, die uns vorangegangen.

01:27:40: Aber mit dem kleinen Unterschied das wir aufeinander achten wollen aufpassen wann es mit uns soweit ist dann die Narben und Wunden nicht verstecken und zudecken sondern offen ins Licht halten.

01:27:52: Und ich glaube da is Christa Wolfs Buch glaub ich ein sehr zeitloses Exemplar oder ein Zeitzeuge dieser Arbeit, der Erinnerungsarbeit.

01:28:08: Johanna, diesem Schlusswort habe ich nichts hinzuzufügen.

01:28:12: Vielen Dank für das Gespräch und bleibt weiter dran bei Kritisch Lesen!

01:28:17: Vielen Dank dir und mach's gut!

01:28:24: Hi Leute dieses Projekt lebt von eurer Unterstützung und eurer Solidarität.

01:28:29: wenn euch die Folge gefallen hat like diesen Beitrag kommentiert ihn Teilt ihn und folgt diesem Podcast auf den euch bekannten sozialen Medien.

01:28:38: Wenn ihr etwas Geld übrig habt, dann spendet für dieses Projekt Infos.

01:28:43: wie ihr das tun könnt findet ihren Beschreibungstext denn dieses Projekt wird ausschließlich mit eigenen Mitteln beschritten.

01:28:50: Wir hören voneinander wenn es wieder heißt klasse Literatur der podcast mit Klassenperspektive.

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